Montag, 14.10.2019
 

Kulturpresseschau | Beitrag vom 26.06.2019

Aus den FeuilletonsPetition der Ignoranten

Von Tobias Wenzel

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Michael Sheen (li.) als Erzengel Raphael und David Tennant als Dämon Crowley in einer Szene der Comedy-Serie "Good Omens".  Die beiden sitzen an einem gedeckten Dinner-Tisch und prosten sich zu. (Amazon Prime Video)
Michael Sheen (li.) als Erzengel Raphael und David Tennant als Dämon Crowley in "Good Omens". Christliche Eiferer in den USA würden die Serie gern abgesetzt sehen. (Amazon Prime Video)

Die "Welt" blickt mit unverhohlenem Spott auf die Return-to-Order-Bewegung christlicher Fundamentalisten in den USA. Diese wolle die Miniserie "Good Omens" absetzen, habe aber vor lauter Ignoranz ihre Petition an den falschen Adressaten gewendet.

Vielleicht wird es Neo Rauch schon bald bereuen, dass er auf den Vorwurf des Kunsthistorikers Wolfgang Ullrich, der Künstler trage mit seinem rechten Denken zur "Verschiebung des politischen Klimas bei", mit einem allzu eindeutigen Gemälde geantwortet hat. DIE ZEIT aber dürfte sich über den exklusiven Abdruck des Werks "Der Anbräuner" noch lange freuen, in dem Rauch den Kunsthistoriker als Maler darstellt, "der nicht mit der Wahrheit, sondern mit den eigenen Ausscheidungen arbeitet".

Gendersensible Jünglinge mit Fallbeil

So formuliert es Martin Machowecz in dem Begleittext zur "gemalten Replik". Rauch fühle sich nicht nur in diesem Fall "denunziert als Mann am rechten Rand". Der Künstler habe in Interviews mehrfach seinem Gefühl Ausdruck verliehen, "dass eine linke Moral das Alltagsleben und vermehrt auch Kunst und Kultur dominiere und all jene, die nicht in das politisch korrekte Weltbild passten, gleich mit Verdammnis bestrafe", paraphrasiert Machowecz Rauch und zitiert ihn dann wörtlich: In den Debatten seien "die gendersensiblen Jünglinge gleich mit dem Fallbeil zur Hand."

Das Fallbeil gendersensibler Jünglinge, nämlich seiner Studenten an der Harvard University, hat der Jura-Professor Ronald Sullivan erfahren, wie man Christian Zaschkes Artikel für die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG entnimmt.

Sullivan ist einer der Anwälte, die den Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein verteidigen, dem sexuelle Nötigung bis Vergewaltigung in zahlreichen Fällen vorgeworfen wird. Auf dem Universitätsgelände waren plötzlich Graffitis mit der Aussage 'Nieder mit Sullivan' zu lesen. Sullivan und seine Frau wurden nach den studentischen Protesten von der Universitätsleitung als Vorsteher eines Studentenwohnheims abgesetzt, wo sie Ansprechpartner in akademischen wie persönlichen Angelegenheiten waren.

Auch Geächtete haben das Recht auf einen Anwalt

Nun hat sich Sullivan in der "New York Times" zum ersten Mal öffentlich zu alldem geäußert, was wiederum die SZ wiedergibt. In einem Rechtsstaat hätten auch Menschen, die die Gesellschaft verachte, ein Recht auf einen guten Anwalt. Die Harvard-Universität habe vor dem studentischen Protest kapituliert.

Der deutsche Leser erinnert sich da wohl unweigerlich an die Alice-Salomon-Hochschule Berlin, die aufgrund von Studentenprotesten ein angeblich sexistisches, aber tatsächlich einfach nur schönes Gedicht Eugen Gomringers an der Hochschulfassade übermalen und durch ein politisch korrektes und belangloses einer Lyrikerin ersetzen ließ. Christian Zaschke zitiert Ronald Sullivan so: "Wütende Forderungen und nicht stringente Argumente scheinen heutzutage die Politik an Universitäten zu bestimmen."

Die Ignoranz christlicher Fundamentalisten

Nicht nur an Universitäten, denkt man, wenn man Wieland Freunds Artikel im Feuilleton der WELT liest. Es geht um "Good Omens", die Amazon-Serie zum gleichnamigen Buch von Terry Pratchett und Neil Gaiman. "Irgendwo in der englischen Provinz ist der Antichrist geboren, aber ein Engel und ein Dämon beschließen, Armageddon zu sabotieren, weil es ihnen auf der Erde einfach viel zu gut gefällt", fasst Freund die Serie zusammen. US-amerikanische Christen, die Teil der Return-to-Order-Bewegung seien, forderten nun in einer Online-Petition die Absetzung der Serie.

"Skandalös etwa, dass Gott von einer Frau gesprochen wird. Skandalös, dass der Antichrist ein kleiner, netter Junge sei", gibt Freund die Kritik der Gläubigen wieder. "Und skandalös schließlich, dass die vier Reiter der Apokalypse Motorrad fahren. Man fragt sich, was die zwanzigtausend Unterzeichner zu Goethes 'Faust' sagen würden und der komischen Rolle, die dieser seltsame Mephisto darin spielt."

Für Wieland Freund ist die Kritik vor allem ignorant. In seinen Worten: "Und die Ignoranz der Unterzeichner hat eine ganze Weile sogar den eigentlichen Adressaten der Petition geschützt. Ursprünglich nämlich hat man von Netflix verlangt, eine Serie einzustellen, die bei Amazon läuft."

              

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