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Kulturpresseschau | Beitrag vom 12.10.2019

Aus den FeuilletonsNicht nur Freude für Peter Handke

Von Arno Orzessek

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Der Autor Peter Handke im Portärt. (picture alliance / dpa / Tobias Hase)
Der Autor Peter Handke hat den Literaturnobelpreis gewonnen. (picture alliance / dpa / Tobias Hase)

Der Literaturnobelpreis für Peter Handke löste Kritik aus. Die "FAZ" würdigt sein Werk, schreibt aber auch: "In Norwegen, wo er den Ibsen-Preis erhalten sollte, wurde er von Demonstranten als Faschist beschimpft. Das ist erst fünf Jahre her."

Zwei Literaturnobelpreise an einem Tag – waren natürlich das Top-Thema in den Feuilletons der vergangenen Woche. Vor allem Peter Handke, der Preisträger von 2019, wird uns auch gleich beschäftigen. Vorab jedoch einiges Andere.

Blick auf drohende Öko-Apokalypse

"Cyberfossiler Kapitalismus" und näher die verheerende Umweltbilanz der künstlichen Intelligenz beschäftigte die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG.

Hier die drei aussagekräftigen Zwischentitel aus Adrian Lobes Artikel.

"Wer SUVs von der Straße haben will, müsste theoretisch auch [Künstliche Intelligenzen] mit einem Lernverbot versehen."

"Die Klimaforschung ist auf eine digitale Infrastruktur angewiesen, die sie eigentlich ablehnen müsste."

Und drittens: "Es gibt nichts, was so umweltfreundlich ist wie das eigene Denken."

Unter der Überschrift "Prima Klima ohne Kinder" erregte sich Christian Geyer in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG darüber, dass diverse Stimmen zur Rettung der Welt den Verzicht auf Nachwuchs predigen.

"Zum ersten Mal wird aus der anthropologischen Einsicht, dass Leben immer auch heißt: schuldig zu werden und sich in widrigen Umständen einrichten zu müssen, eine misanthropische Nulltoleranz abgeleitet. Das Nichtsein des konkreten Menschen als moralischer Imperativ, um die Gattung vor dem Aussterben zu retten. Der Planet frisst seine Kinder."

Bestürzt: der FAZ-Autor Christian Geyer. Mit Blick auf die drohende Öko-Apokalypse fordern Bürger vielerorts politisches Mitsprachrecht. Was Henryk M. Broder derart missfällt, dass er in der Tageszeitung DIE WELT wetterte:

"Seit jeder, dank dem Internet, in der Politik mitreden, Kampagnen und Shitstorms initiieren kann, wird die Politik nicht vernünftiger, sondern irrer. So wie der Massentourismus das Reisen korrumpiert, führt mehr Partizipation in der Politik nicht zu mehr Demokratie, sondern hebelt die Demokratie aus."

Interview mit Salman Rushdie

Die Wochenzeitung DIE ZEIT führte ein witziges Interview mit Salman Rushdie, der gerade einen neuen Roman namens "Quichotte" vorgelegt hat. Witzig darum, weil Klaus Brinkbäumer über dies und das sprechen wollte und Rushdie zwar stets antwortete, aber mehrmals mahnte: "Wir müssen über mein Buch sprechen." Entgegnung von Brinkbäumer: "Machen wir gleich, wirklich." Vorher aber beantwortete Rushdie die Frage "Ist Trump schlagbar?".

"Oh ja, sehr schlagbar. Das heißt nicht, dass er verliert, denn die Demokraten sind gut darin, sich selbst zu schlagen. Aber ich glaube, dass die linken, jungen, progressiven Wähler von Bernie Sanders zu Elizabeth Warren überlaufen werden und dass sie die Kandidatin wird. Sie macht das gut: Sie redet nicht über Trump. Sie hat ihren Slogan: 'Ich habe einen Plan.' Weil sie, ganz nüchtern, wirklich für alles einen Plan hat. Trump hasst das. Aber wir sollten über das Buch reden."

