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Kulturpresseschau | Beitrag vom 02.05.2021

Aus den FeuilletonsRed Rudi – wie das FBI Dutschke sah

Von Burkhard Müller-Ullrich

Der Studentenführer des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), Rudi Dutschke, am 6. März 1968 am Rednerpult. (picture-alliance / dpa / Rolf Kruse)
Rudi Dutschke war das Gesicht der deutschen Studentenbewegung der 68er. Auch die US-Amerikaner interessierten sich für ihn. So sehr sogar, dass sie ihn bei seinen Reisen beschatten ließen. (picture-alliance / dpa / Rolf Kruse)

In den USA wurde die FBI-Akte über Rudi Dutschke öffentlich gemacht und die „Süddeutsche“ hat sie gesichtet: „Das Konvolut, so viel steht jetzt schon fest, wird die blühende Zeitgeschichtsforschung zum Komplex ‚1968‘ ausgiebig beschäftigen.“

Wenn Sie beim Anhören dieser Radiosendung Sex haben, ist das in Ordnung; manche Leute tun es, während sie die Videos von Cercle sehen. Das ist die entscheidende Information eines ganzseitigen Artikels des Schriftstellers und Bloggers Airen in der WELT.

Wenn Sie sich aber in der Technoszene nicht auskennen, diese Musikrichtung womöglich gar nicht schätzen und/oder für künstlerisch wenig beachtenswert halten, dann dürfen wir hier mit ein paar zum Verständnis notwendigen Informationen dienen: Cercle ist eine Gruppe junger Franzosen, die jene Technomusik, die normalerweise live in Clubs gespielt wird, in spektakulären Landschaften filmen – vor den Pyramiden von Gizeh, auf dem Zuckerhut von Rio oder am Rand der Wasserfälle von Iguazú.

Der Sprecher der Gruppe erklärt dazu: "Die meisten performen anders, wenn sie von der Natur umgeben sind. Viele beschreiben die Erfahrung als 'mächtig'. Weil sie in einer völlig neuen Umgebung spielen, sind Gefühl und Sinne erweitert. Das erlaubt ihnen, sich in eine Art Trance zu versetzen und noch mehr auf die Musik einzulassen."

Auditiv herbeigeführte Ekstase

Wenn Sie solche Ausführungen für banal halten, sollten Sie vielleicht mit dem Sex weitermachen, denn die ganze Zeitungsseite über ein angeblich "völlig neues Genre audiovisueller Unterhaltung" strotzt nur so von Bedeutungsbehauptungsschwulst über "auditiv herbeigeführte Ekstase" und "die organische Anmut der Erde".

Gegen den Verdacht, dass das alles einfach kitschig sein könnte, immunisiert sich der Autor mit der Beteuerung, diese preziöse Schauplatzmusik "macht nach einigen Tracks aber intuitiv Sinn". Sagen wir es so: Die Messlatte für Musikkritik lag bei der WELT schon mal höher.

Die Geburt einer "HereToo"-Bewegung?

Die TAGESZEITUNG greift auf, was der SPIEGEL soeben über die Intendantin des Berliner Maxim-Gorki-Theaters Shermin Langhoff zu berichten wusste, nämlich dass es Mobbingvorwürfe gegen sie gebe. Noch ist das alles ungeklärt, die Beschuldigte äußert sich nicht, weil die Anklagen anonym vorgebracht wurden, aber die TAZ in Gestalt von Redakteurin Katrin Bettina Müller zeigt sich von Shermin Langhoff bitter enttäuscht:

"Seit fast zwanzig Jahren haben wir ihren Weg begleitet", hebt der Artikel an und zählt die früheren Verdienste auf, um dann den Kontrapunkt zu setzen: "Deshalb trifft der Vorwurf, dass auch an diesem Theater die Intendantin von ihrer Machtfülle ungerechten Gebrauch machte, doppelt schwer."

"Auch an diesem Theater": Wir haben es nach der Volksbühne in Berlin und dem Schauspielhaus Düsseldorf mit dem Beginn einer "HereToo"-Bewegung zu tun.

Das FBI war immer mit dabei

Ganz so empfindlich in Sachen "cholerische Ausbrüche, Beschimpfungen wegen Lappalien, mangelnde Wahrung körperlicher Distanz"  waren die 68er bekanntlich nicht, auch deren Idol Alfred Willi Rudolf Dutschke nicht, über den wir aus der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG von Willi Winkler Neues erfahren. Und zwar hat Winkler die FBI-Akte über Dutschke gesichtet, welche ein Amerikaner namens Rich Jones nach dem amerikanischen Informationsfreiheitsgesetz erlangt und ins Internet gestellt hat.

"Das Konvolut, so viel steht jetzt schon fest, wird die blühende Zeitgeschichtsforschung zum Komplex '1968' ausgiebig beschäftigen", schreibt Winkler und staunt über die Dichte und Triftigkeit der vom FBI gesammelten Informationen: "Als er nach dem Mordanschlag durch halb Europa irrt, erst in die Schweiz, dann nach Italien und San Marino, dann nach England flieht, um schließlich politisches Asyl in Dänemark zu finden, ist das FBI durch zahlreiche Informanten immer dabei."

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Als Zeitzeuge und vielfältig involvierter  Szenekenner kann sich Winkler aber nicht verkneifen, die geheimdienstlichen Enthüllungen durch eigenes Wissen noch zu übertreffen, indem er fast beiläufig erwähnt: "Nur das hübsche Detail, dass Dutschke zusammen mit Bahman Nirumand einen Sendemasten des AFN in die Luft sprengen wollte, wird sich erst in den CIA-Akten finden, die vielleicht in weiteren fünfzig Jahren ans Licht kommen."

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