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Kulturpresseschau | Beitrag vom 09.03.2020

Aus den FeuilletonsNeuer Krimi von Boris Vian

Von Hans von Trotha

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Boris Vian am Set der Sendung "In search of the jazz", 1955 ( Getty Images / INA / Philippe Bataillon)
Die Oulipo-Autoren führen, zusammen mit dem von ihnen vollendeten Boris-Vian-Krimi, eine neue literarische Kategorie ein: den "Vintage-Machismo". ( Getty Images / INA / Philippe Bataillon)

Seit über 60 Jahren ist Boris Vian tot und doch erscheint ein neuer Krimi von ihm. Die Literatengruppe Oulipo habe ein nachgelassenes Fragment zu Ende geschrieben, einschließlich einiger ziemlich machistischer Passagen, lesen wir in der „Süddeutschen“.

Ein Thema hat es jetzt endlich geschafft, das Virus auf die feuilletonistischen Plätze zu verweisen: ein Buch. Allerdings nur, weil es nicht erscheinen soll. Ganz ohne Corona geht es noch nicht. In der FAZ etwa betrachtet Stefan Trinks das menschenleere Rom ästhetisch: "Die Treppenanlagen zwischen den sieben Hügeln sehen nun wirklich aus wie die gemalten Bühnenbildarchitekturen von de Chirico."

Und in der SÜDDEUTSCHEN handelt auch die zehnte Folge von A. L. Kennedys Kolumne über das "Seelenleben des Brexit" vom Doppelschlag Brexit und Corona: "Während des Zweiten Weltkriegs halfen uns alle freien Mächte Europas. Jetzt können wir uns nicht mal überwinden, dem Europäischen Netzwerk zur Grippe-Überwachung beizutreten, bloß weil es das Wort ‚europäisch‘ enthält."

Streit über Umgang mit Woody Allens Biografie

In der FAZ fragt Edo Reents: "Darf man sich noch den ‚Stadtneurotiker‘ ansehen, oder kriegt man davon jetzt schon Corona?", und leitet damit mittelelegant vom einen Debattenthema zum anderen, nämlich zu der Frage, ob es richtig ist, dass der Rowohlt-Verlag Woody Allens Autobiografie herausbringen will, obwohl sich der amerikanische Original-Verlag Hachette unter Verweis auf lang schon bekannte, allerdings nicht bewiesene Missbrauchsvorwürfe dagegen entscheiden hat. Edo Reents schafft es nicht ganz aus dem einen Diskurs in den anderen, da fallen sie halt irgendwie zusammen:

"Offenbar fürchtet man", schreibt er, "mit dem Missbrauchsvirus eines Mannes angesteckt zu werden, dem bisher nichts nachgewiesen wurde. Auch bei Rowohlt greift man jetzt zum Mundschutz: Autoren fordern ihre Verlagsleitung dazu auf, auch die deutsche Fassung nicht zu veröffentlichen."

"Dem 'Moralpöbel' das Maul stopfen"

Reents schäumt, und das ohne jeden Mundschutz. Er meint, es sei "an der Zeit, dem Moralpöbel das Maul zu stopfen. ‚Moralpöbel‘", erläutert er immerhin, "ist hier zu verstehen als Sammelbegriff für all jene, die sich etwas anmaßen, was ausschließlich Sache der Justiz ist: über die Schuld und Strafwürdigkeit eines anderen Menschen zu urteilen und" – das war‘s dann auch schon wieder mit der Sachlichkeit – "dieses Urteil auch noch in der Öffentlichkeit herum zu posten und zu pesten."

Nüchterner gibt David Steinitz in der SÜDDEUTSCHEN zu bedenken: "Der Rückzieher war insofern ungewöhnlich, als Aussage gegen Aussage steht und es seit knapp drei Jahrzehnten keinerlei neue Beweise für Schuld oder Unschuld gibt. Weshalb man sich fragen kann, wieso der Verlag sich nicht schon vorher genau überlegt hat, ob er mit Allen zusammenarbeiten will oder nicht".

"Mit dem 'Solidaritäts-Paradox' wird Politik gemacht"

Und Gerrit Bartels stellt mit Blick auf den Vorwurf, das Allen-Buch würde ungeprüft veröffentlicht, im TAGESSPIEGEL die Frage: "Wer checkt in einer Autobiographie Fakten?"

In der WELT macht Mara Delius ein "Solidaritäts-Paradox" in der amerikanischen Öffentlichkeit aus. Wer wäre nicht solidarisch gegen sexuelle Gewalt, setzt sie voraus, um zu fragen: "Aber verhält man sich nicht mindestens anti-solidarisch mit einem, dessen Unschuld doch rechtmäßig gelten muss, bis das Gegenteil bewiesen ist?" Mit diesem "Solidaritäts-Paradox" wird nun Delius‘ Meinung nach "mehr oder weniger direkt Politik gemacht", indem "vermeintlich Kontroverses oder Inkorrektes an den unmöglichen Rand des öffentlichen Diskurses verschoben" wird.

Vintage-Machismo-Krimi von Boris Vian

Eine genuin literarische Variante dessen, worum es hier geht, nämlich die #MeToo-Debatte und ihre Folgen, beschert uns Boris Vian zu seinem 100. Geburtstag. Stefan Zweifel schwärmt in der NZZ, Vian habe ihn "auf die Umlaufbahn der Liebe" entführt, und Joseph Hanimann bemerkt in der SÜDDEUTSCHEN: "Er hatte es zu eilig mit dem Leben, um altern zu können."

So ist er seit über 60 Jahren tot. Und doch erscheint jetzt – und zwar, im Gegensatz zu Woody Allen sicher – ein neuer Vian. Die Literatengruppe Oulipo, berichtet Hanimann, hat einen Krimi zu Ende geschrieben, den Boris Vian als Fragment hinterlassen hat, einschließlich einiger ziemlich machistischer Passagen.

"Die Cheffahnderin bei der Polizei" etwa "zeigt sich als einstige Geliebte des Helden aus der Bettperspektive." In einer Nachbemerkung prägen die Oulipo-Autoren quasi entschuldigend einen Begriff, der zu raffiniert ist, um die nächste Debatte auszulösen, obwohl er durchaus Sprengstoff enthält. Sie erklären die "damaligen Männerfantasien" in dem aktuellen Buch zum wahrscheinlich ersten Beispiel der neuen literarischen Kategorie des "Vintage-Machismo". Schließlich hätten sie auch "die Sexszenen rückwirkend an der Zensur jener frühen Nachkriegsjahre vorbei schreiben" müssen. Da wird's dann wirklich kompliziert.

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