Montag, 17.06.2019
 

Kulturpresseschau | Beitrag vom 30.12.2018

Aus den FeuilletonsMittelgraue Jahresendstimmung

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Vor den Augen der Polizei steigen in der Silvesternacht am 01.01.2018 am Augustusplatz in Leipzig (Sachsen) Feuerwerkskörper in die Höhe. (picture alliance / dpa / Sebastian Willnow)
In der Silvesternacht in Leipzig steigen vor den Augen der Polizei Raketen in die Luft (picture alliance / dpa / Sebastian Willnow)

Die letzte Kulturpresseschau des Jahres konzentriert sich auf Silvesterstimmung. Wer aber glaubt, es geht nur um Jubel, Trubel, Trunkenheit, der irrt. Der TAGESSPIEGEL ist vor lauter Feierstress ganz blockiert und fragt "Wie kommt man richtig drauf?"

Nicht alle Tage geht ein Kalender-Jahr zu Ende. Darum konzentrieren wir uns auf Feuilleton-Artikel, die 31.-Dezember-Stimmung verbreiten.

Im Berliner TAGESSPIEGEL etwa heißt es: "Zu Silvester stellt sich wieder die Frage: Wie kommt man richtig drauf? Manchmal hilft die Knallerei draußen, das beständige Krachen in dieser an sich ruhigen Zeit baut Spannung auf. Silvesterfeierlaune hat aber das Problem, dass man an einem bestimmten Tag, zu einer bestimmten Zeit in einem bestimmten Zustand sein soll. Jubel, Trubel, Trunkenheit. Und jetzt alle: happy! Wie wird es diesmal? Gibt es tatsächlich immer weniger Hauspartys zum Jahresende? Oder werden wir bloß nicht eingeladen?"

Offenbar kein reinrassiges Feierbiest: Rüdiger Schaper vom TAGESSPIEGEL.

"Wie soll ich das nur schaffen?" stöhnt in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG Oliver Maria Schmitt, Ex-Chefredakteur der Titanic.

Vergleich der Lebensleistung

Aber nicht angesichts anstehenden Alkoholkonsums, sondern beim Vergleich seiner bisherigen Lebensleistung mit den Leistungen prominenter Toter des Jahres 2018.

"21. Februar Der amerikanische TV-Prediger Billy Graham, das 'Maschinengewehr Gottes', haucht mit 99 Jahren sein Leben aus. So lange konnte er den Leibhaftigen mit seiner Wumme in Schach halten. In dieser Zeit hat er über dreißig Bücher veröffentlicht, darunter den Megaseller 'How to Be Born Again' mit einer Startauflage von unglaublichen 800000 Exemplaren. Eine sportliche Vorlage, zweifellos – aber ich hätte dann ja auch noch 47 Jahre vor mir. Könnte es also extrem langsam und entspannt angehen lassen. Aber wird Freund Hein so lange auf mich warten? Werde mir sofort mit Gottes Hilfe eine Wumme besorgen."

Albern, morbide, aber gut gelaunt: Oliver Maria Schmitt in der FAZ.

Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG gibt sich wackerer.

Sie räumt der "Vorfreude" eine eigene Seite mit vielen kleinen Beiträgen ein, die etwa von "Frauen am Pult", der "Zukunft" als solcher, von "Michel Houellebecq" und "Muslimische[r] Mode" handeln.

Norwegen, das Lieblingsland

Unser Lieblingsbeitrag handelt von unserem Lieblingsland, Norwegen, über das Sonja Zekri nach knapper Würdigung der dortigen Literatur-Stars von Knut Hamsun selig bis Karl Ove Knausgård schreibt:

"Ein Land, das märchenhaft reich ist ohne aggressive Anwandlungen. Dazu: Frauenrechte, Pressefreiheit, alles tipptopp. Und dann diese überaus interessante Gewohnheit, in großer Zahl – die Rede ist von Millionen! – sehr lange, sehr handlungsarme Fernsehsendungen zu schauen. Siebenstündige Schachpartien, wochenlange Rentierwanderungen als Straßenfeger – das verrät Standhaftigkeit im Sturm der Gegenwart. Und Freude am Detail. Wie schön also, dass diesmal nicht eine problematische, krisenhafte oder sonst wie anstrengende Nation Gastland der Buchmesse in Frankfurt wird, sondern Norwegen."

Norwegens wegen vorfreudig: Sonja Zekri in der SZ.

In der TAGESZEITUNG kommt es in der Kolumne "Wie geht es uns, Herr Küppersbusch?" dem gleichnamigen Friedrich zu, das Jahr 2018 zu resümieren – und über den Exit vom Brexit nachzudenken.

"Vielleicht sollte die EU Großbritannien aggressiv ausschließen. Sofort fänden sich Rechtspopulisten, die es diesen Kontinentaldeppen mal zeigen würden und auf Beitritt beharrten."

So Friedrich Küppersbusch, von dem man auch schon schärfere Pointen gehört hat.

Grelle Träumereien sind fehl am Platze

Insgesamt verbreiten die Feuilletons eine mittelgraue Jahresendstimmung, in die sich einige Kleckse Zuversicht mischen. Grelle Träumereien wären ohnehin fehl am Platze, wenn man der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG glaubt.

"Die neuen Dämonen werden die alten sein. Das kommende Jahr wird uns mehr vom Gleichen bescheren. Wir sollten darob nicht zu sehr erschrecken" meint Roman Bucheli und spendiert den NZZ-Lesern ein bisschen Lebensweisheit.

"Glück wollen wir die Wiederkehr des immer Gleichen noch nicht nennen, aber immerhin liegt doch einiges Vertrauenerweckende darin. Anfänger bleiben wir trotzdem in allem, was wir tun, um wie viel mehr aber in allem, was uns erwartet."

Was will man nach derart weihevollen Sentenzen noch sagen? Wir sagen 'Amen'… und wünschen: Guten Rutsch!

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Fazit

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