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Kulturpresseschau | Beitrag vom 25.06.2020

Aus den FeuilletonsPremierenwelle statt Pandemiewelle!

Von Burkhard Müller-Ullrich

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Eine Schauspielerin sitzt auf einen Fenstersims vor einem geparkten Auto. neben ihr liegt ein Bücherstapel. An der Hauswand leuchtet ein großer roter Stern. (Thomas M. Jauk)
Pandemiekompatibel: "Die Methode" in der Tiefgarage des Deutschen Theaters in Göttingen. (Thomas M. Jauk)

Noch sind viele Theater im digitalen Exil. Ihre Funktion als öffentlicher Raum - außer Kraft. Die "Welt" macht sich pandemiekompatible Spielplangedanken, die "Süddeutsche" beschreibt den Optimismus am Frankfurter Schauspiel.

"Jetzt geht es Schlag auf Schlag", lesen wir in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG und ziehen vorsichtshalber den Kopf ein, aber das ist nicht nötig, denn wir haben Grund zur Freude: die Rede ist vom Wiederanlaufen des Theaterbetriebs.

Bedruckte Kugelschreiber auf der Pressekonferenz

Simon Strauß berichtet von der Pressekonferenz des Frankfurter Schauspiels, auf der bedruckte Kugelschreiber verteilt wurden. "Ja. Ja. Ja. Ja", stand da drauf, was ein bisschen nach der Billigmarke eines deutschen Einzelhandelsriesen klingt, aber wohl einfach von Optimismus zeugen oder ihn sogar verbreiten soll.

"Einer zweiten Welle der Pandemie werde man entschlossen mit einer zweiten 'Premierenwelle' entgegentreten", versichert die Dramaturgie. Das ist witzig gesagt, aber vor allem will das Haus unter der Leitung des gerade bis zu seinem Rentenbeginn in sieben Jahren verlängerten Intendanten Anselm Weber "Antisemitismus-Schrägstrich-Rassismus" entgegentreten.

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Das ist zwar nichts umwerfend Neues, denn die öffentlichen Theater, die explizit für Antisemitismus-Schrägstrich-Rassismus eintreten, sind hierzulande doch recht selten geworden. Aber in Frankfurt gibt es immerhin eine dunkle Erinnerung an einen gewissen Rainer Werner Fassbinder und sein Skandalstück "Der Müll, die Stadt und der Tod", in dem vor Jahrzehnten ein böser jüdischer Spekulant aus der antisemitischen Klischeekiste gezeigt werden sollte.

Wie der Kampf gegen Antisemitismus-Schrägstrich-Rassismus konkret aussieht, geht aus dem FAZ-Artikel nicht hervor. Werden "Othello" und der "Kaufmann von Venedig" aus dem Spielplan verbannt oder bleibt es bei Podiumsdiskussionen mit so "überraschenden" Gästen (die ironische Formulierung ist von Simon Strauß) wie Robert Menasse und Michel Friedman?

Desinfektionsmittel im Lüftungssystem

Mit einem realsatirischen Schlenker zum Schluss seines Berichts geht Strauß auf eine Raumdesinfektion durch Aerosolvernebelung ein, die beim Berliner Ensemble zum Einsatz kommen soll. Das Desinfektionsmittel wird durch das Lüftungssystem verteilt und erreicht so jeden Winkel in Zuschauerraum, Foyer und auf der Bühne. Ganz so absurd war Donald Trumps Vorschlag, die Leute sollten vorsichtshalber Desinfektionsmittel einnehmen, dann wohl doch nicht.

Pandemiekompatible Spielplangedanken macht sich übrigens auch Manuel Brug in der WELT, allerdings bezogen auf das Musiktheater, das "monatelang ton- und aktionslos daniederlag." Jetzt müssen die Verantwortlichen der Opernbühnen umdenken, gesucht werden Corona-taugliche Stücke: "Alle Theater müssen nach kurzen, unaufwendigen Titeln suchen, um die Großklopper mit Aerosole spuckendem Chor zu ersetzen."

Und da liefert Brug eine Liste von Klein- und Kammeropern, die sich jeder Dramaturg und jeder Liebhaber ausschneiden und aufheben sollte: von Francis Poulenc und dem vor dreizehn Jahren gestorbenen Gian Carlo Menotti über elf klassisch-frühromantische Einakter bis zu noch älteren Fundsachen: "Keiner weiß, wie viele Intermezzi als Pausenunterhaltung für die ernsten Opern der Barockzeit vor allem in Neapel komponiert wurden."

Sehnsucht nach dem Dreidimensionalen

Während die Hoffnung besteht, daß die Theater ihre Funktion als öffentliche Räume bald wieder erfüllen, wurde der alle zwei Jahre erscheinende Baukulturbericht gerade noch per Livestream vorgestellt – und sein Thema ist diesmal just der öffentliche Raum. Diese Pointe stellt Gerhard Matzig an den Anfang seines Berichts in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG.

"Der öffentliche Raum ist ein Kind der Demokratie und das einzige Mittel gegen das allmähliche Verschwinden der Erde hinter dem Schild 'Privat – Zutritt verboten'", schreibt Matzig und fährt fort:

"Zuletzt aber, auch das zeigt die Corona-Krise, kam es zu Umcodierungen und Interferenzen. Die sich gemeinhin antagonistisch gegenüberstehenden Sphären von Privatheit und Öffentlichkeit tauschten im Zuge des Home-Office und der zunehmend virtuellen Möglichkeiten von Austausch und Begegnung (virensicher) so manche Plätze."

Man merkt dem Autor aber an, dass er gern aus diesem Second Life zurückkehren möchte in die reale, die gebaute Welt und ihre dreidimensionalen Räume – und, ganz ehrlich, das wollen wir doch alle.

Fazit

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