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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 16.06.2014

Aus den FeuilletonsOhne Hegel geht nichts

Die Feuilletons entdecken die Philosophie

Von Hans von Trotha

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Spuren von Ketchup und Currywurst sind am 13.05.2013 in Berlin am Hegel-Denkmal in Mitte zu sehen. Die Büste war am Wochenende von bislang Unbekannten beschmiert worden.  (dpa/ picture alliance / Paul Zinken)
Denkmal des Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel, von Unbekannten beschmiert. (dpa/ picture alliance / Paul Zinken)

Als hätten sie sich abgesprochen, holen sich die Feuilletons heute Philosophen ins Blatt oder schildern, wie man philosophisch fernsieht. An Hegel kommt dabei keiner vorbei.

André Gide hat einmal gesagt:

"Wenn ein Philosoph einem antwortet, versteht man überhaupt nicht mehr, was man ihn gefragt hat."

Das mag der Grund sein, warum die Philosophie im Feuilleton eher kurz kommt. Ausgerechnet jetzt, wo eigentlich Fußball ist, passiert es doch.

Die BERLINER ZEITUNG hat den einzigen praktizierenden deutschen Großphilosophen im Interview, was selten ist, sagt der doch selbst:

"Mein Ehrgeiz, ein breites Publikum zu erreichen, war immer begrenzt. Ich gehe ja auch nicht ins Fernsehen."

Befragt nach den Kollegen Safranski, Sloterdijk und Precht, die ja sehr gern ins Fernsehen gehen, sagt Habermas freundlich:

"Diese Namen dürften für die gegenwärtige deutsche Philosophie kaum repräsentativ sein."

Und er fährt fort:

"Die Philosophie ist heute Schulphilosophie, eine wissenschaftliche Profession wie jede andere. Allerdings unterscheidet sie sich von allen anderen Disziplinen dadurch, dass sie – als 'nicht-festgestelltes Denken' – durch keine Methode und durch keinen festumschriebenen Objektbereich definiert ist."

Vielleicht passt sie ja deswegen so schlecht ins Feuilleton.

Mit Hegel die Europawahl erklären

Mit dem Kroaten Srećko Horvat hat auch die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG einen echten Berufsphilosophen am Start. Der fragt:

"Ist die Linke wirklich tot?"

Und wer so fragt, ist natürlich links. Links muss aber nicht einfach heißen:

"Was wir bis bei dieser Europawahl beobachten konnten, entspricht dem, was Hegel im Zusammenhang mit dem Begriff der 'schönen Seele' verhandelte. Menschen – seien es Aktivisten, Intellektuelle oder die Wählerschaft – enthalten sich des Engagements, sind unwillig, sich die Hände schmutzig zu machen. Ist da die berühmte Passage aus Hegels 'Phänomenologie des Geistes' nicht die beste Beschreibung für all diejenigen, die zwar den Aufstieg der Rechten beklagen, ihn aber nicht bekämpfen, manchmal sogar nicht mal selbst zur Wahl gehen? Dieses Bewusstsein, so Hegel, 'lebt in der Angst, die Herrlichkeit seines Innern durch Handlung und Dasein zu beflecken, und um die Reinheit seines Herzens zu bewahren, flieht es die Berührung der Wirklichkeit und beharret in der eigensinnigen Kraftlosigkeit, seinem zur letzten Abstraktion zugespitzten Selbst zu entsagen'."

Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG hat die schöne Seele, die TAZ dafür den "neuen Menschen". Von dem berichtet der kubanische Krimiautor Leonardo Padura und meint den "Traum 'Che' Guevaras vom sozialistischen Modellmenschen kubanischer Prägung." Padura meint:

"Die kubanische Realität hat den Traum vom 'neuen Menschen' niedergewalzt."

Selbstverteidigung mit Hegel

Das letzte Buch von Srećko Horvat hieß übrigens: "Nach dem Ende der Geschichte." Und die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG featuret auch den Urheber dieses vielzitierten Slogans, Francis Fukuyama.

"Seit einem Vierteljahrhundert muss der amerikanische Star-Politologe zu seiner einen kühnen These Stellung nehmen ... Bei seinen Auftritten erklärt Fukuyama heute meistens kurz, dass er das so nie geschrieben oder gemeint habe. Sein 'Ende' sei kein Ereignisstopp, sondern eine Zielerreichung, inspiriert von Friedrich Hegel und Alexandre Kojève."

Ohne Hegel scheint im Feuilleton gerade gar nichts zu gehen. Auch Habermas stellt uns in der BERLINER ZEITUNG ausdrücklich die Aufgabe, "mit analytischen Mitteln die Stärken unserer eigenen Tradition zu erschließen und bei der Bearbeitung der systematischen Probleme aus den Quellen von Kant bis Hegel und Marx zu schöpfen."

Räsonieren übers Fernsehen

Die NZZ konfrontiert uns schließlich noch mit dem Terminus "arm chair philosophy" und der Tatsache, dass "sich das intellektuell ambitionierte Schreiben über Kinofilme und auch Fernsehserien" zu einem neuen Zweig derselben ausgeweitet habe.

"Dass nun auch der 'Tatort' zum Schauplatz des Philosophierens wird, verwundert mithin nicht", stellt das Blatt fest und berichtet von einem Buch, dessen Autoren "das Kunststück vollbringen sollen, bei der 'philosophischen Durchdringung' der sonntäglichen Krimiserie zugleich – und auf wenigen Seiten – in die wesentlichen philosophischen Autoren und Denkschulen des 20. und frühen 21. Jahrhunderts einzuführen. Es mag auf sich beruhen; ob die ausgewählten tatsächlich 'die wesentlichen' Autoren der Gegenwart und jüngeren Vergangenheit sind. Zweifel dürfen indes schon allein deswegen gehegt werden, weil Wittgenstein, dessen Satz 'Die Welt ist alles, was der Fall ist' als kalauerndes Motto in Gebrauch genommen wird, sonst nicht vorkommt."

Wie schön, dass das Schweizer Blatt unverdrossen diesen Tonfall gediegener Ironie in der Analyse pflegt. Vielleicht ist das ja am Ende die wahre Philosophie des Feuilletons.

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