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Kulturpresseschau | Beitrag vom 06.07.2018

Aus den FeuilletonsMit Horaz ins Heute

Von Arno Orzessek

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Ein lateinisches Wörterbuch wird am 03.04.2013 in einer Buchhandlung in Köln (Nordrhein-Westfalen) aus einem Regal genommen. Nordrhein-Westfalens SPD und Grüne wollen die Latinums-Pflicht für Lehramtsstudenten auf den Prüfstand stellen. (dpa / Oliver Berg)
"Ist ein Lateinstudium die richtige Wahl, um junge Leute für die Herausforderungen von heute fit zu machen?" fragt die FAZ (dpa / Oliver Berg)

Die FAZ fragt sich, ob ein Lateinstudium für die Herausforderungen der modernen Welt qualifiziert. Andere Zeitungen sind schon im Sommer-Modus und beschäftigen sich mit Schlagermusik oder mit Popkultur.

Denken wir kurz über die Aussprache einer Überschrift in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG nach. Ein Kollege, den wir um eine Sprech-Probe baten, fühlte sich reflexhaft zum Endreim hingezogen und artikulierte:

"Horaz als Slammer – der Hammer." (sprich: Hämmer). Womit er das Wort 'Hammer' allerdings sprachlich zwangsumsiedelte…

Denn dass es sich hier eigentlich um den deutschen Hammer und nicht den amerikanischen hammer handelt, erklärt sich klipp und klar aus der Großschreibung.

Eben das bedachte eine Kollegin und absolvierte ihre Sprech-Probe deshalb wie folgt: "Horaz als Slammer – der Hammer." Tja, und so ist das vermutlich auch am korrektesten. Aber unseren Ohren schmeichelt diese Variante nicht, und aufgrund der beiden –ammer scheint ja schon allein das Schriftbild die Reimbarkeit der Substantive zu garantieren.

Soll man heute noch Latein studieren?

Und wenn man darum strikt teutonisch sagen würde: "Horaz als Slammer (nicht Slämmer) – der Hammer"? Dann wäre auch das ein angreifbarer Kompromiss. Und deshalb kommen wir jetzt zur Sache selbst. "Ist ein Lateinstudium (…) wirklich noch die richtige Wahl, um junge Leute für die Herausforderungen von heute fit zu machen?" fragt die FAZ-Unterzeile.

Tatsächlich hat der Philologe Markus Schauer selbige Frage seinen Studenten vorgelegt. Ein bärtiger junger Mann, ein "Kenner des Hardrocks und Vertreter der Poetry-Slam-Szene", wie Schauer betont, erklärte daraufhin, was ihn an Horaz fasziniert: "Die kunstvolle Metrik seiner Sprache, die Klangfiguren und Formenstrenge, die Prägnanz der Bildersprache, der gewagte Satzbau, in dem fugenlos – wie bei einer zyklopischen Polygonalmauer – Syntagma an Syntagma gefügt sei und in komprimiertester Sprache ein Maximum an Aussage stattfinde: größtmögliche Verdichtung, Engführung der Motive, eine Sprache, die machtvoll ist, bisweilen dem Rezipienten Gewalt antue."

Die Jugend ist gebildeter als gedacht

Liebe ältere Hörer, soweit Sie gern über die ungebildete Jugend lästern: Einen "Satzbau, in dem fugenlos – wie bei einer zyklopischen Polygonalmauer – Syntagma an Syntagma gefügt" ist… den könnten auch Sie nicht so viel gelehrter beschreiben, oder?

Damit genug Horaz.

"Sommer, Sehnsucht, Schlager  Lyrik für alle Lebenslagen – und ein Helene-Fischer-ABC". So überschreibt der Berliner TAGESSPIEGEL eine Art Gute-Laune-Sonderseite, auf der die Lyrikerin Nadja Küchenmeister unter Heranziehung vieler wohlbekannter Zitate… "Hello again"… über Schlager-Texte nachdenkt.

Wollen wir die Abgründe Howard Carpendales kennen?

"So, wie der Schlager eher für das warme Glück und nicht für die Obsession steht, kennt er umgekehrt zwar Traurigkeit und Melancholie, nicht aber die Depression. Das würde in dreieinhalb Minuten auch alles viel zu weit führen, schließlich kann ein Lied nicht die Abgründe eines komplexen Lebens ausloten, und schon gar nicht die Abgründe eines Howard Carpendale."

Aus dem Helene-Fischer-ABC hier nur das Lemma Q: "Quatsch. Macht Helene Fischer nie. Sie ist eine komplett ironie- und unsinnsfreie Künstlerin. Genau das schätzen ihre Fans. Die freundliche zugewandte Art ist ein Gegengift zum zynischen Zeitgeist und dem rauen gesellschaftlichen Klima."

Wir bleiben "Populär". Weil nämlich unter diesem Titel Birthe Mühlhoff in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG Christian Hucks Buch "Wie die Popkultur nach Deutschland kam" bespricht.

Sehr treffend finden wir die Eingangssätze Mühlhoffs: "Bücher über Popkultur haben bisweilen die nervige Eigenschaft, dass sie ähnlich cool sein wollen wie ihr Gegenstand. Nicht selten sind es dann auch eingeschworene Fans, die den Werdegang ins Akademische vollziehen (…). Als wäre es nicht, bei Lichte betrachtet, etwas sonderbar, die eigenen Jugenderfahrungen – Comics, Punk, Techno in den frühen Neunzigern – in universitäre Eichenfässer einzulagern, quasi als nächsten logischen Schritt der Coolness: Erst tritt man als größter Fan, dann als kundigster Chronist auf."

In der TAGESZEITUNG behauptet derweil die Soziologin Cornelia Koppetsch: "Viele Linke machen sich etwas vor"…

Aber was genau, das lesen Sie bitte selbst nach. Denn wir sagen nur noch – mit einer SZ-Überschrift: "Auf Wiederhören."

Fazit

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