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Kulturpresseschau | Beitrag vom 20.10.2019

Aus den Feuilletons"Sebastião Salgado macht Leid konsumierbar"

Von Tobias Wenzel

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Der 75-jährige Sebastião Salgado in Nahaufnahme bei der Preisverleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche. Hinter ihm applaudieren Leute. (dpa/Andreas Arnold)
Sebastião Salgado hat als erster Fotograf den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels gewonnen. (dpa/Andreas Arnold)

Die "FAZ" kritisiert die Vergabe des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an Sebastião Salgado: „Welche Würde ist das: Auf einer Fotografie die übermenschliche Schönheit einer Heiligen anzunehmen – und vielleicht nur kurz darauf zu sterben?“

"Wenn sie englisch reden, sind die Norweger einfach komisch und witzig. Solange sie aber norwegisch sprechen, sind sie komisch, witzig und auch noch musikalisch", schreibt, geradezu verzaubert, Roman Bucheli in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG über den Gastlandauftritt Norwegens auf der Frankfurter Buchmesse.

"Sie klopfen zu ihren Texten, nicht etwa nur zu den Gedichten, mit den Füßen den Takt!" Bucheli hätte sich deshalb eines vom Gastland Norwegen gewünscht: "dass seine Dichterinnen und Dichter nur norwegisch gesprochen hätten".

Worum ging es bei der Kritik an Handke?

Vielleicht klingen sogar die Jugoslawientexte Peter Handkes, der sich mit serbischen Kriegsverbrechern solidarisiert hat, auf Norwegisch nur unschuldig-musikalisch, jedenfalls für alle, die des Norwegischen nicht mächtig sind.

Gegen Ende der Buchmesse seien die Diskussionen über Handke und den Literaturnobelpreis doch "ziemlich abgeschlafft" gewesen, urteilt Marie Schmidt in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG. Es sei da auch einiges durcheinander geraten:

"Ging es darum, was Peter Handke geschrieben oder verharmlost hat? Um die Rückkehr der Balkankonflikte in die kollektive Erinnerung? Darum, dass wir alle zu wenig Handke gelesen haben (allseits Zustimmung)? Darüber, wie Handke einmal seine Frau getreten hat?"

Salgados Bildformeln der christlichen Ikonographie

Wenn der brasilianische Fotograf Sebastião Salgado dabei gewesen wäre, hätte er den Gewaltakt dann wohl aus einem besonders ästhetischen, perfekten Blickwinkel festgehalten?

Salgado, der als erster Fotograf den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten hat, ist bekannt für Bilder, die das menschliche Leid zeigen, zum Beispiel ausgemergelte Körper in der Dritten Welt.

"Ich könnte weinen, sagen die Besucher in Salgados Ausstellungen angesichts seiner Aufnahmen, aber sie weinen nicht", schreibt Freddy Langer in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG.

"Vielmehr werden viele der Bilder all der erschütternden Motive zum Trotz konsumierbar durch die Perfektion einer Überwältigungsästhetik und die Bildformeln der christlichen Ikonographie, in deren Tradition Salgado eine Mutter mit Kind in erbärmlichsten Verhältnissen zur Madonna stilisiert und mancher geschundene Leib an die Kreuzabnahme Christi erinnert. Gern wird dann von Würde gesprochen, die den Menschen auf diese Weise zuteilwerde. Doch welche Würde ist das: Auf einer Fotografie die übermenschliche Schönheit einer Heiligen anzunehmen – und vielleicht nur kurz darauf zu sterben", kritisiert Freddy Langer die Vergabe des Preises an Salgado.

John le Carré denkt an Emigration

"Oh, ich trinke Ihren Tee", sagt plötzlich John le Carré zu Sonja Zekri, die ihn für die SZ interviewt. Der Tee-Fauxpas lässt sich mit der Wut des Autors erklären, die er beim Schreiben seines neuen Romans "Federball" empfunden hat und die nun noch einmal im Interview hochkommt. Wut über Brexit und Populismus:

"Wie wurden wir lächerliche Briten bewundert für unseren gesunden Menschenverstand, unser Fair Play! Alles Bullshit. Wir sind zu einer Art Glaubensgemeinschaft geworden, glaubensgesteuerte politische Extremisten."

Die Stimmung in England sei gerade "niederschmetternd" und "klaustrophobisch". Irland erscheint John le Carré als geeignetes Fluchtziel. "Vielleicht kaufe ich mir dort ein kleines Haus, um zwischendurch durchatmen zu können", sagt er. "Einen irischen Pass habe ich jedenfalls schon beantragt."

Als vorübergehendes Exil böte sich auch Norwegen an. Das ist, so Roman Bucheli in der NZZ, nicht nur sprachlich musikalisch, sondern auch noch unkonventionell in der Förderung von Nachwuchsautoren. Bucheli zitiert Tomas Espedal, der eben auch komisch und witzig ist, mit folgenden Worten: "Wir geben ihnen Zigaretten, Alkohol und lehren sie zu kämpfen. So werden sie gute Schriftsteller."

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