Dienstag, 20.04.2021
 

Kulturpresseschau | Beitrag vom 10.11.2020

Aus den FeuilletonsSchule im Museum

Von Tobias Wenzel

Kinder mit Mützen stehen vor einer leuchtenden Weltkarte. (picture alliance /dpa/Christoph Schmidt)
Die "SZ" freut sich über die Idee, den Schulunterricht in die wegen Corona geschlossenen Museen zu verlegen. (picture alliance /dpa/Christoph Schmidt)

Wenn sowieso alle Museen geschlossen haben, warum dann die leeren Musentempel nicht einfach anderweitig nutzen? Das fragt sich die "SZ" und freut sich über den Vorschlag einer Museumsdirektorin: Die Schulen sollen dort ihren Unterricht durchführen.

"Kûkô no robî de taihen utsukushî gaikoku no onna no hito wo mita", zitiert Philipp Meier in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG aus seinem Japanisch-Lehrbuch. Wenn Sie, liebe Hörer, kein Japanisch können oder mein miserabel ausgesprochenes Japanisch nicht verstehen, aber wissen möchten, was dieser Satz bedeutet, dann müssen Sie sich bis zum Ende der Kultupresseschau gedulden.

Tweets aus dem Krieg

Denn erst mal wird es deutsch-französisch, mit dem Deutsch-Französischen Krieg: "Twittern wie 1870/71" hat Matthias Heine seinen Artikel für die DIE WELT betitelt. Heine ist fasziniert von einem Projekt, das ein Team um die Historiker Tobias Arand und Christian Bunnenberg umgesetzt hat.

Bei Twitter veröffentlichen die Beteiligten regelmäßig, was auf den Tag und teilweise sogar auf die Tageszeit genau "Heute vor 150 Jahren" über den Deutsch-Französischen Krieg geschrieben wurde: wie ihn die fünfzig ausgewählten Protagonisten sahen, von Friedrich Nietzsche, der damals Sanitäter war, über Friedrich Engels, der in englischen Zeitungen den Krieg kommentierte, bis zu unbekannten Akteuren.

"Der Effekt ist faszinierend", schreibt Matthias Heine. Denn so werde dieser Krieg "aus dem Dunkel der Vergessenheit gerissen". Da sehe man, wozu dieses moderne Medium Twitter auch gut sein könne, so Heine, "wenn Menschen es nicht nur nutzen, um sich gegenseitig anzurotzen."

Im Krieg von 1870/71 starben besonders die Franzosen nicht zuletzt durch Krankheit. Das habe auch am fehlenden Impfschutz gelegen, so Heine: "23.000 Franzosen fielen den Pocken zum Opfer. Bei den Deutschen, wo im Königreich Bayern und im Großherzogtum Hessen schon 1807 erstmals die Impfpflicht eingeführt worden war, kam diese Todesursache seltener in Betracht."

Ruhe im Matheunterricht 

Bevor die Kultur an Corona stirbt, fordert Catrin Lorch in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG lieber "Mathe im Museum". Die Kulturorte stehen gerade leer, warum also nicht, wie es Christina Végh, die Direktorin der Bielefelder Kunsthalle, vorgeschlagen hat, dort Schüler lernen lassen? Zumal die Schulen wegen der Corona-Abstandsregeln mehr Platz brauchen.

Lorch ist angetan von der Idee: "Allein die Vorstellung, Schulklassen würden monatelang in musealer Ruhe dem Mathematikunterricht folgen, Gesellschaftskunde vor Joseph Beuys erhalten und verteilt im Parkett eines – leicht abgedunkelten – Theatersaals über Geschichte diskutieren – was für ein unerhörter Gewinn!", schreibt Catrin Lorch geradezu euphorisch.

Euphorie nach der Wahl

"Wann waren Sie das letzte Mal euphorisch?", fragt Lin Hierse in der TAZ. Sie selbst schon lange nicht mehr. Aber sie hat in den letzten Tagen euphorische Menschen im Internet beobachtet, in Videos von US-Amerikanern: "Sie feiern die Niederlage eines der mächtigsten Arschlöcher der Welt, sie feiern sich selbst und die Hoffnung." Euphorie müsse systemrelevant werden, findet Lin Hierse, die, da sie selbst nicht mehr zur Euphorie fähig zu sein scheint, melancholisch klingt.

"Als Moment des Innehaltens und der Reflexion" würden neuerdings Kulturwissenschaftler die Melancholie loben, verrät Wolfgang Hellmich in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG: "Die Rückenflosse des Haifisches ist die Melancholie des Menschen. Sie sorgt für sein Gleichgewicht. So gesehen ist es eine gute Nachricht, dass nach einer Umfrage dreißig Prozent der Mitteleuropäer melancholisch sind."

Wenn Sie, liebe Hörer, das noch nicht euphorisch stimmen sollte, dann hier, wie versprochen, die Übersetzung für den Satz, den Philipp Meier seinem Japanisch-Lehrbuch entnommen hat und in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG zitiert: "In der Flughafenlobby habe ich unglaublich schöne Ausländerinnen gesehen".

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Folgenreiche Schlacht von 1870 - Das Städtchen Woerth und sein kriegerisches Erbe
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