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Kulturpresseschau | Beitrag vom 09.11.2019

Aus den FeuilletonsNorbert war wohl Stiefel putzen

Von Klaus Pokatzky

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Ein durchnässter Mann steht auf der Berliner Mauer, reckt die Arme in die Höhe und wird dabei vom Strahl eines Wasserwerfers getroffen. (Picture Alliance / dpa)
"Wer war am 9. November wo?", gehörte zu den häufigsten Fragen dieser Woche. (Picture Alliance / dpa)

Vor 30 Jahren brachten die Bürgerinnen und Bürger der DDR die Mauer zum Einsturz. Wer dieses Weltereignis erlebt hat, weiß bis heute, wo er am 9. November 1989 war. Die Feuilletons sind voll mit Erinnerungen an diese Zeit – traurigen wie schönen.

"Während Zeitungen und Nachrichten dieser Tage voll sind von Geschichten aus der DDR und der Zeit des Mauerfalls", lasen wir im Berliner TAGESSPIEGEL, "mag es in einigen Familien doch noch so aussehen: Die altbekannten Anekdoten werden erzählt, aber darüber hinaus herrscht Schweigen. Der Opa bei der Stasi, der Vater bei den Grenzsoldaten, die Mutter in der SED? Besser nicht darüber reden, das kann alte Wunden aufreißen und neue Gräben ziehen", schrieb Anna Thewalt.

Die Feuilletons hatten in dieser Woche aber viele schöne Anekdoten zu erzählen. "Am 10. November glaubten wir, dass niemand kommt, weil alle im Westen sind", erinnerte sich der Rock-Musiker Dirk Michaelis, wie das war vor 30 Jahren, einen Tag nach dem Mauerfall, als er mit seiner Band "Karussell" im Ostberliner Palast der Republik auftrat. "Doch es war voll", erzählte er der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG.

"Im Saal herrschte eine Mischung aus Hoffnung und dem unbezwingbaren Glauben, dass jetzt das Größte und Beste passiert, was wir uns vorstellen können: Beide Systeme werden einen Weg finden, das jeweils Beste herauszufiltern und zusammenzuführen. Wir dachten, wir würden jetzt das tollste Land der Welt."

Beim Mauerfall auf der Filmpremiere

Und wer war am 9. November wo? Das gehörte zu den häufigsten Fragen dieser Woche. "Ich war im Kino International zur Premiere von ‚Coming Out‘, dem ersten explizit schwulen Film aus DDR-Produktion", sagte der Journalist und damalige DDR-Bürger Jens Bisky der Wochenzeitung DIE ZEIT. "Du, Norbert, hast wahrscheinlich Stiefel geputzt." Wohl wahr: Bruder Norbert Bisky, der Künstler, war damals nämlich bei der Nationalen Volksarmee: "An einem Morgen kam der Unteroffizier und sagte, die Mauer sei gefallen. Das haben wir erst mal nicht geglaubt."

Fragte DIE ZEIT: "Sie dachten, es sei ein Scherz?" Norbert Bisky: "Unteroffiziere neigten nicht zu Scherzen." Das ist in den letzten 30 Jahren anders geworden – und nicht nur das.

"Freiheit ist ein Begriff, der sich in den letzten 30 Jahren wie kein anderer verändert hat", meinte Mara Delius in der Tageszeitung DIE WELT. "An Freiheit können wir uns weiter festhalten. Freiheit ist und bleibt ein universaler Wert. Freiheit löst sich nicht auf in ein Trugbild", schrieb Lann Hornscheidt ebenfalls in der WELT.

"Auf Freiheit ist Verlass. So scheint es. So wie auf Demokratie, vielleicht auch auf Liebe. Freiheit ist ein unhinterfragbar scheinender Wert, der Mauern einreißt."

West-68er und Ost-89er

Aber wer hat die Mauer damals nun wirklich eingerissen? Der Literat Lukas Rietzschel, 1994 in der Oberlausitz geboren, saß neulich bei einer Podiumsdiskussion und neben ihm war ein "Mitdiskutant, Professor einer westdeutschen Universität, geboren in der Bundesrepublik der fünfziger Jahre", wie in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG zu lesen war.

Dessen westlich-professorale Erkenntnisse waren, "dass die Proteste der DDR-Bürger nicht zum Ende der SED-Herrschaft geführt hätten, sondern dass der Staat aufgrund seiner wirtschaftlichen respektive seiner unwirtschaftlichen Lage zusammengebrochen sei. Die Rolle der Bürgerbewegung", erinnerte sich Lukas Rietzschel, "erwähnte er mit keinem Wort."

Das Feuilleton kannte nicht nur schöne Anekdoten in dieser Woche. "Während die West-68er von der Revolution träumten und letztlich Reformen erreichten, wollten die Ost-89er ursprünglich Reformen und haben eine Revolution ausgelöst", schrieb in der WELT allen Ignoranten ins Stammbuch Werner Schulz – der ehemalige DDR-Bürgerrechtler.

"Westliche Bildungsträger veranstalten seit Jahrzehnten gutgemeinte Foren zur DDR-Geschichte", stand in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG. "Sie sehen sich mit einer Ablehnung der Einheimischen konfrontiert", so der Schriftsteller Martin Ahrends, der einst ebenfalls in der DDR lebte. "Genauso wie man vordem die politischen Pflichtveranstaltungen ablehnte als Übergriff einer fremden Deutungshoheit, so lehnt man nun die westliche Deutung der selbst gelebten Geschichte ab. Mit dem Unterschied, dass man jetzt straflos fernbleiben kann."

Widerstand gegen die Entmündigung

Dem mutigen Volk sei Dank. "Der Ruf ‚Wir sind das Volk‘ war im Widerstand gegen den SED-Staat tatsächlich eine genuin demokratische Losung", hieß es in der WELT.

"Eine von jeder Entscheidung über ihr Schicksal ausgeschlossene Bevölkerung ließ die totalitären Machthaber damit wissen, dass sie Entmündigung und Rechtlosigkeit nicht länger hinnehmen werde", meinte Richard Herzinger.

"Nachdem die Diktatur beseitigt war, teilte sich dieses vereinte ‚Volk‘ wieder in widerstreitende politische, soziale und ideelle Gruppen und Einzelpersonen auf." Und das ist zunächst mal ja auch gut so. "‘Das Volk‘ ist in diesem Sinne also die Summe aller Einzelnen, die sich zusammenschließen, um sich eine Ordnung zu geben, in der die individuellen Rechte aller gesichert sind – die aber ‚die Leute‘ in ihrer Verschiedenheit und Vereinzelung belässt."

Individualität gehört eben zur Demokratie. "Meine Identität ist nicht durch eine Art DDR-Vergangenheit geprägt", sagte im WELT-Interview der 1967 in Weimar geborene Bariton Matthias Goerne. "Ich bin heute auf der ganzen Welt glücklich, egal wo ich bin. Aber auch deshalb, weil ich schnell begriffen hatte, wie kostbar das ist."

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