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Kulturpresseschau | Beitrag vom 10.01.2020

Aus den FeuilletonsRettung der aussterbenden Geräusche

Von Klaus Pokatzky

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Eine linke Hand betätigte an einem grauen Telefon älteren Models die Wählscheide, die rechte hält den Hörer.  (Foto: Jörg Carstensen/dpa)
Schützenswert sei das Rattern einer zurückrollenden Telefonwählscheibe, kann man in der "SZ" lesen. (Foto: Jörg Carstensen/dpa)

Alte Geräusche, wie das Rattern der Telefonwählscheibe, müssen gerettet werden, so ein Geräuschesammler in der "SZ". Das Schnalzen beim Öffnen eines Einweg-Kaffeebechers hingegen nicht. Des Sammlers Liebling: Das Rascheln der Blätter im Wind.

"Zzzzzzzzzzzzssssssssch." So lautet eine Überschrift in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG: nahezu unaussprechlich – besser geeignet zum Vortanzen. "Wie wir leben, beeinflusst, wie wir klingen." So wird uns das "Zzzzzzzzzzzzssssssssch" ins Ohr gelegt und "ein Blick auf die Geräusche" geworfen, "die unsere Welt gerade am deutlichsten prägen".

Wie der Coffee-to-go-Becher. "Wenn sich der Deckel vom Coffee-to-go-Becher löst, entsteht ein Schnalzen, das die Sprödigkeit des Materials verrät, und schon ist die Welt um ein bisschen Plastikmüll reicher. Deshalb schnalzt es inzwischen seltener. Stattdessen hört man das weiche Ploppen oder knirschende Schrauben, mit dem Mehrfachbehälter aus Bambus oder Porzellan, Glas oder Metall geöffnet werden. Hightech schlägt Einweg. Geht auch besser ins Ohr."

Vom Sammeln bedrohter Geräusche

Und dient der Umwelt. "Geräusche", sagt Jan Derksen, "wirken unmittelbar". Er ist Betreiber einer Internetseite, "die vom Aussterben bedrohte Geräusche sammelt, solche von Telefonen mit Wählscheibe zum Beispiel", wie uns die SÜDDEUTSCHE erklärt. Und einen Wunsch äußert der Geräuschesucher im Interview: "Ich hoffe, dass uns die Naturgeräusche erhalten bleiben. Das ist sogar mein eigentlicher Liebling, unabhängig von unserer Sammlung: das Geräusch von Blättern, die im Wind rascheln."

So, wie der Mensch mit der Natur umgeht, gibt es im Moment aber noch ganz andere, schmerzliche Geräusche – und die dazu passenden Bilder. "Schon jetzt hat keine Naturkatastrophe mehr Bilder hervorgebracht als das Inferno von Australien von 2020", lesen wir in der Tageszeitung DIE WELT. "Da ist dieses Bild eines verbrannten Riesenkängurus, dessen verkohlter Leichnam sich verzweifelt in den Stacheldraht verkrallt – der Zaun hat seine Flucht beendet und sein Leben in den Flammen ausgelöscht", schreibt Michael Pilz. "Der Mensch hat Kängurus auf lustigen Bildern Boxkämpfe austragen lassen und Koalabären in Häkelbeuteln aufgezogen. Nun fotografiert und filmt er sie noch einmal in seiner natürlichen Umgebung, die, bevor er da war, ihre war." Der Mensch ist eben des Kängurus Wolf.

Jesus muss Satire aushalten

"Es ist ein Sieg der Meinungsfreiheit", freut sich die Tageszeitung TAZ über ein Gerichtsurteil in Brasilien. "Eine umstrittene Netflix-Comedy über Jesus Christus, in der der Heiland als Homosexueller auftaucht, darf wieder gezeigt werden", schreibt Niklas Franzen, nachdem das Oberste Gericht in Rio de Janeiro ein Verbotsurteil aus der Vorinstanz aufgehoben hatte. "Der Gerichtspräsident schrieb in seiner Begründung, eine Satire könne nicht die christlichen Werte schwächen, deren Wurzeln zweitausend Jahre zurückreichten", heißt es in der SÜDDEUTSCHEN. Ein weises Urteil also mit Verständnis für die Satire.

Ob Intendant Tom Buhrow seinen Westdeutschen Rundfunk diesen Film ausstrahlen ließe, darf daher bezweifelt werden. "Immer am Sonntag geht die Welt unter", wirft die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG einen Blick auf das nächste Wochenende und das übernächste und das über-übernächste – einfach auf alle Wochenenden dieser Welt. "Plötzlich steht alles still, die Arbeit ruht, die Langeweile kriecht einem in die Glieder."

Was tun bei Langeweile

Doch, wo den Menschen die lange Weile droht, da naht das Rettende auch. "Für sie hält das Internet jede Menge Ratschläge im Kampf gegen die Langeweile bereit", macht der Schriftsteller Alain Claude Sulzer Mut. "Sie reichen von der Empfehlung, ein gutes Buch zu lesen, bis zur Ermutigung, die Gitarre aus dem Schrank zu holen und wieder einmal darauf zu spielen oder seine Erinnerungen aufzuschreiben."

Oder Radio mit seinen wunderbaren Geräuschen hören…

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