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Kulturpresseschau | Beitrag vom 04.07.2020

Aus den FeuilletonsModerne Gesellschaften leben von der Differenz

Von Arno Orzessek

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Eine Frau hält in einer Menge von Demonstrationen vor dem U-Bahnhof Alexanderplatz das Schild "Vielfalt ist schön" nach oben (imago/Müller-Stauffenberg)
Seit zwei Jahren demonstrieren Menschen unter dem Motto "unteilbar" für eine offene und freie Gesellschaft. (imago/Müller-Stauffenberg)

"Ein Zurück zur Gemeinschaft ist eine Illusion“, klärt der Soziologe Andreas Reckwitz in der „Süddeutschen Zeitung“ auf. Moderne Gesellschaften lebten von der Differenz. Einen gegenteiligen Eindruck zu erwecken, sei gefährlich, warnt er.

"Wir alle müssen uns kümmern", überschrieb die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG einen Essay Tenzin Gyatsos, besser bekannt als 14. Dalai Lama. Selbigem tritt man nicht zu nahe, wenn man konstatiert: Seine Heiligkeit findet immer schön schlichte Formulierungen für seine ehrbaren Anliegen. So auch in der FAZ:

"Der richtige Weg, um Meinungsverschiedenheiten zu lösen, sind Dialog und Diplomatie, wir müssen die Interessen des anderen einbeziehen – durch gegenseitiges Verständnis und Bescheidenheit. Menschliche Probleme sollten durch Menschlichkeit gelöst werden, und Gewaltlosigkeit ist ein menschlicher Ansatz!"

Also, Recht hatte er natürlich, der Dalai Lama. Aber wir sagen von Glück, dass in den Feuilletons meistens mit schärferen intellektuellen Klingen gefochten wurde.

Debatte um Polizeikritik

In der Wochenzeitung DIE ZEIT befand Martin Eimermacher, unsere Polizei müsse jede noch so harte Kritik aushalten – und nicht nur das: "Einen Generalverdacht gegenüber der Exekutive zu hegen, ist keineswegs radikale Gesellschaftskritik, sondern entspricht im Kern erst einmal nichts anderem als dem Prinzip der Gewaltenteilung."

Generalverdacht als praktizierte Gewaltenteilung? Thomas Sören Hoffmann würde sicher abwinken. Unter dem Titel "Ein Staat, dem die Bürger nicht vertrauen, ist am Ende" beschrieb der Philosoph in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG, was er aus den Büchern eines sehr bedeutenden Kollegen herausgelesen hatte:

"250 Jahre nach seiner Geburt lautet Hegels Botschaft: Der Staat hat allen Grund, sich davor zu fürchten, das Zutrauen der Bürger zu verspielen. Das verlorene Zutrauen ist durch Propaganda, durch das antrainierte Bekenntnis und blinde, angstgetriebene Gefolgschaft nicht zu ersetzen. Das Zutrauen lebt davon, dass der Bürger im Staat sein eigenes Recht erkennt – dass er den Staat in Freiheit als den seinen bejahen kann."

Das klang natürlich sehr staatstragend. Aber halt mit dem freundlichen Kniff, dass es unser Staat ist – oder genauer: Wir, indem wir ihn gut finden können, dieser Staat sind.

"Ein Zurück zur Gemeinschaft ist eine Illusion"

Alle, die es noch besser fänden, wenn wir einfach eine tolle Gemeinschaft wären, warnte der Soziologen Andreas Reckwitz in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG:

"Ein Zurück zur Gemeinschaft ist eine Illusion. Moderne Gesellschaften leben von der Differenz, also von der Unterschiedlichkeit. Natürlich gibt es auch hier verschiedene Communities. Aber das sind kleinere Zirkel von Wahlgemeinschaften. Die gesamte moderne Gesellschaft kann nicht zu einer Gemeinschaft werden. Es ist gefährlich, diesen Eindruck zu erwecken."

