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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 26.03.2020

Aus den FeuilletonsMit Literaturklassikern durch die Krise

Von Hans von Trotha

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In einer Regalwand aus Holzkästen stehen alte Bücherbände. (Unsplash / Paul Melki)
Die Lektüre von Krisenklassikern der Literatur sei zu Zeiten von Corona hilfreich, so die "NZZ". (Unsplash / Paul Melki)

Die "NZZ" rät, in der Coronakrise auf eigene literarische Vorräte zurückzugreifen: Bevorzugt auf Klassiker, die einst als "Antwort auf akute Krisen" verfasst wurden - zum Beispiel der "Theologisch-politische Traktat" von Baruch de Spinoza.

Ursula Renz ist Professorin für Philosophie. In der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG erzählt sie:

"Zu den Vorräten, die ich mir für harte Zeiten angelegt habe, gehört eine stattliche Bibliothek. Darin finden sich vorzugsweise Klassiker, die, anders als die im Keller lagernden Spaghettipackungen, kein Verfallsdatum tragen. Das gilt insbesondere für solche Texte, die seinerzeit als Antwort auf akute Krisen verfasst wurden. Zu diesen gehört der 'Theologisch-politische Traktat', den Baruch de Spinoza 1670 anonym publiziert hat. Es war eine Zeit der Kriege, der Krise und der grassierenden Unvernunft. … In dieser Situation nimmt Spinoza eine Analyse der menschlichen Natur vor, die es in sich hat. Ausgangspunkt bildet die Beobachtung, dass Menschen auf Situationen der Unsicherheit besonders irrational reagieren."

Den Ausnahmezustand literarisch verdauen

Und: "Im Unglück befolgen Menschen jeden Rat, 'mag er auch noch so ungeeignet, ja unsinnig und abenteuerlich sein'." Am Ende kommt Ursula Renz zu der Einsicht, "dass wir gerade nicht viel anderes machen können, als die Klassiker zu lesen, die bereits auf unseren Büchergestellen zu verstauben drohten."

Pepys zum Beispiel. Unbedingt. Samuel Pepys, Beamter der Londoner Flottenadmiralität. Dessen gerade in ihrer ungekürzten Gänze unbedingt lesenswerte Tagebücher, eines der meistzitierten englischsprachigen Werke übrigens, liest Andrea Diener. "Es gilt schließlich", meint sie in der FAZ, "einen Ausnahmezustand literarisch zu verarbeiten – wie einst Samuel Pepys die Pest in London".

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Die wütete dort ab 1665 und kostete etwa hunderttausend Menschen das Leben, damals ein Viertel der Londoner Bevölkerung. "Ein Jammer, wie menschenleer die Straßen sind, und auch an der Börse sieht es nicht viel anders aus. Misstrauisch blickt man auf jede verschlossene Tür, denn dahinter könnte die Pest lauern. Zwei von drei Geschäften oder noch mehr sind verlassen", zitiert Diener.

Einige Monate später schreibt Pepys: "Es war das erste Mal, dass ich wieder in London in der Kirche war, … und wider Erwarten bekam ich es mit der Angst zu tun, als ich über den Friedhof ging und die vielen frischen Gräber sah. Beschloss, nicht so bald wieder auf den Friedhof zu gehen." Pepys, wie er leibt und lebt.

Beziehungsleben nach Vorschrift

In der SÜDDEUTSCHEN bemerkt Marie Schmidt: "Plötzlich regiert der Staat wieder in die privatesten Belange hinein. … Zu den Dingen, die man vor Tagen noch für unerhört gehalten hätte, gehört, wie bang man jetzt das eigene Beziehungsleben mit einem behördlichen Maßnahmenkatalog abgleicht".

Schmidt macht "eine fast rührende Hilflosigkeit" aus, "etwas reglementieren zu sollen, was zum Glück aller nicht mehr Sache von Polizei und Behörden ist. In Bayern ist etwa von 'Lebenspartnern' die Rede, die man besuchen dürfe. Was ist ein Partner?", fragt Marie Schmidt – und führt aus, dass das gar nicht so einfach zu beantworten ist.

"Es geschieht nur für den Moment und aus gravierenden Gründen", bilanziert sie, "trotzdem wirkt die Vorstellung, man müsse einem Polizeibeamten erklären können, wie man zu der Figur steht, neben der man die Straße entlanggeht, wie aus einer merkwürdigen moralischen Fantasie geboren."

Das Problem haben sie in England auch gerade. Gina Thomas fasst in der FAZ die Tipps "zur Überbrückung der Ausgangssperre" zusammen, mit denen sich die Druckmedien dort "überschlagen":

"Die Regierung hat nicht zusammenlebenden Paaren, die wissen wollten, ob sie sich trotz der Ausgangssperre noch treffen könnten, mitgeteilt, sie müssten sich zwischen alles oder nichts entscheiden und entweder zusammenziehen oder auf den physischen Kontakt verzichten. In der Zeitung finden sie Hinweise auf virtuelle Ausweichmöglichkeiten. Dem 'Telegraph' gelang es sogar, diesen Lifestyle-Empfehlungen einen patriotischen Drall zu verleihen, der an die aus der viktorianischen Zeit überlieferten Ermahnung an sexunwillige verheiratete Frauen erinnert, die Augen zu schließen und an England zu denken."

Safer Sex aus eigener Hand

Und in der TAZ berichtet Patrick Wagner: "Die New Yorker Gesundheitsbehörde veröffentlicht einen Guide mit Tipps zum Safer Sex in der Corona-Pandemie. … Die Behörde ruft darin … zu Masturbation auf: Der sicherste Sexualpartner sei man selbst, man sollte nur darauf achten, Hände und Hilfsmittel mindestens 20 Sekunden gründlich mit Seife zu waschen, nachdem man Hand angelegt hat." Übrigens: "Bei Cybersex gibt die Behörde grundsätzlich Entwarnung." Immerhin.

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