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Kulturpresseschau | Beitrag vom 11.01.2020

Aus den FeuilletonsSehenden Auges in die Katastrophe

Von Ulrike Timm

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Studenten mit Plakaten und Megafon demonstrieren angesichts der Buschbrände in Australien für eine bessere finanzielle Ausstattung der Feuerwehren. (Joshua Prieto/imago images / ZUMA Press)
In Australien wächst der Druck auf die Regierung, wie hier in Brisbane. (Joshua Prieto/imago images / ZUMA Press)

Australien brennt. Nirgends ist der Pro-Kopf-Ausstoß von Treibhausgasen größer als dort. Seit Jahrzehnten setzt die Regierung auf den Kohleabbau. Diese Gedankenlosigkeit macht den australischen Autor Richard Flanagan wütend – nachzulesen in der "Zeit".

"Selbstdekolonisierung bedeutet, das Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten wiederzuerlangen. Sklavenhandel und Kolonialismus haben nicht nur die Fähigkeit ausgelöscht, humane Gesellschaften zu gründen, sich um seine Mitmenschen zu kümmern, Beziehungen herzustellen, die das Leben wachsen lassen, sondern auch die Fähigkeit, sich um sich selbst zu sorgen. Wir müssen aufhören, darauf zu hoffen, dass eines Tages jemand kommt und sich um uns kümmern wird."

Der Historiker und Politologe Achille Mbembe gilt als bedeutendster Theoretiker des Postkolonialismus und er denkt in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG über die Möglichkeit einer globalen Gesellschaft nach, die ihr Modell ausgerechnet auf dem geschundenen afrikanischen Kontinent finden könnte: "Wir müssen daran glauben, dass es die Aufgabe der Menschheit ist, die Erde zu reparieren. Und dass eine der Bedingungen dafür darin besteht, sie so gerecht wie möglich zu teilen", sagt Mbembe. "Ich will an diesen Idealen festhalten."

"Wir müssen die Leute zum Träumen bringen"

Wer den Idealisten Mbembe als bloßen Träumer verkennt, übersieht, wie klar und hart er den Ist-Zustand analysiert, bevor er zu seinen Vorstellungen ansetzt. Seine Gedanken entwickelt der Wissenschaftler aus Kamerun, der in Johannisburg lehrt, im Gespräch mit der SÜDDEUTSCHEN. Fantasie fürs scheinbar Unmögliche gehört ausdrücklich dazu: "Wir müssen die Leute zum Träumen bringen. Das war ja das Projekt der Aufklärung: den Menschen zu befähigen, auf eigenen Füßen zu stehen."

Wut auf die australische Regierung

Es waren aber vor allem Albträume, die die Bilder und Artikel der vergangenen Woche bestimmten. Sydney im Rauch, verzweifelte Menschen, verkohlte Kängurus, in flammend rotes Licht getauchte Landschaften. Australien brennt. "Vor der Buchhandlung im vom Feuer verwüsteten Dorf Cobargo in New South Wales steht ein neues Schild: ‚Postapokalyptische Belletristik steht jetzt unter Aktuelles Zeitgeschehen‘", schreibt der australische Schriftsteller Richard Flanagan in der ZEIT, und auch wenn sich das wie eine pittoreske zynische Betrachtung liest, ist der Grundton des Autors Angst.

Angst und Wut. Wut vor allem auf die australische Regierung, die seit Jahrzehnten voll auf den Kohleabbau setzt, der sich in den vergangenen 30 Jahren verdoppelte. Nirgends ist der Pro-Kopf-Ausstoß von Treibhausgasen größer als in Australien. "Die Situation erinnert auf gespenstische Weise an die Sowjetunion in den 1980ern, als die regierenden Funktionäre allmächtig waren, ihnen aber die grundlegende moralische Legitimation zum Regieren wegbrach", so analysiert es Flanagan.

Tschernobyl der Klimakrise?

