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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 22.04.2020

Aus den FeuilletonsSehnsucht nach Umgangsformen der Vergangenheit

Von Tobias Wenzel

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Porträt des Philosopheb Gernot Böhme anläßlich einer Diskussionsrunde und Lesung am 04.06.2019 in Köln auf der 7. phil.cologne, dem grössten deutschen Philosophie Festival. (imago images / Horst Galuschka)
Der Philosoph Gernot Böhme befürchtet, dass der "Verfall unserer Zivilisiertheit" fortschreitet, schreibt er in der "NZZ". (imago images / Horst Galuschka)

Die "NZZ" sorgt sich um den Verfall der Sitten und meint, dass wir weniger zivilisiert seien als früher. Im Zeitalter der Aufklärung habe man aus Anstand gehandelt. Heute erkenne man den Verfall am Umgang miteinander im Autoverkehr und im Internet.

"Sind wir noch zivilisiert?". Der Philosoph Gernot Böhme fragt das in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG. Und nein: nicht mit Blick auf das Coronavirus und dessen Folgen, sondern ganz allgemein. Die Antwort, die man aus seinem Text herausliest: Wir sind weniger zivilisiert als früher. Und es ist zu befürchten, dass der "Verfall unserer Zivilisiertheit" fortschreitet.

Immanuel Kant sei noch stolz auf den Grad der Zivilisiertheit seiner Zeit gewesen, erläutert Böhme: "Das heisst, dass man das Rechte tat, nicht weil man aus Prinzipien handelte, sondern weil es sich so gehörte und dem Anstand entsprach."

Böhme führt nun einige Beispiele für den heutigen Verlust von Zivilisiertheit an: das Verhalten einiger im Straßenverkehr. Die Nichtbeachtung von Regeln der Höflichkeit im Internet, gerade wenn man sich hinter der Anonymität verstecken kann. Das massenhafte Mobbing. Und Terrorakte von Einzeltätern, so der Philosoph:

"Sie werden verübt von Menschen, bei denen die natürliche Tötungshemmung weggefallen ist und die auf ihre Weise der verbreiteten Sucht nach medialer Sichtbarkeit folgen."

Youtube wird 15

Mediale Sichtbarkeit zum Beispiel durch YouTube. Das Videoportal feiert in diesem Jahr 15. Geburtstag. Und die TAZ widmet dem gleich eine ganze Seite. Besonders unterhaltsam ist der Artikel von Nicola Schwarzmaier mit dem Titel "Tiere gehen auf YouTube immer". Untertitel: "Mein Vater war beinahe ein Influencer. Eine Geschichte von technischen und biologischen Missverständnissen".

Der Vater der Autorin ist Kinder- und Jugendpsychiater und hatte einen "coolen 15-jährigen Rapper" als Patienten. Der hat sich dann in seinem YouTube-Account auf dem Computer des Psychiaters eingeloggt, um dem Psychiater ein Video zu zeigen.

"Monate später war ich zu Besuch in der Heimat und mein Vater hatte ein Video von einem Pferd aufgenommen, das mit den Zähnen einen Rhythmus machte", schreibt Schwarzmaier. "Fand er super lustig und wollte er auf YouTube hochladen als 'Rössle-Räp'."

Das wurde dann auch, mit Unterstützung der Autorin, gemacht. Bis sie merkte, dass ihr Vater noch mit dem Account des coolen rappenden Jugendlichen eingeloggt war. Das Video wurde dann gelöscht.

"Ich habe trotzdem so gelacht, dass ich mir fast in die Hose gemacht habe", schreibt sie, also bei der Vorstellung, die Freunde des Jungen hätten den Pferde-Zähne-Klapper-Rap auf dessen YouTube-Kanal entdeckt. Mittlerweile wissen die Autorin und ihr Vater folgendes:

"Fohlen und Jährlinge klappern mit ihren Zähnen, um zu ihrem Schutz den älteren Pferden Unterwürfigkeit zu signalisieren."

Erstaunliche Unterwerfung im Coronaalltag

 "Lustvolle Unterwerfung", so hat Adam Soboczynski seinen Artikel für DIE ZEIT genannt. Und er meint nicht Pferde, sondern Menschen: "Zu den bleibenden Erinnerungen an die Corona-Zeit wird der erstaunliche Gehorsam gehören, zu dem sich große Teile der westlichen Welt derzeit bereit erklären", schreibt er.

"Kontaktverbote, der Rausschmiss aus Zweitwohnungen, Knöllchen fürs Spazierengehen werden nicht demütig, nein, sie werden dankbar akzeptiert."

Sogar das Denunzieren sei wieder zum "Volkssport" geworden. Deshalb passe es in diese Zeit, dass die Franzosen gerade begeistert die Filme von Louis de Funès schauen.

In den Worten Soboczynskis: "Ob er einen Restaurantkritiker oder einen Restaurantbesitzer, einen Gendarmen oder einen Unternehmer, einen Regisseur oder einen Dirigenten spielt – stets offenbart sich seine Höllennatur: die Lust, Untergebene zu demütigen, und die Neigung, sich bei Höhergestellten einzuschleimen."

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