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Kulturpresseschau | Beitrag vom 04.07.2019

Aus den FeuilletonsNeil Young und die Liebe zu karierten Flanellhemden

Von Ulrike Timm

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Der US-Sänger Neil Young BottleRock Napa Valley Music Festival im kalifornischen Napa Valley Expo (25. Mai 2019) (picture alliance/dpa/Amy Harris/Invision/AP Images)
Kann immer noch singen und bleibt seiner Vorliebe für übergroße Karohemden treu: Neil Young. (picture alliance/dpa/Amy Harris/Invision/AP Images)

Neil Young hat's auch im hohen Alter noch drauf. Das finden zumindest "Welt" und "Tagesspiegel". Letzterer schickte gleich zwei Kritiker zum Konzert – Vater und Sohn. Und der Junior stellt fest: Der Papa wirkt genauso stoisch-unbelehrbar wie Young.

"Finnischer Rundfunk beendet lateinische Nachrichten" – das lesen wir in der SÜDDEUTSCHE ZEITUNG. Heißt im Umkehrschluss, die hatten so etwas! "Eher, dachten alle, setzt sich ein Kamel in die Sauna, als dass der Sender 'Yle Radio 1' seine lateinischen Nachrichten einstellt. Diese 'Nuntii Latini' gibt es seit 1989, und es ist ihnen in dieser für ein exotisches Format extrem langen Zeit gelungen, weltweit etwa 40.000 Hörerinnen und Hörer an sich zu binden." Jetzt also weg damit – gilt als Liebhaberei.

Der TAGESSPIEGEL schickte zu Bildungszwecken und aus Liebhaberei gleich zwei Rezensenten zum Neil Young Konzert, nämlich Vater Peter Soltau, 66 und Young-Fan der ersten Stunde, und Sohn Hannes, 32 und ohne besondere Vorliebe für den "Altherrenrock". Aber immerhin musste er "mit Neil Young-Texten Vokabeln pauken". So wird das Konzert, das die WELT schlichtweg als "perfekt" preist, für den TAGESSPIEGEL zum aufschlussreichen "Familienfest".

Papa freut sich über den Beginn mit "Country Home". "'Dafür liebten wir ihn in unserer Kommune auf dem Dorf, in der ich damals lebte. Er war für uns alles: Hippie, Farmer, Poet, Rocker, Politaktivist und was wir uns damals nicht zugestanden hätten: ein hochemotionaler Romantiker'. Sohn: 'Ich sehe durchaus die Parallelen. Nicht nur wegen der stoischen Unbelehrbarkeit, die ihr beide ausstrahlt. Auch diese seltsame Vorliebe für übergroße, karierte Flanellhemden.'"

Die Schweizer fürchten um ihr Ruebli

Nach und nach aber mutiert das Neil Young Konzert zum Generationenvertrag. Der Senior philosophiert über die Liedzeile, die er sich für seinen Grabstein wünscht, während Junior ins Staunen gerät: "Schau dir diese Energie an. So will ich dich auch mit 73 erleben." Die vergnügliche, aufschlussreiche Doppelrezension im TAGESSPIEGEL endet so: "Neil Young wird weitermachen. Wird wiederkommen. So wie wir." Fassungslosigkeit dagegen in der NEUE ZÜRCHER ZEITUNG. Die Sorge ums Schweizer Ruebli geht um – eine amerikanische Fast-Food-Kette hat den Trend zum Vegetarismus umgekehrt  und präsentiert – "die 'marrot', ihres Zeichens die erste Karotte (carrot) auf Fleischbasis (meat)".

Irgendwie wird Truthahn durch den Wolf gedreht und geschmacklich wie farblich auf Möhre getrimmt, die Werbung schwärmt von zusätzlichen Proteinen. Wenn bislang für vegetarische Burger galt, "sieht aus wie totes Tier, schmeckt wie totes Tier, ist aber reine, feine Erbse" könnte sich der Spieß nun also umdrehen. Sollte die Fleischkarotte tatsächlich reüssieren und das Ruebli serienmäßig verwurstet werden, verspricht die NZZ schon jetzt Protestberichterstattung. 

Millionensubventionen für Computerspiele

Wenden wir uns bis dahin erst einmal an die WELT. Die Bundesregierung hat angekündigt, die Computerspielentwicklung mit 50 Millionen Euro zu subventionieren, und Andreas Rosenfelder fragt sarkastisch: "Warum sollte den Computerspielen erspart bleiben, was in Kunst, Kino und Literatur längst grausame Realität ist?"

Warum also nicht das unübersichtliche Netz der übersubventionierten Stadtschreiberposten und Literaturkleinstipendien in animierte Gewinnspiele verzwirbeln oder mal den neuen Martin Walser-Roman am PC durchspielen? Dafür liefert die WELT auch gleich eine Gestaltungsidee: "Hier käme eventuell ein erotisches Silvergamer-Adventure in der Tradition von 'Leisure Suit Larry'" infrage."Denn man zu, das Geld will ja ausgegeben werden."

Mit dem Latein am Ende

Bis dahin wollen wir Sie anders weiterbilden und begleiten noch einmal kurz das Ende der lateinischen Nachrichten, zumindest die letzte Zeile also sei zitiert: "propter fidelitatem gratias quam maximas agimus et valedicimus." Die SÜDDEUTSCHE hat die gesamte Schlussnachricht netterweise durch Googles Übersetzung gejagt: "'Das Hören, von der aller Welt davon, dass ich mit einer Herde des geehrt werden soll, sagen, im Interesse der Treue zum gegebenen danke, danke, und Sie werden Abschied so groß wie möglich bieten.' Im Lateinunterricht hätte es dafür sicherlich eine üble Note gegeben." Und Tschüss!

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