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Kulturpresseschau | Beitrag vom 11.02.2020

Aus den FeuilletonsNonlineares Leinwandleben

Von Gregor Sander

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Auf dem schwarz-weiß Foto sitzt Ingeborg Bachmann mit übereinander geschlagenen Beinen und lauscht mit dem Kopf auf die rechte Hand gestützt der Kamera zugewandt einem Vortrag beim Spoleto Literaturfestival 1965. (Werner Neumeister - imago stock&people)
Eine Verfilmung von Ingeborg Bachmanns Leben ist geplant - durch szenische Verdichtung soll Authentizität erzeugt werden. (Werner Neumeister - imago stock&people)

Ingeborg Bachmanns Vita soll verfilmt werden, ihre Biografin hat laut "taz" bereits ein Drehbuch verfasst. Ziel: einen "zeitgemäßen Zugriff" auf das Leben der Schriftstellerin finden, das - so viel ist schon klar - auf keinen Fall linear erzählt werden darf.

"Gott geht nicht mehr ans Telefon", klagt Alain Claude Sulzer im Aufmacher der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG. Vielleicht liegt es ja daran, dass einem die Welt gerade so tragisch durcheinander vorkommt, denkt man, aber dann geht es dem Schriftsteller doch nur um die in der Schweiz bereits 2006 eingestellte Telefonauskunft:

"Die Nummer 111 konnte sich jedes Kind gut merken. Sie war ein Türöffner in ein Gebäude, in dem das Wissen über Kleines und Grosses wohnte. Das war in jener grauen Vorzeit, als Männer zu jeder Tageszeit Krawatten und Witwen bis an ihr Lebensende Schwarz trugen", schwärmt Sulzer.

Aber da es diese Möglichkeit der Nachfrage ja nun nicht mehr gibt und uns alltageszeitliche Krawatten vermutlich auch nicht weiterhelfen würden, suchen wir nach neuen Erklärungsansätzen - zumindest für die deutschen Probleme.

Drei Rücktritte, drei Mal "K"

In der TAZ sieht Uli Hannemann eine gewisse Verbindung zum Wetter: "Kaum hat sich 'Sabine' hinter die Gardine zurückgezogen, da erschüttern Rücktrittsmeldungen unser anscheinend noch nicht genug gezaustes kleines Land: Die drei Ks, Klinsmann, Kramp-Karrenbauer, Kardinal Marx – sie wollen alle drei nicht mehr."

Doch während Hannemann für die CDU-Chefin und den Münchner Erzbischof noch ein gewisses Rücktrittsverständnis aufbringt, reißt ihm beim Trainer von Hertha BSC, Jürgen Klinsmann, die Hutschnur:

"Der Wahl-Weddinger hinterfragt andere kaum und sich selbst schon mal gar nicht. Da mischt sich der Schwabe ungut mit dem Kalifornier; gierige, provinzielle und rechthaberische Kleinbürgerlichkeit mit oberflächlichem und angesichts der Umstände (Jahrhundertwaldbrände, Jahrtausenderdbeben, Tabellenvierzehnter) notorisch unangebracht wirkendem Sunnyboy-Optimismus. Alles in allem ergibt das eine Mentalitätskombination aus der Hölle."

Damit fällt Klinsmann zumindest als Nachfolger von Kardinal Marx aus und vermutlich auch als CDU-Vorsitzender.

Ingeborg Bachmann als Kino-Heldin

In der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG lesen wir etwas erstaunt, dass es noch keinen Kinofilm über Ingeborg Bachmann gibt. Das will deren Biografin Andrea Stoll ändern. Ein Drehbuch dafür hat sie bereits verfasst.

Trotzdem fragt Sandra Kegel: "Ist es nicht viel aussagekräftiger, die Originaltexte zu lesen?" Doch Andrea Stoll ist sicher: "Das eine ersetzt das andere nicht. Filme fächern Charaktere nicht nur intellektuell auf, sie arbeiten mit Emotionen, die szenische Verdichtung kann enorme Authentizität erzeugen."

Und wie das auf der Leinwand aussehen soll, darüber ist sich die erfahrene Drehbuchautorin auch im Klaren: "Ein Film über Ingeborg Bachmann sollte sich von ihrer Radikalität herausfordern lassen. Ein zeitgemäßer Zugriff ist daher so wichtig, der in den Kern ihrer Schreibnot vorstößt. Also auf keinen Fall eine lineare Biographie!"

Die Silver Edition der Berlinale-Tasche

Sollte das gelingen, wäre eine Premiere bei der Berlinale vorstellbar. Das diesjährige Hauptstadtfilmfest startet nächste Woche mit einer neuen Festivalleitung und der Berliner TAGESSPIEGEL fragt sich ganzseitig: "Was ist neu beim Festival?"

Einiges ist verschwunden, erklärt Christiane Peitz, wie die Kategorie "Außer Konkurrenz" oder das "Kulinarische Kino":

"Dafür hat Carlo Chatrian als neuer künstlerischer Leiter einen zweiten Wettbewerb installiert, kuratiert mit seinem siebenköpfigen Auswahlteam: 'Encounters' versammelt 15 Filme mit etwas verwegenerer Ästhetik. Solche Reihen mit eigener Jury gibt es auch in Cannes und Venedig, dort heißen sie 'Certain regard' und 'Orrizzonti'. Allerdings existieren dort keine Sektionen wie das Forum und das Panorama, die ohnehin die Vielfalt des Kinos feiern."

Ob das also nebeneinander funktioniert, wird man in knapp drei Wochen wissen. Eine andere entscheidende Frage, nämlich: "Gibt’s die Berlinale-Tasche noch?" kann Peitz zum Glück jetzt schon klären: "Klar, zum Jubiläum wird die Silver Edition angepriesen. Dezent im schwarzgrauen Design, mit einer silbrigen 70."

Fazit

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