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Kulturpresseschau | Beitrag vom 30.11.2018

Aus den FeuilletonsMit Rehaugen

Von Klaus Pokatzky

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Rehkitze im Wald (imago stock & people)
Rudolf Neumaier mutmaßt in der "SZ", dass das Reh sich fürs Feuilleton interessiere. (imago stock & people)

Wie würde sich ein Reh wohl in der Berliner U-Bahn fühlen? Oder wenn es das neueste Buch von Martin Walser lesen müsste? Was würde es wohl zum Sexismus in der Gesellschaft sagen? Wir wissen es nicht. Dafür sind die Feuilletons meinungsstark wie immer.

"Wie nur wenige andere Tiere, hat das Reh Künstler unterschiedlichster Disziplinen zu feinen Leistungen inspiriert." Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG präsentiert den putzigen Vierbeiner als einen ihrer "Favoriten der Woche". "Es ist zwar zu scheu, um in die Oper zu gehen. Doch wahrscheinlich interessiert es sich fürs Feuilleton", schreibt Rudolf Neumaier.

"Die Deutsche Wildtier-Stiftung hat das Reh nun zum Tier des Jahres 2019 ausgerufen und die Beschäftigung mit ihm angeregt." Also beschäftigen wir uns jetzt hier mit dem Reh, indem wir uns mit dem Feuilleton beschäftigen; da hört unser scheuer Freund aus dem Wald ganz aufmerksam zu.

Delphine de Vigan über die Einsamkeit

"Es gibt eine Einsamkeit, in der man sich ganz selbst überlassen ist", lesen wir, passend zum Reh, in der Tageszeitung DIE WELT. "Man selbst zu sein, ist die größte Einsamkeit, denn sie ist nicht kommunizierbar", sagt die französische Schriftstellerin Delphine de Vigan im Interview: "Nah dran sein, mitfühlen, aber nicht pathetisch werden, das ist mein Ansatz", erklärt sie ihre Schreibtechnik.

"Der 91-jährige Martin Walser hat soeben sein Buch ‚Spätdienst‘", steht ebenfalls in der WELT, "veröffentlicht, ein Bändchen voller literarischer Miniaturen (Gedichte, Aphorismen und Notate), die einen daran denken lassen, dass Walser heute bestens bei Twitter aufgehoben wäre – als jemand, der auf alles und jedes narzisstisch und nachtragend reagiert", schreibt Marc Reichwein.

"In gewisser Weise dokumentiert ‚Spätdienst‘ – neben poetischen Perlen – oft unfreiwillig komisch, die Riesen-Blase der Kränkung (durch Kritik) und Selbstbeobachtung, in der Walser seit Jahrzehnten lebt." Das muss dann auch ein kulturbeflissenes Reh nicht lesen.

"Gerade in unserem Beruf existiert eine gewisse Arbeitserotik"

"Ich habe noch nie darüber nachgedacht, was meiner Karriere hilft", sagt da, ganz bescheiden, Rainer Bock. "Früher wurden sicher mehr zotige Witze erzählt, gar nicht gegen jemanden, aber in Gegenwart aller", berichtet der Schauspieler, wie es in Zeiten heftiger Sexismus-Debatten in seinen Kreisen zugeht: "Das ist weniger geworden", meint er im Interview mit der SÜDDEUTSCHEN.

"Gerade in unserem Beruf existiert eine gewisse Arbeitserotik. Übrigens nicht nur zwischen Mann und Frau. Wenn man sich nun bei jeder Spannung, die auftaucht, oder bei jedem Flirt, der gar keine Konsequenz haben soll, erst mal auf den Mund schlägt, dann ist das auch übertrieben."

Ob er selber schon mal "echtes Fehlverhalten erlebt" habe, möchte Interviewer Martin Wittmann wissen. "Ich nicht", antwortet Rainer Bock, "aber meine Frau. Die wurde von einem Intendanten eines großen Theaters zum Essen eingeladen, mit eindeutiger Absicht. Als sie ihm eine strikte Absage erteilt hat, wurde ihr signalisiert, dass sie für die Rolle nicht mehr interessant genug war." So kann der männliche Zweibeiner sein.

Ein Zürcher in Berlin

"Wer in einer Bar in Neukölln, Kreuzberg oder im Prenzlauer Berg über den Sinn oder Unsinn von Frauenquoten diskutieren will, sollte den Notausgang im Auge behalten", heißt es in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG. "Es gibt Dinge, über die in dieser toleranten Stadt nicht diskutiert werden kann", schreibt Benedict Neff über die Zweibeiner an der Spree. "Man muss sich nur schon berufsbedingt den fremden Stamm etwas genauer anschauen", ist das Credo des Berlin-Korrespondenten.

Und dieser Stamm hat es in sich. "Generell bin ich in Berlin robuster geworden. Ich vermute, dass ich in den vergangenen drei Jahren in öffentlichen Verkehrsmitteln mehr Rippenstösse und Tritte auf die Füsse bekommen habe als in meinem gesamten Leben zuvor." Das ist noch eine sehr positive Bilanz. "An ungehobeltes Verhalten und eine gewisse Rauheit im öffentlichen Umgang muss man sich gewöhnen."

Deshalb würde das Reh in Berlin auch nie U-Bahn fahren.

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