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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 11.07.2015

Aus den FeuilletonsParzinger warnt vor Flussbad an Museumsinsel

Von Klaus Pokatzky

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Hermann Parzinger, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (dpa / picture alliance / Soeren Stache)
Hermann Parzinger, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (dpa / picture alliance / Soeren Stache)

Der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, hat vor einem Flussbad an der Museumsinsel gewarnt. "Hier werden Hunderte nicht nur baden, sondern feiern wollen", schreibt er im Berliner "Tagesspiegel". Zudem sieht er den Welterbe-Status in Gefahr.

"Das Weltall enthält, wie wir aus dem Logbuch des Raumschiffs 'Enterprise' wissen, unendliche Weiten."

Das stand in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG. Und das Raumschiff Enterprise, liebe Selfie-Kinder, habe ich in Eurem Alter im Fernsehen bewundert.

Ab vor die Glotze

"Fernsehen als Strafe für Kinder",

so titelte die BERLINER ZEITUNG. Früher war die Strafe, dass böse Kinder sich nicht vor den Fernseher setzen durften, heute ist die Strafe, dass ihnen ihre kleinen Smartphones oder Tablets weggenommen werden - die sie ja schon zum Geburtstag bekommen, wenn sie noch nicht mal lesen und schreiben können - und dann heißt es: ab vor die Glotze.

"Ein Vater sagt etwa, die schlimmste Strafe bei ihnen zu Hause sei es, den Kindern die Handgeräte abzunehmen und stattdessen den Fernseher einzuschalten",

schrieb Susanne Lenz in der BERLINER ZEITUNG über eine amerikanische Studie zu Erziehungsmethoden im digitalen Zeitalter.

"Dann sieht man, wie sich sein kleiner Sohn verzweifelt weinend in die Sofakissen wirft, als das TV-Gerät angemacht wird."

Ihr gefallt mir, liebe Kinder, ich habe meinen Fernseher schon vor dreißig Jahren abgeschafft.

"Auch jeder Wassertropfen ist eine Welt für sich",

stand noch in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN zum

"Projekt einer Badeanstalt in der Berliner Mitte, dort, wo Humboldtforum und Staatsoper einander von Baugerüst zu Baugerüst gute Nacht sagen",

schrieb Andreas Kilb über ein Flussbad im Spreekanal, für dessen Planung Bund und Land schon vier Millionen Euro gegeben haben.

"Mit dem Geld soll bis 2018 eine Planungsgrundlage geschaffen werden",

hieß es in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG.

"Das Bad soll kostenlos sein und öffentlich zugänglich",

schrieb Laura Weissmüller bei Temperaturen, die einfach Sehnsüchte erwecken müssen.

"Wer schon einmal in Basel in den Rhein gestiegen ist oder sich im Münchner Eisbach hat treiben lassen, der weiß, dass hier die Stadt zu sich kommt. Berlin braucht solche Orte heute mehr denn je."

In der Hauptstadt soll eben jeder nach seiner Façon baden gehen - das wollte schon Fridericus Rex vor 250 Jahren.

"Das Problem ist nur, dass dort, wo die Krauler dermaleinst ihre Bahnen ziehen und die Warmduscher ihre Morgenwäsche genießen sollen, das Welterbe der Berliner Museumsinsel liegt",

warnte die FRANKFURTER ALLGEMEINE.

"Der Auftrag der Museen ist es, dafür zu sorgen, dass die Menschen in der Kunst baden wollen",

war denn auch im Berliner TAGESSPIEGEL zu lesen.

"Dazu brauchen wir aber keine Badeanstalt",

meinte Hermann Parzinger, der als Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz mit seiner Museumsinsel Nachbar eines solchen Bades wäre.

"Ist das mit dem Welterbe-Status des Gesamtensembles vereinbar, wollen wir hier tatsächlich auf der Roten Liste der Unesco landen?",

fragte er empört.

"Ich empfehle einen Besuch am Schlachtensee"

"Hier werden Hunderte nicht nur baden, sondern feiern wollen. Ich empfehle einen Besuch am Schlachtensee oder in den Freibädern von Neukölln, Kreuzberg oder Pankow, dort ist die Situation längst gekippt. Unmengen von Müll, Polizei, Anwohnerklagen, Dauerparty, gute Nacht Museumsinsel!"

Es war die Woche des Hitzerekords.

"Hier, im Freibad, könnte man meinen, haben alle die gleichen Chancen, weil sich alle ausziehen müssen",

lesen wir in der neuen FRANKFURTER ALLGEMEINEN SONNTAGSZEITUNG in einer Reportage aus dem Berliner Columbiabad.

"All das, was ein Mensch an Statuskapital (Autos, Häuser, Bücher, Kleidung, Schmuck) anhäufen kann, fällt weitestgehend weg",

schreibt Antonia Baum. Alles fällt weg? Das wissen die Selfie-Kinder besser.

"Der deutsche Mann, der sich in seiner kommunikativen und sozialen Hilflosigkeit früher so schön an der Zigarette festhalten konnte",

stand in der Tageszeitung DIE WELT,

"er verfügt jetzt über eine neue Krücke: das Smartphone",

wetterte Tilman Krause gegen all die,

"die man heute angestrengt auf ihren elektronischen Flachmännern tippen, wischen, drücken, rumfummeln sieht (die ganze Motorik rund ums Handy hat ja etwas Lümmelhaftes)."

Das schreit nach einer philosophischen Betrachtung.

"Es gab im Laufe der Geschichte eine Verkehrung, die dazu führte, dass jeder Einzelne und das Kollektiv in der Unruhe das Heil findet",

konnten wir aus CHRIST UND WELT erfahren.

"Wir wollen vorankommen, wissen aber eigentlich gar nicht so genau, in welche Richtung und mit welchem Ziel",

sagte im Interview der Kieler Philosophieprofessor Ralf Konersmann, der gerade ein Buch über "Die Unruhe der Welt" geschrieben hat.

"Es gibt keinen rationalen Diskurs über die Unruhe"

"Es prickelt wie Kohlensäure in unseren Adern, und wir wissen nicht, warum. Es gibt keinen rationalen Diskurs über die Unruhe, uns genügt die Übereinkunft des gemeinsamen Empfindens."

Da können wir nur auf eine gute pädagogische Begleitung der zukünftigen Selfie-Generationen hoffen.

"In den ersten Lebensjahren durchlaufen Kinder Jahrtausende der Kulturgeschichte wie im Zeitraffer",

klärte uns die FRANKFURTER ALLGEMEINE auf.

"Wie sie das Wissen aufschließen, das in den Dingen des täglichen Lebens steckt - linker Schuh, rechter Schuh?"

Und dann zählte die Pädagogin Donata Elschenbroich auf, was ein Kindergarten in unseren Zeiten alles so zu bieten hat:

"Man trifft dort heute auf Forscherecken, die Kaputtwerkstatt, auf Atelier und Theaterpodium, vielleicht auf ein Wasserlabor, eine Großbaustelle im Garten neben Hochbeet und Insektenhotel. Fazit: Unseren Kindern, egal aus welchen Elternhäusern, wird heute in Kindergärten so aufmerksam und achtungsvoll begegnet wie in Deutschland keiner Generation zuvor. Das wird nicht folgenlos bleiben."

Hoffentlich auch nicht für die unendlichen Weiten des Freibads.

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