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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 24.11.2017

Aus den FeuilletonsRosa von Praunheim wird 75

Von Klaus Pokatzky

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Filmregisseur Rosa von Praunheim hält in seiner Wohnung in Berlin einen Totenkopf in die Kamera. Er möchte damit ausdrücken, dass das Leben nicht endlos ist. (picture alliance / Silas Stein/dpa)
Der Vorreiter der Schwulenbewegung, Rosa von Praunheim, feiert Geburtstag mit neuem Film (picture alliance / Silas Stein/dpa)

Rosa von Praunheim, der Pionier des queeren Kinos in Deutschland, hat für die Schwulenbewegung viel geleistet, meint Timo Lehmann in der TAZ. Außerdem bieten uns die Feuilletons der Tageszeitungen hochinteressante Einblicke in den Liebesakt von Kraken.

"Die Aura des Dichters ist auch in Onlinezeiten kein Klischee von gestern, ja scheint geradezu ein bedeutsam werdender Faktor zu werden." 

Das lesen wir in der Tageszeitung DIE WELT, die ein "Loblied auf ein allzu oft totgesagtes Format" anstimmt: die Dichterlesung. Manchmal erinnert die durchaus an Loriot.

"Da gibt es Veranstaltungsräume, die nach kaltem Döner riechen, Hotels, deren Auslegware es verbietet, sich die Socken auszuziehen, und Volkshochschulleiter, die bei der Einführung des Autors signalisieren, dass sie zeitgleich ganz gern das Champions-League-Spiel im Fernsehen sähen und keine Zeile des zur Rede stehenden Buches gelesen haben", schreibt Rainer Moritz, einst Verleger, der heute das Hamburger Literaturhaus leitet.

"Erfahrene Auftrittskünstler wissen mit diesen Schmerzen umzugehen. Im Lauf der Jahre härtet man ab, eignet sich selbst Formen der subtilen Rache an, um mit missliebigen Veranstaltern und Zuhörern zurechtzukommen."

Frauen sind ohne sexuelle Versagensangst

Welche Erfahrungen die französische Starautorin Catherine Millet bei Lesungen so gemacht hat, wissen wir nicht. Vielleicht zum Glück. "Mein Über-Ich ist gigantisch", erzählt sie im Interview mit der Tageszeitung TAZ:

"Erst neulich meinte ein Freund wieder: ‚Du musst dich mal locker machen.‘"

Sex ist ein Thema in dem Gespräch. "

Ich hasse Pauschalisierungen, aber ich glaube Frauen tun sich leichter damit, zuzugeben, dass es manchmal nicht funktioniert. Männer stehen da unter einem anderen Leitungsdruck. Missglückter Sex ist eine Niederlage, also beschreibt man nur großartigen – in der Pornografie wie in der Literatur. Nur sind wir eben keine Sexmaschinen."

Wenn der Arm zum Penis wird

Und wie halten es andere mit dem Sex? 

"Wenn ich mich irgendwann fortpflanzen will, das passiert hoffentlich einmal im Leben (so lang leb ich ja nicht), wird der Arm hier zum Penis."

Das erfahren wir aus einem Interview der WELT. "Damit steck ich mein Spermienpaket der Angebeteten zu", sagt "Herr Krake", wie Elmar Krekeler seinen Gesprächspartner nennt. Elmar Krekeler hat sich den "feuchten Traum jedes Meeresbiologen" erfüllt:

"Einmal mit einem Kraken quatschen. Einem Pazifischen Riesenkraken zum Beispiel. Quatschen wie Harry Potter mit Schlangen reden konnte."

Einfach ist das Leben von Herrn Krake nicht:

"Drei Fünftel meines Verstands hab ich in den Armen. Die haben dann halt auch einen eigenen Charakter, einen eigenen Verstand. Hier der zum Beispiel ist ein ganz mutiger, der hinten rechts hingegen traut sich manchmal nicht. Und ständig quatschen sie dazwischen."

Ohne EU keine Kulturhauptstadt

Leider müssen wir da wieder sehr ernst werden. "Britische Städte kommen nach dem Brexit nicht mehr als Europäische Kulturhauptstadt infrage", teilt uns der Berliner TAGESSPIEGEL eine Entscheidung der Europäischen Union mit.

"Aus Brüssel lautete die Begründung, dass Nicht-EU-Länder nur in Betracht kämen, wenn sie Beitrittsanwärter seien oder der Europäischen Freihandelsassoziation beziehungsweise dem Europäischen Wirtschaftsraum angehörten", heißt es in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG. Fool Britannia.

"Unbestritten ist seine Leistung für die Schwulenbewegung." Die TAZ gratuliert dem Avantgardefilmer Rosa von Praunheim zum 75. Geburtstag.

"Seine Filme sind bis heute billig produziert, handeln vom Schrägen, vom Abgründigen und natürlich von den Schwulen", schreibt Timo Lehmann – und erinnert an "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt", der 1971 einen Eklat auslöste; zwei Jahre zuvor hatte der Paragraph 175 noch den Sex unter erwachsenen Männern mit Gefängnis bestraft.

"Auch wenn Homosexuelle in vielen Staaten der Welt noch immer unterdrückt werden, in Deutschland konnten sie den Untergrund verlassen. Manche heiraten oder werden in der CDU als Kanzlerkandidaten gehandelt."

Glückwunsch!

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