Tatsächlich war die Unterschiedlichkeit der Menschen eines der Hauptthemen der vergangenen Woche. Viele Autoren gerade links oder linksliberal orientierter Zeitungen sprachen sich dafür aus, den Begriff "Rasse" beizubehalten. Der SZ-Autor Andreas Zielcke etwa fragte:

"Lässt sich ‚Rassismus‘ tatsächlich bestimmen, ohne den Begriff ‚Rasse‘ vorauszusetzen? Betreibt man nicht semantische Augenwischerei, wenn man Rassismus anprangern und zugleich ‚Rasse‘ aus der Sprache tilgen will? Oder geht es doch?"

Debatte um den Rechtsbegriff "Rasse"

Nun, Natasha A. Kelly zeigte sich in der TAGESZEITUNG überzeugt davon, "dass der Rechtsbegriff ‚Rasse‘ ein notwendiges Instrument ist, um Anti-Schwarzen-Rassismus antidiskriminierungsrechtlich angehen zu können. Es ist daher existenziell wichtig, ‚Rasse‘ als widerständigen Begriff anzueignen. Falsch wäre es, ‚Rasse‘ mit dem ‚N-Wort‘ gleichzusetzen, das der Inbegriff von Anti-Schwarzem Rassismus ist."

Ganz ähnlich Nahed Samour und Cengiz Barskanmaz in der Wochenzeitung DER FREITAG:

"Das Konzept der Rasse hat eine Umdeutung erfahren und muss nicht ausschließlich rassistisch sein. Diese affirmativen Umdeutungen muss das Recht aushalten können. Und gerade weil die Wirkung des Konzepts der Rasse – ebenso wie Geschlecht und Alter – gesellschaftlich weiterhin spürbar und allgegenwärtig ist, kann es sich das Recht nicht leisten, die soziale und analytische Relevanz dieses Begriffs zu ignorieren."

Was Rassismus ist und wie lange er nachwirkt, erläuterte Caroline Randall Williams in der SZ

"In der Farbe meiner Haut spiegelt sich Vergewaltigung. Meine hellbraune Schwarzheit ist Zeugnis der Regeln, Praktiken und Anliegen des Alten Südens. Meine Familiengeschichte hat es schon immer gezeigt und moderne DNA-Tests bestätigten, dass ich die Nachfahrin Schwarzer Frauen bin, die Haushaltshilfen waren, und weißer Männer, die ihre Dienstboten vergewaltigten. Es ist die Wahrheit meines Lebens, dass ich biologisch gesehen mehr als zur Hälfte weiß bin, und dennoch habe ich seit Menschengedenken keine Weißen in meiner Genealogie."

Vegane und Jugendliche im feuilletonistischen Fadenkreuz

Zwei Gruppen bekamen es in der vergangenen Woche ordentlich hinter die Ohren, wenn man so sagen darf. Mira Landwehr, Autorin des Buches "Vier Beine gut, zwei Beine schlecht. Zum Zusammenhang von Tierliebe und Menschenhass in der Tierrechtsbewegung" knöpfte sich in der TAGESZEITUNG die Veganer vor und lud zu einem Gedankenexperiment ein:

"Wenn von heute auf morgen ganz viele Menschen in Deutschland vegan wären, was würde dann passieren? Das kann dazu führen, dass Fleisch noch billiger wird. Dass Leute, die sowieso schon welches essen, noch mehr Fleisch essen. Und dass gleichzeitig der Export von Fleisch noch aggressiver vorangetrieben wird. Nur weil viele Leute vegan werden, heißt das nicht, dass das Tierleid gemindert wird."

In der Tageszeitung DIE WELT äußerte Jacques Schuster tiefes Unbehagen angesichts der Jugend von heute:

"Schon seit Längerem ist unter vielen jungen Leuten der Geist eines fanatischen Utopismus zu spüren, der nach dem Ende des Kommunismus verschwunden war. Dem Verlangen, das goldene Zeitalter des veganen, klimaneutralen und rasseblinden Demeter-Menschen noch zu den eigenen Lebzeiten zu erleben, wird im Zweifelsfall selbst die offene Gesellschaft geopfert."

Liebe junge Leute: Das ist harter Tobak, klar. Aber vielleicht widmet Ihr euch am Wochenende doch noch einmal – bitte ergebnisoffen! – der Frage, die im Berliner TAGESSPIEGEL Überschrift wurde: "Soll ich die Welt retten oder Porsche fahren?"

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