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Kulturpresseschau | Beitrag vom 24.04.2021

Aus den FeuilletonsPostfaktische Pandemiepolitik?

Von Arno Orzessek

Eine schwarze Mund-Nasen-Bedeckung liegt auf dem Boden am Kröpcke in der Innenstadt Hannovers. (picture alliance / Fotostand / Matthey)
Nichts los in der Innenstadt: Nicht wegen eines Straßenfegers im TV, sondern wegen der Ausgangsbeschränkungen sind Samstagnacht keine Menschen in Hannover unterwegs. (picture alliance / Fotostand / Matthey)

Der Philosoph Markus Gabriel hat wenig Verständnis für die Bundesnotbremse. Diese wäre nicht nötig gewesen, wenn die Regierung mit wissenschaftlicher Hilfe einen Ausweg aus der aktuellen Lage gesucht hätte, nachzulesen in der „Welt“.

Es sollte nur "ein bescheidener Vorschlag zur Rettung der Welt" sein, den der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG veröffentlichte. Aber der inhaltlich wie stilistisch überzeugende Vorschlag zog sich dann doch über die komplette erste Feuilletonseite hin. Schellnhubers Pointe indessen stand schon in der Unterzeile: "Wenn wir unsere Städte aus Holz statt aus Beton bauen, bleibt uns das Schlimmste erspart."

Deutlich komplizierter erschien die Rettung der Welt, wie wir sie kennen oder kannten, der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG. Unter der Überschrift "Salatköpfe gegen Betonpfeiler" konstatierte Alex Rühle: "Natur- und Klimaschutz finden oft nicht zusammen. Das zeigen die Programme von Grünen und Union."

Kröten über die Straße tragen oder das Klima retten

Und wie es seine Art ist, erläuterte Rühle den Konflikt zwischen Natur- und Klimaschutz konkret und bildstark:

"Die einen wollen die Landschaft schützen und erkennen ihre eigene Gegend nicht wieder, die anderen sagen, wenn wir nicht grundlegend alles umgestalten, wird es hier bald überhaupt keine Landschaft mehr geben. Die einen argumentieren regional, naturverbunden und kulturgeschichtlich bewahrend: die Erdkröte, unsere blaue Blume, der deutsche Wald. Die anderen kontern mit der Physik, zwei Grad Temperaturerhöhung sind vielleicht gerade noch steuerbar, danach läuft alles aus dem Ruder und ihr könnt alle Kröten, Blumen, Wälder vergessen – die Fichten trocknen ja jetzt schon hektarweise weg."

Ob Alex Rühle glaubt, dass uns das Schlimmste erspart bleibt, wenn wir nur à la Schellnhuber Städte aus Holz statt aus Beton bauen, ging aus dem SZ-Artikel nicht hervor.

"Wer Menschheit sagt, will betrügen"

Passend zur Umwelt- und Klimaproblematik, jedoch viel abstrakter: der Artikel "Vom Leiden an der Zukunftslähmung" in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG. Laut der Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann dürfen die Menschen jetzt vor allem eines nicht: "Nichts tun und so weitermachen wie bisher." Das klingt recht banal – anders als Assmanns Hinweis, dass wir aufgrund der Verwandlung der Welt im Anthropozän unsere Sprache "neu eichen" müssten:

"In dieser Situation nimmt auch der Begriff der 'Menschheit' eine neue Bedeutung an. Carl Schmitt hat mit seinem Satz 'Wer Menschheit sagt, will betrügen' dieses Wort noch als eine sentimentale Floskel kritisiert, die eigennützige Zwecke kaschiert. Seit die Menschheit aber eine Überlebensnotgemeinschaft geworden ist, geht dieser Zynismus ins Leere."

Bebildert waren Aleida Assmanns Ausführungen mit dem Foto eines Auto-Tachos, dessen Nadel 210 Kilometer pro Stunde anzeigt.

