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Kulturpresseschau | Beitrag vom 12.02.2020

Aus den FeuilletonsRadio hören macht klug!

Von Arno Orzessek

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Ein Kleinkind dreht am Knopf eines alten Radios. (Unsplash/ Will Francis)
Der Welttag des Radios erinnert an die Gründung des Senders der Vereinten Nationen im Jahr 1946. (Unsplash/ Will Francis)

Der 13. Februar ist der Welttag des Radios. Den gibt es seit acht Jahren und zu diesem Anlass beschäftigt sich "Der Freitag" mit dem letzten "Medium, das unser Gemeinwesen zusammenhält" und stellt fest: Wer Radio hört, ist schlau.

"Das zweite Schwert" heißt das neue Buch von Peter Handke, der seinen Lesern laut Untertitel "eine Maigeschichte" erzählt. Darin "bricht jemand auf, um zu töten", fasst Thomas E. Schmidt in der Wochenzeitung DIE ZEIT das Wichtigste zusammen und betont:

"Obgleich auf April und Mai 2019 datiert, während die Nachricht vom Nobelpreis erst im Oktober kam, wird das Buch als eine Antwort auf den letzten Streit um den Autor gelesen werden. Wieder macht es Handke seinen Kritikern leicht, denn hier überlässt sich der Erzähler, nur eine Hautschicht von 'Handke' geschieden, einer zielstrebigen Rachlust, welche sich zu einer 'Gewaltphantasie' verdichtet. Der Poet will töten, er greift sich schon das eiserne Schwert, von dem das Lukas-Evangelium als letztem Mittel der Verteidigung spricht, und zieht los."

Das liest sich, als müsse der neue Handke ganz dringend von Quentin Tarantino verfilmt werden. Aber laut Thomas E. Schmidt obsiegt das Manierliche. "Hier geht ein großes Ego auf eine metaphysische Kreuzfahrt, und dennoch reist nur ein Poet einen Tag lang mit dem Taxi und im Ersatzbus herum. Der Rächer ergreift am Ende nicht das eiserne, sondern das 'zweite Schwert'. In der von Handke verachteten Sprache formuliert: Er wählt die zivile Form des Konfliktaustrags. Das Buch verschränkt virtuos das Hohe und das Possenhafte, den echten Zorn mit der Parodie, die apodiktische Rede mit Partikeln der Alltagssprache. Frühlingshaft leicht liest sich die Maigeschichte und ist doch ein altmeisterliches 'ernstes Spiel'."

Sanftmütig dank Todesstrafe?

Apropos Rache, Schwert und Zorn! "Durch die Anwendung tödlicher Gewalt hat sich der Mensch zum zivilisierten Wesen entwickelt", heißt es in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG. Die zugibt: "Das ist eine irritierende Aussage." Deren Urheber ist allerdings nicht die NZZ selbst, sondern Richard Wrangham, Harvard-Professor für biologische Anthropologie und Autor des Buches "Die Zähmung des Menschen".

Der Rezensent Thomas Speckmann erläutert: "Wrangham vertritt die These, dass der Homo sapiens seit seinen Anfängen vor rund 300 000 Jahren ein sogenanntes Domestizierungssyndrom aufweise und sich evolutionär hin zu einer relativ toleranten und sanftmütigen Spezies mit einer schwach ausgeprägten Neigung zu reaktiver Aggression entwickelt habe. Eine Schlüsselrolle auf diesem Weg der menschlichen Selbstdomestizierung weist Wrangham der Todesstrafe zu. In ihr erkennt er ein Mittel, durch das aggressives Verhalten benachteiligt und dominante Männer gezwungen wurden, sich egalitären Normen unterzuordnen."

Die Lebenslüge des Bürgertums

Hmm. Das klingt in unseren Ohren sehr simpel. Und beantwortet auch nicht die Frage: 'Wie lässt sich die AfD zähmen?' Das weiß jedoch der Politologe Claus Leggewie, der in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG unterstreicht:

"Widerstand darf keine Spezialität linker Antifaschisten sein. Es ist die Pflicht des Bürgertums, sich nicht erneut nach Rechtsaußen zu öffnen. Diesem Sündenfall waren die Liberalen und die Union in Thüringen gerade sehr nahe. Mit der Extremismus-Theorie (links und rechts seien gleich gefährlich) spinnen sie die Lebenslüge des Bürgertums weiter, die (Weimarer Republik) sei am Zangengriff der 'Ränder' zugrunde gegangen. Dabei haben in Wirklichkeit der Extremismus der 'demokratischen Mitte' und der Verrat des Bürgertums die Nazis stark gemacht."

Alle Klugen hören Radio

Klartext von Claus Leggewie in der SZ. "Macht America schön again", witzelt unterdessen die Tageszeitung DIE WELT. Rainer Haubrich denkt über das Ansinnen von US-Präsident Trump nach, "bei Neubauten des Bundes einen klassischen Baustil vorzuschreiben". "Warum eigentlich nicht?", meint Haubrich, "Die Einschränkung ist nicht diktatorisch, sondern eine Huldigung an die amerikanische Demokratie." Auf diese Pointe wären Sie nicht gekommen, stimmt’s?

Zuletzt: in eigener Sache. Die Wochenzeitung DER FREITAG betont mit Blick auf den "Welttag des Radios" an diesem Freitag: "Es ist das letzte Medium, das unser Gemeinwesen zusammenhält." Michael Angele bemerkt: "Fast alle vernünftigen und klugen Menschen, die ich kenne, hören, soweit bekannt, Deutschlandfunk respektive Deutschlandfunk Kultur."

In diesem Sinne: Schalten Sie uns niemals ab! 

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