Aus den Feuilletons

Sind Bücher ganz furchtbare CO2-Schleudern?

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Eingeschweißte Bücher stapeln sich in Reihen nebeneinander.
Auch beim Bücherkauf sollte man auf den ökologischen Fußabdruck achten, verlangt die "NZZ“. © imago images / photothek
Von Burkhard Müller-Ullrich · 27.12.2019
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Um das Klima zu retten, müssen überall Ressourcen eingespart werden. Dabei geht es dem Autofahrer genauso an den Kragen wie der Fernreisenden. Doch wie sieht die Energiebilanz eines Viel-Lesers aus? Dieser Frage widmet sich die „Neue Zürcher Zeitung“.
Als ob die Zeitungsredaktionen mit uns Rezipienten noch eine Rechnung offen hätten oder als ob es noch was nachzuholen gälte in den letzten Momenten des alten Jahres oder als ob sie uns gleich fürs neue drohend zeigen wollten, wozu sie alles fähig sind, liefern sie uns kollektiv verfasste Riesen-Riemen, an denen man stundenlang zu lesen hat.
Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG zum Beispiel ein Beethoven-Lexikon, das sich über vier Seiten erstreckt – oder sollte man sagen hinzieht? Von A wie Adelaide oder Alkohol bis Z wie Zehnte Sinfonie oder "zu spät" gibt es – nachgezählt! – 59 Miniaturen zu diesem "ersten modernen Künstler". Was genau bedeutet diese Bezeichnung?
"Das hängt mit der Französischen Revolution zusammen. In ihrer Folge durfte sich jeder Mensch als Zentrum des Universums denken. Zudem zerfiel das Ich in viele kleine Inseln, uneins untereinander wie mit der Welt im Dauerzwist. Das bekamen besonders die Künstler zu spüren, die von nun an nicht Bedienstete im Feudalsystem waren, sondern sich als freie Künstler in der Welt beweisen, in ihr überleben mussten. Beethoven ist der Prototyp dieses Prozesses. Er ist der erste moderne Künstler."
Soweit der Vorspann zum lexikalischen Projekt, in dem aller Moderne zum Trotz die Münze "Taler" konsequent mit h geschrieben wird.

Fragen an das neue Jahrzehnt

Die zweite großvolumige Feuilletonlieferung kommt von der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG und beinhaltet – ebenfalls auf mehreren Seiten – "Fragen an das neue Jahrzehnt". Herausgeber Jürgen Kaube setzt den Ton: "Wir haben immer mehr Leute, die fast ohnmächtig werden, wenn sie eine Stunde lang nur einer einzigen Sache folgen sollen. Die ersten iPhones sind 2008 auf den Markt gekommen. Wer damals sechs war, macht gerade Abitur. Im kommenden Jahrzehnt werden sie erwachsen. Es wird interessant sein."
An diesen kleinen Geräten, auf denen man übrigens auch Kaubes Texte lesen kann, und täten es mehr Menschen und bezahlten dafür, wäre die Redaktion dem Ganzen gewiss weniger abgeneigt – an diesen kleinen Geräten arbeitet sich ein Großteil der Redakteure ab. Paul Ingendaay teilt beispielsweise mit: "Neulich habe ich sogar eine Fibel angeschafft, um mit Bleistift Buchstaben zu üben."
Sein Beitrag gipfelt in dem schönen Satz: "Hier und da bewusst analog zu sein heißt: die Zeit anhalten. Weniger Breite, mehr Tiefe." Verena Lueken teilt mit, man solle Funklöcher als Formen von Freiheit betrachten. Melanie Mühl fragt mit Berufung auf die Body-Positivity-Bewegung und die Body-Neutrality-Bewegung: "Wer möchte schon in einer Gesellschaft leben, in der vor allem der weibliche Instagram-Körper als Ideal gilt?" Als hätte es nicht zu allen Zeiten idealisierte Körperformen gegeben.
Sibylle Anderl fordert von den Wissenschaftlern mehr politisches Engagement, so wie es vor 50 Jahren bei uns und im Kommunismus noch früher von den Künstlern gefordert wurde; und Sandra Kegel bewundert ein umweltfreundliches Regime wie in Singapur: "Dort darf in den nächsten Jahren kein Bürger mehr ein neues Auto anmelden außer im Tausch für ein altes. Und wer eine Autozulassung erhält, den kostet der Spaß zusätzlich zum Autokauf noch einmal gut 50.000 Euro."

Der ökologische Fußabdruck von Büchern

Vielleicht sollte man aber auch beim Bücherkauf mal auf den ökologischen Fußabdruck achten, empfiehlt Roman Bucheli in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG. Denn Bücher, schreibt er, "sind, wenn man es sich genau überlegt, ganz elende und furchtbare CO2-Schleudern". Angefangen mit der langen Fertigungszeit selbst eines schmalen Romans, während der der Dichter lebt und atmet, möglicherweise Zigaretten raucht oder auf der Suche nach Inspiration in der Gegend herumfährt, bis hin zu den zahlreichen Lesereisen, die auf die Veröffentlichung folgen. Und was ist mit all den Werken, die der Dichter gelesen hat, um sein eigenes schreiben zu können?
"Da kann man dann in der CO2-Bilanz die Herstellung der ‚Odyssee‘ und des ‚Ulysses‘ gleich mitrechnen. Und alles, was diesen wiederum vorausging", gibt der NZZ-Autor zu bedenken. Von dem gigantischen Ressourcenverbrauch bei der Papiererzeugung und -bedruckung ganz zu schweigen. Aber das gilt ja – um Himmels willen! – ebenfalls für die Zeitungen.
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