Der gläserne Autofahrer

Unabhängig davon nahm Niklas Maak in der FAZ "Abschied vom Lenkrad" – eine Anspielung aufs autonome Fahren und die Verwandlung des Autos in ein digitales Lieferfahrzeug für Big-Data-Konzerne:

"Das Auto, das einst die Verlängerung des privaten Raums im öffentlichen war, wird zu einer Datenerhebungsmaschine, die Menschen befördert, ausspäht und bewertet. Wenn Daten 'der Treibstoff der Ökonomien des 21. Jahrhunderts' sind, ist es naheliegend, den Autonutzer nicht mehr nur als Fahrer zu sehen, sondern als potenziellen Hersteller dieses Treibstoffs – wofür er aber kein Geld bekommt, im Gegenteil: Dafür, dass er Daten liefert, wird er auch noch abkassiert. Dass ein Volk, das bei Benzinpreiserhöhungen auf die Barrikaden geht, hier brav alles mitmacht, ist nur damit zu erklären, dass niemand recht versteht, was Autohersteller in Zusammenarbeit mit Staat und Digitalkonzernen aus dem Auto und seinem Fahrer juristisch und technologisch gerade machen."

Einigermaßen sauer: der Autoenthusiast Niklas Maak in der FAZ.

Ein Leben in Würde und Freiheit ermöglichen

Weit übertroffen wurde er im Sauersein vom Philosophen Markus Gabriel in der Tageszeitung DIE WELT. Nur ging es Gabriel nicht um Autos, sondern um "Deutschlands postfaktische Pandemiepolitik" und konkret um die Bundesnotbremse:

"Die Errungenschaften der Hochkultur – die Gastronomie, das Reisen, die Kulturszene, die Schulen, die Bibliotheken und die Universitäten – bleiben bis auf Weiteres geschlossen, ohne jegliche Aussicht auf Verbesserung. Gleichzeitig wird Menschen großes Leid zugefügt mit dem Hinweis, man wolle sie und andere beschützen – ohne dass jemals mit wissenschaftlicher Hilfe Mittel gesucht oder gar gefunden wurden, um Kindern, Jugendlichen, Studierenden, Genesenen und Geimpften nach Monaten eines nicht nachvollziehbaren Lavierens und Zögerns endlich wieder ein Leben in Würde und Freiheit zu ermöglichen. Das ist ein Anschlag auf die Vernunft, der sich längst nicht mehr sinnvoll durch den Hinweis auf die weiterhin allzu reale Bedrohung durch das Virus rechtfertigen lässt."

Nicht ganz dicht

Ebenfalls in der WELT stellte Janika Gelinek, die Co-Chefin des Berliner Literaturhauses, den politischen Bundesnotbremsern die Frage: "Seid ihr denn verdammt noch mal des Wahnsinns?"

Und dann kam die Aktion #allesdichtmachen, mit der Schauspieler beiderlei Geschlechts ihren Unmut über die Coronapolitik ausdrücken wollten. "Nicht ganz dicht" fand die TAGESZEITUNG die Aktion und meinte: "Wenig überraschend, ist der rechte Rand des Meinungsspektrums hellauf begeistert."

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Für die SZ sichteten Willi Winkler und Alexander Gorkow die Protestclips – und bemerkten großzügig:

"Jeder, wie er mag. Aber man muss auch wissen, dass man nicht zweimal lebt, sondern nur einmal. Und wer sich das alles reinzieht, hat in dieser Zeit kein gutes Buch gelesen, nicht gekocht, nicht die von der 'Deutschen Grammophon' dankenswerterweise wieder aufgelegte Langspielplatte mit 'Kinderszenen' und 'Kreisleriana' von Robert Schumann abgespielt. Er ist stattdessen, während das Virus tobt, einfach nur dem Tod auf vollkommen sinnlose Art und Weise einen Schritt näher gekommen. Und auch das ist nicht gerecht."

Ach ja! Der kommenden Oscar-Verleihung sahen die Feuilletons mit Sorge entgegen. "Kein Weltkrieg konnte Hollywood so in die Knie zwingen wie das Coronavirus", erschrak sich die SZ. "Die große Zeit des Kinos begann nach der Spanischen Grippe – und endete mit Corona" – erläutert der SPIEGEL unter der lapidaren Überschrift "Filmriss".

Nun denn. Aus unserer Sicht lädt die Gesamtlage der Welt mal wieder dazu, dem Motto zu folgen, das der Wochenzeitung DIE ZEIT als Überschrift diente. Es lautet: "'Heftiger leben'".

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