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Kulturpresseschau | Beitrag vom 26.09.2020

Aus den FeuilletonsNeue Wörter braucht das Land - oder etwa doch nicht?

Von Tobias Wenzel

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Eintrag zu "Political Correctness" im Duden. (dpa / Franz-Peter Tschauner)
Matthias Heine von der "Welt" steht dem "Leitfaden für diversitysensible Kommunikation" vom Berliner Senat kritisch gegenüber. (dpa / Franz-Peter Tschauner)

Beamte in Berliner Ämtern und Behörden sollen Sprache sensibler gebrauchen. So will es zumindest der Senat. Statt "Schwarzfahrer" heißt es nun "Fahrende ohne gültigen Fahrschein". Die "Welt" reagiert mit Sarkasmus auf den Leitfaden.

"Wenn ich die Fotos vom genesenden Alexej Nawalnyj sehe und seine lustigen, selbstironischen Kommentare dazu lese, kann ich es mir nicht verkneifen, Sympathie für ihn zu empfinden. Ich bin gerührt, sogar entzückt", schreibt Nikolai Klimeniouk in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN SONNTAGSZEITUNG über den Mann, den die meisten Deutschen wohl nur als mutigen Kreml-Kritiker wahrnehmen.

Aber dann fährt Klimeniouk überraschend fort: "Dabei verkörpert der Politiker Nawalnyj, der in vielen Themen den europäischen Rechtspopulisten nahesteht, so ziemlich alles, was ich mein ganzes Leben lang bekämpfe oder wovor ich fliehe: aggressiven Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit, Hetze." Wie könne er da Nawalnyj mögen, fragt sich Klimeniouk und antwortet auf den Giftanschlag anspielend: "Die schamlose Eindeutigkeit des Bösen, das über Menschen herfällt, eliminiert alle moralischen Ambivalenzen."

Juliette Grécos Tipps für übereifrige Liebhaber

Ums Mögen und Ablehnen, ums Lieben und Hassen, haben sich die Feuilletons dieser Woche gedreht, besonders mit Blick auf die Sprache. Von "Nächten der Liebe" habe sie in ihren Liedern gekündet, "die letzte Muse von Saint-Germain-des-Prés", schrieb Manuel Brug in der WELT zum Tod von Juliette Gréco.

Annabelle Hirsch erinnert in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN SONNTAGSZEITUNG an Grécos wohl bekanntestes Lied und den dazugehörigen Text: "'Déshabillez-moi', 'Ziehen Sie mich aus', ist eine Art ironische Anleitung, die manch einem übereifrigen Liebhaber bis heute helfen könnte: 'Ziehen Sie mich aus, nur nicht auf der Stelle, nicht zu schnelle, begehren Sie mich, verzehren Sie sich.' Und dann, zum Schluss, ganz autoritär: 'Und Sie: Ziehen Sie sich aus!'"

Berlins neuer "Leitfaden für diversitysensible Kommunikation"

Und Sie, liebe Hörer, pardon: liebe Hörenden: Sagen Sie nicht mehr "Ausländer"! Sondern "Einwohnende ohne deutsche Staatsbürgerschaft"! Dann machen Sie einige Mitarbeiter, äh, Mitarbeitende der Berliner Landesstelle für Gleichbehandlung und gegen Diskriminierung glücklich, allerdings Matthias Heine traurig.

Der setzte sich nämlich in der WELT mit dem neuen "Leitfaden für diversitysensible Kommunikation" kritisch auseinander, den die besagte Gleichbehandlungsstelle für die Berliner Ämter und Behörden verfasst hatte. Demnach solle man nicht nur statt "Ausländer" "Einwohnende ohne deutsche Staatsbürgerschaft" sagen, sondern auch statt "Schwarzfahrer" "Fahrende ohne gültigen Fahrschein".

Matthias Heine sah darin den "Versuch, mit dem Programm 'Sprache' der Gehirnwaschmaschine böse, diskriminierende und unreine Gedanken aus den Köpfen der Menschen zu spülen." Heines Sarkasmus verriet, dass er nicht glaubt, man könne die Gesellschaft durch verordneten Sprachwandel verändern. Goebbels und Mao und auch Demokraten seien jedoch von der Idee fasziniert gewesen.

Matthias Heine nannte einige Belege dafür, dass man durch sprachliche "Umetikettierungen" gerade nicht Diskriminierung und Menschenfeindlichkeit aus der Welt schafft. Ein Beispiel aus den USA: "Aus Niggern wurden Negroes, aus Negroes wurden Colored, aus Colored wurden Black Americans, aus Black Americans wurden Afroamericans, aus Afroamericans wurden People of Color, ohne dass sich deshalb irgendwas am Rassismus geändert hat."

Warum Männerhass nicht diskriminierend ist

Von der Berliner Landesstelle für Gleichbehandlung zum französischen Ministerium für Gleichstellung und Diversität. Ein dortiger Beamter hat der 25-jährigen Autorin Pauline Harmange vorgeworfen, an Misandrie, krankhaftem Männerhass, zu leiden und ein Lob auf diesen Hass zu singen. Darüber berichtete Claudia Mäder in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG. Harmange hatte in einem Kleinstverlag den Essay "Moi les hommes, je les déteste" ('Ich hasse Männer') veröffentlicht.

Und dieses kaum wahrgenommene Buch wollte der Beamte aus dem Verkehr ziehen lassen. Die Folge: Es verkauft sich seitdem hervorragend und erscheint auch bald auf Deutsch. Harmange ist mit einem Mann verheiratet, erfuhr man aus dem NZZ-Artikel und fragte sich unwillkürlich, wie es dem Mann wohl mit dieser Frau ergeht.

Und außerdem: Ist Männerhass nicht diskriminierend? Nicht für Pauline Harmange, erläuterte Claudia Mäder: "Man könne, so erklärt die Autorin, Misogynie und Misandrie unmöglich mit gleichen Ellen messen, da die männerhassenden Frauen erstens aus einer Position der Unterdrückung agierten und ihren Hass zweitens auf ganz andere Weise lebten als die Männer." So zu argumentieren, sei nicht strafbar, schrieb Mäder, aber wer mit solch "platten Pauschalisierungen" den Feminismus voranbringen wolle, müsse wohl "den Kontakt zur Realität verloren haben".

Kurioses von und mit Bill Murray

Von der Misandrie oder Androphobie zur Dragonophilie: DIE ZEIT zitierte aus einem Gedicht, das der belarussische Lyriker Dmitri Strotsev im August geschrieben hatte: "Ein Drachen hat sich in unserem Haus niedergelassen / Bewaffnet und fleischfressend / Er mag besonders die Kinder", heißt es da, "wir sind so müde, sie zu verstecken, es gibt keine geheimen Ecken mehr / Wie können wir / friedliebende / Dragonophile sein". "Drachenfreunde", erklärte Elisabeth von Thadden das Fremdwort.

Sind Sie, liebe Hörer, eigentlich auch murrayphänophil? Gefällt es Ihnen, dass Bill Murray immer wieder irgendwo in der Öffentlichkeit auftaucht und ungewöhnliche Dinge tut? Davon erzählte Arno Frank in der TAZ zum 70. Geburtstag des US-amerikanischen Schauspielers: 

"Einmal kam er in San Francisco mit einem Taxifahrer ins Gespräch, der darüber klagte, keine Zeit mehr für seine eigentliche Leidenschaft zu haben – das Saxofon. Also wechselten Murray und der Fahrer die Seiten. Der Mann spielte auf dem Rücksitz sein Saxofon, während Murray ihn durch die Stadt chauffierte."

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