"Joker" und die Filmkritik

Bevor wir wirklich zum Literaturnobelpreis kommen, kurz noch eine Stimme zum umstrittensten Film der Woche: "Joker" von Regisseur Todd Phillips.

In der SZ befand David Steinitz:

"Dass um den Film selbst ein Grabenkampf stattfindet, ist durchaus ein Hinweis darauf, dass er einen wunden Punkt trifft. Todd Phillips erzählt anhand des Jokers von der Unfähigkeit zu Kompromiss und Empathie. Indem er diese tragenden Säulen des Gesellschaftsvertrags entfernt, führt er den Zuschauer direkt ins Herz eines Menschen, der lernt, sich vom Hass zu ernähren – und für den sich das Futter in den Straßen türmt wie die Müllberge. Was leider das drängendste Thema ist, von dem man derzeit erzählen kann."

Kritik an Peter Handke

Dass Peter Handke die drängendsten Themen behandeln würde, hat auch anlässlich seines Literaturnobelpreises niemand behauptet, eher im Gegenteil. Die Unterzeile der Würdigung von Gregor Dotzauer im Berliner TAGESSPIEGEL zum Beispiel lautete:

"Schreiben, um die Sprache hinter sich zu lassen: Peter Handke sucht in seiner Literatur nach dem sanften Gesetz."

Das 'sanfte Gesetz' spielt auf Adalbert Stifters "Bunte Steine" an, tiefstes 19. Jahrhundert. Aber das nur am Rande. In der TAGESZEITUNG hielt Stephan Wackwitz fest:

"Wie die Entscheidung für Bob Dylan vor drei Jahren wirkt die diesjährige für Peter Handke irgendwie überfällig. Fast eine Art Erleichterung ist spürbar. Überall, wo ich mich bei Literaturkennern meiner Generation [kurze Info: Wackwitz wurde 1952 geboren] in den letzten Jahren umgehört habe, war es eine Art Konsens, dass man unter den gegenwärtigen deutschsprachigen Schriftstellern am plausibelsten Peter Handke den Status eines Schriftstellers von weltliterarischem Rang zuerkennen mochte."

Als Handke den Preis tatsächlich erhalten hatte, resümierte Hubert Spiegel in der FAZ:

"Handke war Popstar, Prophet, Provokateur. Verehrt wurden auch andere, Handke aber hatte eine Gemeinde. Zusammen mit Botho Strauß war er der bedeutendste Dramatiker seiner Generation. Kaum ein Autor kann es an Produktivität mit Handke aufnehmen, kaum einer erhielt mehr literarische Auszeichnungen, niemand hatte größeren Kummer mit ihnen. Das Büchnerpreisgeld, das er schon 1973 erhalten hatte, gab er 1999 unter Theaterdonner zurück – Serbien und dem Kriegsverbrecher Milosevic zuliebe. In Norwegen, wo er den Ibsen-Preis erhalten sollte, wurde er von Demonstranten als Faschist beschimpft. Das ist erst fünf Jahre her."

Indessen brach auch jetzt wieder Streit aus. Die SZ zitierte die Schriftstellerin Jennifer Egan, Präsidentin des PEN America, mit klaren Worten:

"'Wir lehnen die Entscheidung ab, dass ein Schriftsteller, der hartnäckig gut dokumentierte Kriegsverbrechen infrage gestellt hat, es verdient hat, für seinen 'sprachlichen Einfallsreichtum' gefeiert zu werden. Zu einem Zeitpunkt, zu dem Nationalismus, autokratischer Führungsstil und weitverbreitete Desinformation im Aufschwung sind, hat das literarische Leben Besseres verdient.'"

Jennifer Egan, zitiert in der SZ.

Mit Olga Tokarczuk, die nachträglich den Literaturnobelpreis für 2018 erhielt, zeigten sich die deutschsprachigen Feuilletons übrigens spürbar unvertraut. Es florierten austauschbare Belobigungsformeln. Statt unsererseits nähere Kenntnis vorzutäuschen, sagen wir "Glückwunsch, Olka Tokarczuk!" – und wünschen allen Zuhörern einen goldenen Oktobersonntag.

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