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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 27.05.2018

Aus den FeuilletonsRobin Hood im BAMF?

Von Tobias Wenzel

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Steht die Bremer Außenstelle des Bundesamt für Migration und Flüchtlinge zu Recht  in der Kritik? (imago/Christian Ohde)
Steht die Bremer Außenstelle des Bundesamt für Migration und Flüchtlinge zu Recht in der Kritik? (imago/Christian Ohde)

Handelt es sich bei den ungeprüft positiv beschiedenen Asylbescheiden der Bremer Niederlassung des BAMF um Korruption – oder ist nicht doch eher Robin Hood an "Stempeldurchfall" erkrankt? Das fragt Friedrich Küppersbusch in der "TAZ".

Wer ist ein Held und wer ein Antiheld? Das dürfen Sie, liebe Hörer, selbst entscheiden anhand der Beispiele, die die Feuilletons vom Montag liefern: von Robin Hood bis zum Bilderstürmer.

Die Bremer Niederlassung des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge hat über 1000 Menschen ungeprüft Asyl gewährt: "Noch wird ermittelt, ob es sich um ein aasiges Geschäftsmodell handelte", schreibt der Satiriker Friedrich Küppersbusch in der TAZ. Deshalb will er sich auch noch nicht darauf festlegen, ob es sich "um Korruption handelt oder 'Robin Hood hat Stempeldurchfall".

Die neuen Milden

Wenig heldenhaft erscheinen Niklas Maak gewisse Künstler: "Was ist los mit den neuen Milden?", fragt er in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG. Anstatt kritisch und politisch zu sein, würden diese Künstler unter anderem auf "Heilung" setzen. In einer Performance der Künstlerin Lauryn Youden werden Kissen ausgelegt, damit die Besucher sich wohlfühlen. Dazu gibt es "Beifußtee […], ein Kräutergebräu, zu dem die Künstlerin bemerkt, im Mittelalter habe man es getrunken, um böse Geister fernzuhalten", schreibt Niklas Maak und bezeichnet das als nur ein Beispiel für eine "Bewegung, die in die geballte Faust der Gegenwartskunst ein paar Räucherstäbchen steckt".

Gegen Entspannung, selbst als Performance getarnt, spricht ja eigentlich nichts. Allerdings misstraut Maak dieser Kunsttendenz. Er sieht in ihr "den verzweifelten Versuch, Sinnstiftung, Entspannung und Selbststählung gleichzeitig stattfinden zu lassen, um am nächsten Tag noch besser zu funktionieren." Also so gar nicht kritisch oder politisch. "Am Ende ist das Kunstwerk der eigene Körper", schreibt Maak merklich angewidert. "Du wirst selbst die von Weltwahrheit durchwirkte Hochglanzskulptur sein, die du früher als Objekt in der Galerie bewundert hast."

Das Gemälde von Ilya Repin wurde von Ivan Podporin beschädigt, der hier in Handschellen zu sehen ist. (Eugene Odinokov/Sputnik/dpa)Das Gemälde von Ilya Repin wurde von Ivan Podporin beschädigt, der hier in Handschellen zu sehen ist. (Eugene Odinokov/Sputnik/dpa)

Ilja Repin: Opfer des militant-revisionistischen Kreml-Zeitgeistes

Die Helden oder Antihelden sind wir also selbst. Und was ist der neue russische Bilderstürmer? Ein Mann hat am Freitag in Moskau ein bedeutendes Gemälde Ilja Repins mutwillig beschädigt. Das Bild zeigt, wie Zar Iwan der Schreckliche seinen Sohn, der ebenfalls Iwan heißt, in den Armen hält, nachdem er ihn umgebracht hat." Am vorderen Bildrand ist ein Elfenbeinstab zu sehen: die Tatwaffe", schreibt Julian Hans in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG.

"Mit einem ganz ähnlichen Instrument ging der Täter auf Repins Gemälde los. Laut Polizeibericht packte der 37-Jährige einen der Pfähle für die Absperrkordel vor dem Gemälde und zerschlug damit erst das Sicherheitsglas und dann die Leinwand." Der Täter hatte vorher Wodka getrunken. Als Grund für seine Tat hat er angegeben, die Darstellung auf dem Gemälde entspreche "nicht den historischen Fakten".

"Der Angreifer darf sich ganz auf Seiten des militant-revisionistischen Kreml-Zeitgeists fühlen", bemerkt Friedrich Schmidt in der FAZ. Iwan der Schreckliche wird nämlich in den letzten Jahren in Russland zu Iwan dem Wunderbaren umgedeutet. Die Todesursache des Zarensohnes ist tatsächlich nicht genau geklärt. Allerdings stehe in Russland gerade die These hoch im Kurs, "die Überlieferung, Iwan habe seinen Sohn getötet, gehe auf ausländische Verleumdung zurück".

Hieroglyphen statt Emojis

Über ganz viel Ausländisches, nämlich Alt-Ägyptisches, freut sich Matthias Heine jetzt schon in der WELT. Er findet die Emojis albern und will im Privaten zum Helden werden, indem er sie durch Hieroglyphen ersetzt. Bald wird nämlich wohl der internationale Zeichensatz erweitert. Dann kann man 3.000 Hieroglyphen in der digitalen Kommunikation nutzen: "Es gibt kein Emoji für 'Penis', aber zu den Unicode-Hieroglyphen gehören jetzt schon die Zeichen für 'Phallus' und 'Flüssigkeit, die aus dem Phallus kommt'", schreibt Heine: "Für viele gerade männliche Intellektuelle sind Emojis ja etwas Anrüchiges geblieben […]. Für diese Klientel könnte der Distinktionsgewinn, der sich mit Hieroglyphen an der Bourdieu-Börse erzielen ließe, verlockend sein."

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