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Kulturpresseschau | Beitrag vom 08.07.2018

Aus den FeuilletonsPeanuts für den Frieden

Von Adelheid Wedel

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Ein Teil des Wandmosaiks "Produktion im Frieden" aus dem Jahr 1965 von Walter Womacka. Es wurde 2013 in der Lindenallee im Zentrum von Eisenhüttenstadt (Brandenburg). (picture alliance / dpa / Bernd Settnik)
Ein Teil des Wandmosaiks "Produktion im Frieden" aus dem Jahr 1965 von Walter Womacka (picture alliance / dpa / Bernd Settnik)

Mit Kultur für Frieden sorgen: Für die "SZ" sind die Kosten für Musikinstrumente Peanuts, mit denen man viel für den Frieden ausrichten kann, während in der "taz" über die Einführung einer "pädagogischen Höchststrafe für Populisten" nachgedacht wird.

"Wer in Mali etwas bewegen will, muss erst einmal die Kultur verstehen", sagt der amerikanische Musikethnologe Paul Chandler in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG. Er ergänzt, "wenn die Menschen ihre Traditionen pflegen können, haben Dschihadisten keine Chance". Es bleibt bei ihm nicht nur bei Worten, "Chandler hat die Hilfsorganisation Musikinstrumente für Afrika gegründet." Mit dieser Organisation rief  er seine Landsleute in den USA auf, "all die Gitarren und Verstärker, die sie im Keller aufbewahrten, doch bitte an diejenigen zu schicken, die alles Talent der Welt, aber nicht einmal ein Instrument haben."

Religiöse Extremisten haben keine Chance

Der engagierte Kulturarbeiter wirbt für seine Idee mit der Überzeugung: "Im Vergleich zur Militärausrüstung, die der Westen nach Mali bringt, kostet das Peanuts und es kann so viel mehr für den Frieden ausrichten. Heute entdecken viele junge Menschen wieder ihre ethnischen Wurzeln und sind stolz darauf", wird die malische Journalistin Rahabal Nantoumé zitiert. Ihre Erfahrung: "Wenn wir erkennen, dass uns viel mehr eint als trennt, dann haben religiöse Extremisten keine Chance."

Der französische Regisseur Claude Lanzmann bei den 70. Filmfestspielen in Cannes 2017.  (picutre alliance / dpa / Alexey MalgavkoEkaterina Chesnokova)Der französische Regisseur Claude Lanzmann ist Anfang Juli gestorben. (picutre alliance / dpa / Alexey MalgavkoEkaterina Chesnokova)

In der Tageszeitung DIE WELT rühmt Ruth Klüger den kürzlich verstorbenen Claude Lanzmann als den "Schöpfer des wichtigsten Filmes über die Judenvernichtung im 20. Jahrhundert." Im Text teilt sie uns ihre "persönliche Erinnerung an die Zumutung" mit, "Lanzmanns grandiosen Dokumentarfilm ‚Shoa‘ anzusehen." Seine Themen sind der Prozess und die Details der Vernichtung, "etwas, was die Ablenker und Mystifikatoren gern das ‚Unsagbare‘ nennen", resümiert die Schriftstellerin. Und betont: "Hier wird nur erinnert."

Entsetzt euch, aber erstarrt nicht!

Ruth Klüger ihrerseits erinnert sich: "Als ich in den Vierzigerjahren als Teenager nach New York kam, wurde uns geraten, so schnell und so gründlich wie möglich zu vergessen. Lanzmanns Film ‚Shoah‘ sagt: Schaut zurück auf das Eismeer, schaut zurück auf das Feuer! Er sagt auch: Entsetzt euch, aber erstarrt nicht. Und schließlich sagt er auch: Hütet das Leben, fragt, wer ihr seid."

In der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG informiert Jürg Altwegg darüber, dass einen Tag vor seinem Tod Claude Lanzmanns letzter Film ‚Vier Schwestern‘ in die französischen Kinos kam. Er erzählt "von unvorstellbaren Schicksalen, die so brennend aktuell sind, dass sie Pflichtstoff bei jeder Diskussion über den Nah-Ost-Konflikt sein sollten."

Tanja Maljartschuk hat den diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb gewonnen. (ORF - Johannes Puch)Tanja Maljartschuk hat den diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb gewonnen. (ORF - Johannes Puch)

Sämtliche uns vorliegenden Feuilletons vom Montag berichten vom Wettstreit um den diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Preis. "Dissonanz und Vielfalt" hebt Gerrit Bartels im TAGESSPIEGEL hervor. In der Tageszeitung TAZ meint Carsten Otte, "auf den 42. Tagen der deutsch-sprachigen Literatur gewann Tanja Maljartschuk den Preis, doch wahre Gewinnerin war die Sprache selbst." Er unterbreitet einen Vorschlag: "Für jene Populisten, die nach Vereinheitlichung und Abwehr des Anderen schreien, wären die drei Tage Literatur und Kritik in Klagenfurt eine pädagogisch wertvolle Höchststrafe: Schickt sie an den Wörthersee zum Bachmannwettlesen. Auf dass sie im Publikum sitzen und – auch das gehört zum Regelwerk dieser Veranstaltung – stundenlang die Klappe halten müssen und über das nachdenken können, was ihnen so verhasst ist: das Fremde."

Schule für demokratisches Sprechen

Die Einschätzung in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG hat einen kritischen Unterton: "Der Ingeborg-Bachmann-Preis ist heute eine Liebhabermesse für solides Texthandwerk. Dabei könnte er viel mehr sein: eine Schule für demokratisches Sprechen." Das Fazit von Elmar Krekeler in der WELT macht auf Reserven aufmerksam: "Man musste sich nicht über viele Texte ärgern. Beinahe alles ging aber rasch vorbei, bewegte sich sorgfältig und risikoarm auf literarischer Mittellage. Der Moment, in dem man dasitzt und auf einmal weiß, wozu es Literatur gibt – er fand in diesem Jahr nicht statt. Das könnte auf die Dauer zu wenig sein." Der Autor korrigiert sich selbst: "Es ist zu wenig."

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