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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 15.12.2015

Aus den FeuilletonsPathetische Zirkelschlüsse

Von Arno Orzessek

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Angela Merkel bei ihrer Rede am Pult, im Hintergrund das CDU-Logo. (dpa / Michael Kappeler)
Angela Merkels Schaffenschaffenschaffen-Rede auf dem CDU-Parteitag in Karlsruhe. (dpa / Michael Kappeler)

Vor fünf Jahren erklärte die Kanzlerin den Ansatz für Multikulti noch als gescheitert. Auf dem CDU-Parteitag in Karlsruhe proklamierte sie dagegen wieder das Angela-"Wir-schaffen-das"-Merkel-Deutschland. Die "Welt" berauscht sich an ihrer Rede. Die "FAZ" untersucht eine sprachliche Nuance.

"Über hundert Fehler, super!"

betitelt die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG einen Artikel, in dem wir auf Anhieb nur einen einzigen Rechtschreibfehler entdecken. Was für die SZ eine Superleistung wäre.

Gar nicht super finden wir dagegen, dass immer weniger Autoren und vor allem qualifizierte Fachleute für die tolle Internet-Enzyklopädie Wikipedia schreiben wollen.

"Wer selbst dabei war, weiß, warum", outet sich SZ-Autor Thomas Urban und paraphrasiert die Ergebnisse einer Studie zu Wikipedia.

"Wie die amerikanischen Wissenschaftler darlegen, neigen die [stark engagierten] Power-User zur Vereinsmeierei. Oft betrachten sie neue Autoren als Eindringlinge in ihre Welt, in der zudem ein für Außenstehende unverständlicher Techno-Slang gesprochen wird. Hinzu kommt ein Konstruktionsfehler: Die tragende Säule im System sind gewählte ‚Administratoren‘, die auf die Einhaltung der Regeln achten und Konflikte schlichten sollen. Sie sind in Streitfällen gleichzeitig Untersuchungsführer, Ankläger und Richter."

Übrigens: Die erwähnten "über hundert Fehler" verunstalten laut Thomas Urban den Wikipedia-Eintrag zum Massaker von Katyn 1940. Weil der Text Wikipedia-intern einen Preis erhielt, fühlt sich der Autor offenbar berechtigt, alle Korrekturen – so korrekt sie auch sind – gleich wieder zu löschen.

Angela-"Wir-schaffen-das"-Merkel-Deutschland

Rufen wir nun den Wikipedia-Artikel zu Angela Merkel auf. Die Kanzlerin wird darin mit folgender Behauptung von 2010 zitiert: "Der Ansatz für Multikulti ist gescheitert, absolut gescheitert."

Fünf Jahre später scheint sich Angela "Wir-schaffen-das" Merkel Deutschland als Vielvölkerstaat recht problemlos vorstellen zu können, was bisher nicht allen Christdemokraten behagte. Merkels Rede auf dem CDU-Parteitag jedoch hat die Widerspenstigen vorerst gezähmt. Eine rhetorische Großtat, die Ulf Poschardt in der Tageszeitung DIE WELT unter dem Titel "Stahlbad ist Fun" feiert.

"Als Souverän definiert Merkel die Deutschen neu: als diejenigen, die das schaffen, was die Kanzlerin für schaffbar hält. Dabei tanzte eine ungewohnte Heiterkeit zwischen den ernsten Worten. Die protestantische Ethik wird als Zuversichtsquelle und als Inspiration angezapft. Dieser hedonistische Angang der Flüchtlingskrise eint sie, die Kanzlerin, mit den Zigtausenden Ehrenamtlern, die in der Krise jenes heroische, liebenswerte Deutschland selbst erschaffen und dabei tiefe Genugtuung und Erfüllung gefunden haben. (…) Wer sind wir, fragt Merkel, um die Antwort selbst zu geben: die, die es schaffen, weil wir es immer schon geschafft haben",

berauscht sich WELT-Autor Poschardt an Merkels pathetischen Zirkelschlüssen.

Derweil konzentriert sich die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG auf eine sprachliche Nuance der Schaffenschaffenschaffen-Rede.

"‚Neugierig, offen, tolerant und spannend‘" stellt sich die Kanzlerin Deutschland in 25 Jahren vor - und aus diesem Quartett pickt sich die FAZ das Adjektiv ‚spannend‘ heraus.

"Das Wort pendelt zwischen Achtsamkeitsrhetorik und Eventjargon, war lange auf Kirchentagen zu Hause, hatte in der jüngeren Vergangenheit aber Karriere gemacht. Was einmal ‚erzählenswert‘ oder ‚aufschlussreich‘ war, fand man jetzt ‚spannend‘, also weniger als ‚aufregend‘, aber ein bisschen mehr als ‚interessant‘. Das Wort hatte immer einen Beiklang des Überemotionalisierten, passte aber in jede Leerstelle (…). (Doch) die Konjunktur ist abgeflacht. Abgesehen von der Kanzlerrede, ist ‚spannend‘ auf dem Rückzug in sein linksalternatives Herkunftsmilieu",

behauptet das FAZ-Kürzel tth, das wir nicht entziffern können – bedauerlicherweise! Denn an tths These ist ja was dran.

Falls Ihnen, liebe Hörer, der Sinn nach noch mehr und sogar Hard-Core-Sprachreflexionen steht, empfehlen wir den FAZ-Artikel "Hier endet das Gendern. Flüchtlinge haben ein Geschlecht, aber das Wort braucht keines".

Den Nonsens des Tages verzapft indessen die TAGESZEITUNG …Und zwar in einem offenen Brief an die NASA, bei der sich Ulli Hannemann als Kandidat für den geplanten Mars-Flug aufdrängt. Sein Grund: "Ich bin der (irdischen) Dinge so entsetzlich müde."

Müde sind wir nicht, aber am Ende – wie unser letztes Wort beweist: Tschüss!

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