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Kulturpresseschau | Beitrag vom 23.05.2019

Aus den FeuilletonsSchäbiges Handeln im shabby chic auf Ibiza

Von Hans von Trotha

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Das Bild zeigt einen Screenshot des Ibiza-Skandal-Videos mit dem ehemaligen FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache.  (Spiegel/Süddeutsche Zeitung/dpa)
Die Schriftstellerin Teresa Präauer entdeckt im Innendesign der durch das Strache-Video bekannt gewordenen Villa auf Ibiza eine Mischung aus Geld und Ideenlosigkeit. (Spiegel/Süddeutsche Zeitung/dpa)

Ein echtes Feuilleton-Thema: Die Autorin Teresa Präauer bespricht in der "SZ" die Inneneinrichtung der Villa auf Ibiza, in der die österreichische Regierungskrise ihren Anfang nahm. Nicht nur das verblasste Orientmuster im used look spricht Bände.

"Den Briten war nicht nach Feiern zumute, als sich im Jahr 1919 der hundertste Geburtstag von Königin Viktoria jährte", erinnert Gina Thomas in der Frankfurter Allgemeinen. Und jetzt ist den Briten wieder nicht zum Feiern zumute. Oder doch?

Einer feiert, auf seine Art. Und wer könnte das anderes sein als das britischste aller britischen Gesichter, die der Brexit für unsere europäischen Augen in die vorderen Reihen des Unterhauses gespült hat: Jacob Rees-Mogg.

Viktorianische Erinnerungen in London 

Als der - Zitat Gina Thomas: "konservative Politiker und glühende Brexit-Propagandist, der den Eindruck erweckt, mit den Allüren des viktorianischen Gentleman auf die Welt gekommen zu sein", vor Jahresfrist seine ersten Gastauftritte in Kulturpresseschauen und Youtube-Videos hatte, war er hierzulande völlig unbekannt. Jetzt nutzt er die Gunst der Stunde, sprich: den Brexit und den 200. Geburtstag seiner Königin.

Rees-Mogg hat ein Buch geschrieben: "The Victorians", eine, so Gina Thomas "Eloge auf eine Zeit (Zitat Rees-Mogg:), "in der die Lebenserwartung zunahm, der materielle Wohlstand von Jahr zu Jahr wuchs und die Verfassung sich in herrlicher Weise zu einem beständigen und stabilen Staat entwickelte". Ein unverhohlener Angriff auf die (wieder Zitat:) "politisch korrekte Elite von heute".

Angriff auf die politisch korrekte Elite

Es, so Gina Thomas, "liest sich wie eine Werbebroschüre für das von den Brexit-Befürworten in Aussicht gestellte Wiederaufblühen der nach dem Austritt aus der EU abermals über die eigenen Geschicke waltenden Nation. "Die Viktorianer waren stolz auf das System, das sie geschaffen haben", zitiert Thomas Rees-Mogg, "und wir sollten es auch sein."

Fast wie eine Art Gegengift liest sich da das Zitat des Dichters Ezra Pound aus dem Jahr 1918: "Für die meisten von uns ist der Duft der erloschenen Viktoriana derart unangenehm, dass wir bereit sind, die Vergangenheit dort bleiben zu lassen, wo wir sie gefunden haben."

Österreich hat es am schlimmsten

Gerade in diesen Tagen, in denen in Europa der Nationalismus fröhliche Urständ feiert, ist es eminent wichtig, im Auge zu haben, wie sich Politiker zur Vergangenheit verhalten. Paul Jandl zitiert da aus gegebenem Anlass in der Neuen Zürcher Zeitung Thomas Bernhard mit dem Satz: "In Österreich ist alles immer am schlimmsten gewesen".

"Mit der Schrotflinte", schreibt Jandl, habe Thomas Bernhard "auf die Schatten der Vergangenheit geschossen und damit in einem vergangenheitsseligen Land auch immer wieder in die Zukunft getroffen."

"Auf der politisch ins Gerede gekommenen Insel Ibiza war Bernhard nicht", bemerkt Jandl, "auf Mallorca dagegen schon. Von seiner Ferieninsel aus" habe "der Schriftsteller Thomas Bernhard gerne in die Heimat hinübergeschimpft. "

Geschichtsvergessenheit in Österreich

Die Schriftstellerin Teresa Präauer unterzieht umgekehrt von Österreich aus das im sogenannten Ibiza-Video sichtbare Interieur in der Süddeutschen einer Stilkritik. Sie erkennt "Wände ohne Wiederkehr" und beschreibt, wie "sich zum shabby chic der Einrichtungsgegenstände zuverlässig die Schäbigkeit politischen Denkens und Handelns gesellt. Das verblasste Orientmuster im used look", analysiert sie, "tut, als gäbe es hier Geschichte – und nicht immer bloß Geschichtsvergessenheit."

Und: "Diese Mischung aus Geld und Ideenlosigkeit, mit der sich auch Staaten führen lassen, liefert die Stilvorlage für die Einrichtung einer Mietfinca auf Ibiza. Zusammengewürfelt aus allerlei halbteuren signature pieces, von denen eins das andere übertrumpft, ergibt das ein Bild der Beliebigkeit von Möbelhäusern."

Oder auch von Kleiderkonfektionsketten, um noch einmal Paul Jandl und die NZZ zu zitieren: "Von Bernhard würde es heute stilkritische Kommentare brauchen, in denen bauchscheue T-Shirts braungebrannter Vizekanzler vorkommen oder die Kanzler-Slim-Fit-Mode, die an die Verkäufer bei Peek & Cloppenburg erinnert."

"Dann haben wir den Salat à la Ibiza"

Was der Moment ist, daran zu erinnern, dass der Kurz-vor-Ex-Kanzler der wahre geschichtsvergessen Schuldige am akuten Zustand Österreichs ist, dem jeder als Steigbügelhalter des eigenen Narzissmus recht war.

"Der Österreicher", erklärt Paul Jandl, "neigt dazu, sich selbst über den Kopf zu wachsen. Er bringt es bisweilen auf virtuose Weise fertig, in seinen schlechten Eigenschaften über sich hinauszuwachsen, und dann haben wir den Salat à la Ibiza."

Das letzte Wort hat naturgemäß Thomas Bernhard: "Der Österreicher findet sich mit jeder Tatsache ab, oder er geht zugrunde, wenn er nicht dadurch längst zugrunde gegangen ist, dass er sich abgefunden hat."

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