"In Australien steht heute eine politische Klasse, die in ihren Hirngespinsten erstarrt und wahnsinnig geworden ist, vor einer beängstigenden Realität, mit der sie sich weder auseinandersetzen kann, noch will." Ausgehend von der These Michail Gorbatschows, nach der der Zusammenbruch der Sowjetunion mit der Atomreaktorkatastrophe von Tschernobyl begann, fragt Flanagan in der ZEIT: "Könnte sich die unermessliche Tragödie der Buschfeuer in Australien vielleicht dereinst als das Tschernobyl der Klimakrise erweisen?"

Der TAGESSPIEGEL beleuchtet das Thema aus anderer Perspektive, beschreibt, wie der Song "How do we sleep while our beds are burning?", der schon einige Jahre auf dem Buckel hat, ein ungeahntes Revival erlebt und erneut zur Protesthymne wird. Eigentlich erzählt er von den Kolonialherren, die den Aborigines das Land stehlen.

Inzwischen, wo "Betten nicht mehr metaphorisch brennen, sondern real", wächst ihm neue Bedeutung zu. "Wobei den stoisch an ihrem Drei-Akkorde-Konzept festhaltenden Rockdinosauriern von AC/DC das Verdienst gebührt, bereits 1979 darauf hingewiesen zu haben, wohin das Leben auf dem Gaspedal führen kann: über den 'Highway to hell' direkt in die Apokalypse." 
 
Die SÜDDEUTSCHE illustriert die Klimadebatte in saftigem Grün. Gemeint ist die Ski-Schussfahrt auf künstlicher Piste vom sattgrünen Hang ins schneefreie Tal. Aber nun soll auch der Ski-Sport umweltfreundlich werden, "der Ski-Ort Ischgl kompensiert Emissionen, dafür darf er sich 'klimaneutral' nennen"...

"Wird der Megxit ähnlich zäh wie der Brexit?"

Ein weiterer Aufreger der Woche: "Adel verzichtet". Prinz Harry und Herzogin Meghan wollen Abstand zur königlichen Familie schaffen, der Firma, aus der man bekanntlich nicht austreten kann. "Fachkräftemangel im Hause Windsor" diagnostiziert das HANDELSBLATT. "Wer wird künftig die Sicherheit übernehmen? Wer kommt für die Kosten auf, wenn Harry als 'Freelance-Prinz' im Auftrag der Krone auf Reisen geht?", fragt die FRANKFURTER RUNDSCHAU, immerhin wolle das Paar ja weiterhin "uneingeschränkt" die Queen unterstützen.

"Aussteigen auf royale Art", so die WELT, sei schwierig. Das Königshaus selbst ließ ausrichten, dass die Diskussion mit den beiden noch am Anfang stünde, was schnell eine neue Vokabel in Umlauf brachte, den Megxit. "Wird der Megxit ähnlich zäh wie der Brexit?", fragt die SÜDDEUTSCHE prompt. Der SPIEGEL weist darauf hin, dass die ohnehin nie zimperliche britische Boulevardpresse Prinz und Herzogin letztlich zu Freiwild erklärt habe:

"Von Anfang an mischten sich in die Berichterstattung über Meghan, deren Mutter Afroamerikanerin ist, rassistische und sexistische Töne." In der Thronfolge, meint die WELT, sind Harry und Meghan ja eh nur "Ersatzrad", jetzt müssten sie eben ihre eigentliche Bestimmung neu finden.

Ratschläge gegen Langeweile

Falls dabei Langeweile aufkommen sollte, macht die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG Mut mit jeder Menge Ratschläge gegen Langeweile im neuen Jahr, die sich in der Zeit-Totschlage-Maschine Internet finden lassen: "Sie reichen von der Empfehlung, ein gutes Buch zu lesen, bis zur Ermutigung, die Gitarre aus dem Schrank zu holen und wieder einmal darauf zu spielen oder seine Erinnerung aufzuschreiben."

Das kommentieren wir mit der schönsten Überschrift der Woche. Die findet sich in der SÜDDEUTSCHEN. Eigentlich geht es dabei um die Rettung aussterbender Geräusche und sie lässt sich, pardon, besser lesen als sprechen, aber sei's drum: "Zzzzzzzzzzzz-ssssssssch".

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