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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 19.10.2015

Aus den FeuilletonsSchlechter Moderationsstil

Von Hans von Trotha

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Günther Jauch in seiner Talkshow. (dpa / Paul Zinken)
Noch bis Ende des Jahres moderiert Günther Jauch seine Talkshow, Kritik gibt es immer wieder. (dpa / Paul Zinken)

Die Redaktionen der Tageszeitungen brauchten ein paar Tage, um das Gesehene zu reflektieren, jetzt aber formulieren sie deutliche Kritik: an Navid Kermanis Dankesrede für den Friedenspreis, an Günther Jauchs Umgang mit der AfD und an Berliner Polizisten.

"Was meint Navid Kermani, wenn er "Snuff" sagt?", fragt Verena Lueken in der FAZ und beginnt ihren Text mit ein paar drastischen "Snuff"-Szenen, alles Sequenzen aus westlichen Filmen, und schreibt dann:

"Navid Kermani hat in seiner Dankesrede für den Friedenspreis in der Frankfurter Paulskirche am vergangenen Sonntag als Muslim gesprochen, der die vermeintliche Hilflosigkeit des Westens gegenüber den Kriegen in Syrien und im Irak zwar kritisierte, der aber im Wesentlichen über den Islam und dessen innere Zerstörung sprach und zu einem erschütternden Ergebnis kam. 'Es gibt keine islamische Kultur mehr', sagte er.

Zwangsläufig dachte man: Wie sieht es mit unserer aus? Kermani fragte das nicht. Aber eine innere Zerstörung, die den Westen zersetzt, schien in zwei Chiffren auf, die nur auf den ersten Blick beiläufig erscheinen: die Shoppingmall, die neben der Kaaba in Mekka steht, und die Snuff-Videos des 'Islamischen Staats', der 'mit seinen Bildern eine immer höhere Stufe des Horrors zündet'. Die Verwendung von 'Snuff' in Kermanis todtrauriger Rede verweist auf uns. Es sind unsere Erzählungen, die da kopiert werden, unsere Bildstrategien ... Snuff, das sind wir".

Kritik an Navid Kermani

Berührt von der Rede war auch Johan Schloemann von der SÜDDEUTSCHEN – wenn auch nicht nur angenehm. "Buch-Messe" titelt er, setzt allerdings einen Bindestrich zwischen "Buch" und "Messe" und ein Fragezeichen dahinter. Unter dieser Überschrift schreibt er: 

"Alle zeigten sich gerührt, als Navid Kermani in der Paulskirche zum gemeinsamen Gebet aufrief."

Schloemann jedoch findet das im Nachhinein gar nicht mehr so anrührend:

"Nimmt man aber etwas mehr Abstand zu dem Ereignis ein, liest man die Rede noch einmal nach oder schaut sie sich in der ZDF-Mediathek an – dann wird bald deutlich, dass das, was Navid Kermani da am Sonntag veranstaltet hat, ein unerträglicher Übergriff war", durch den einer, so Schloemann, drohe, sich "genau jener Beschwörung einer politischen Theologie anzugleichen, die er dem radikalen Islam als Übergriff vorwirft. Insbesondere wenn er damit, wie Kermani, den Terroristen 'ein Bild unserer Brüderlichkeit entgegenhalten' will, also meint, so im Bilderkrieg mit dem IS bestehen zu können."

– Da ist er wieder: der Bilderkrieg .- "Ist", fragt Schloemann sich am Ende selbst, "solche Kritik nicht aggressiv religionsfeindlich? Nein", findet er, das Gegenteil ist richtig:

"Die Religionsfreiheit gebietet, das Gebet den einzelnen Bekenntnissen zu überlassen."

"Ein Hakenkreuz? Das muss nichts heißen"

So wie sich dieser Eindruck erst mit Abstand einstellte, schien auch Schoemanns Blatt-Kollegin Ulrike Nimz erst durchatmen zu müssen, bevor ihr so richtig klar wurde, was da am Sonntagabend los war:

"Es gibt wirklich entspanntere Möglichkeiten, um den Sonntagabend ausklingen zu lassen, als eine von Günther Jauch moderierte Polit-Debatte. Vor allem, wenn das Motto 'Pöbeln, hetzen, drohen – wird der Hass gesellschaftsfähig?' lautet."

Insbesondere geht es um den Auftritt von AfD-Mann Björn Höcke und Zitate wie:

"Der Syrer, der zu uns kommt, hat immer noch Syrien. Wenn wir unser Deutschland verloren haben, dann haben wir keine Heimat mehr."

"Muss man so einen als Gast holen?", fragt Nimz und antwortet:

"Man kann es, aber dann muss man als Moderator gegenhalten, wenn Verschwörungstheorien gemurmelt werden (Gleichschaltung der ARD) und nachhaken, wenn es allzu larmoyant und patriotisch wird."

Dagegen bescheinigt Nimz Günter Jauch treffend eine "somnambule Art der Gesprächsfführung". Ganz so weit wird man bei Katja Schwemmers nicht gehen wollen, die für die BERLINER ZEITUNG den Elektro-Popper Jean-Michel Jarre interviewt hat. Aber das "Jean-Michel Jarre über Mousse au chocolat" in der Überschrift klingt nach einem Titanic-Titel über die Siebziger. Eingebrockt hat sich das Schwemmers mit der eh gefährlichen Eingangsfrage:

"Monsieur Jarre, verraten Sie uns drei Dinge, die man nicht über Sie weiß?"

Die Frage sollte man lieber den Berliner Polizisten stellen, die die Anzeige einer türkischen Familie, deren Auto mit einem Hakenkreuz beschmiert wurde, mit: "Ein Hakenkreuz? Das muss nichts heißen", kommentierten. Doris Akrap schreibt in der TAZ: 

"Keine Anhaltspunkte haben, das können Polizei und Verfassungsschutz immer dann, wenn irgendwas mit Hitler ist. Die Vertreter deutscher Sicherheit, die sind nämlich sehr clever. Die denken sich: 'Pfff, nur weil Hitler draufsteht, ist noch lange nicht Hitler drin. Das wäre ja gelacht, wenn wir uns so billig am Schnauzer herumführen ließen'."

Und dann hat Doris Akrap noch ein schönes, schlagendes Beispiel, nämlich:

"So wie in diesem Film, wo Hitler draufsteht und Katja Riemann drin ist."

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