Donnerstag, 12.12.2019
 

Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 18.05.2019

Aus den FeuilletonsMischung aus Dummheit und Größenwahn

Von Klaus Pokatzky

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Ein Demonstrant in Wien fordert eine strafrechtliche Verfolgung von Vizekanzler Heinz-Christian Strache nach dessen Rücktritt. Ein Mann hält während einer Demo in Wien ein Plakat mit der Aufschrift Anklagebank statt Regierungsbank in die Höhe. Auf dem Foto sind die Porträts von HC Strache und Sebastian Kurz zu sehen. (Georges Schneider / photonews.at / imago-images)
Ein Demonstrant in Wien fordert eine strafrechtliche Verfolgung von Vizekanzler Heinz-Christian Strache nach dessen Rücktritt. (Georges Schneider / photonews.at / imago-images)

Die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" schreibt, dass der nach der sogenannten "Ibiza-Affäre" zurückgetretene österreichische Vizekanzler HC Strache "einer atemberaubenden Dummheit und eines kleinmaxlhaften Größenwahns" überführt sei.

"Der Schriftsteller Daniel Kehlmann macht sich Sorgen um die Demokratie", war in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG zu lesen. "Sie ist besonders in Gefahr in Österreich", wurde der Literat zitiert, der seine Jugend einst in Wien verbracht hat. "Draußen in der Welt wird Österreich inzwischen zuverlässig neben Trumps Amerika, Orbans Ungarn und Bolsonaros Brasilien genannt." Das war noch vor den neuesten Nachrichten aus dem glücklichen Österreich. Was würde Daniel Kehlmann alles zu Heinz-Christian Strache von der Freiheitlichen Partei Österreichs einfallen; welche Vergleiche kämen ihm da in den Sinn?

Das Engagement von David Hasselhoff

"Bier auf der Grundlage von Gerste könnte im Zuge des Klimawandels auf Dauer knapp werden", hatte uns die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG gewarnt - und da sind wir Biertrinker doch glücklich, wenn Freitags die jungen Menschen in Massen auf die Straße gehen und mit einer klügeren Umweltpolitik auch die Gerste retten wollen. "Du musst protestieren, aufstehen, mit anderen reden, wenn du etwas verändern willst", ruft der Schauspieler und Sänger David Hasselhoff den Aktivisten von "Fridays For Future" zu. "Aber diese Veränderung ist nicht einfach", meint er im Interview mit der WELT AM SONNTAG. "Ich habe auch keine Antwort. Aber ich weiß, was ich tun kann in meiner kleinen Welt, nämlich: weitermachen, die Menschen zusammenbringen, damit sie miteinander reden, feiern."

In Ibiza die Gedanken schweifen lassen

Reden und feiern kann ja keiner so gut wie Heinz-Christian Strache - der Mann, der "einer atemberaubenden Dummheit und eines kleinmaxlhaften Größenwahns überführt ist", wie die FRANKFURTER ALLGEMEINE SONNTAGSZEITUNG meint. So richtig feiern auf Ibiza, mit dem Swimming Pool um die Ecke. "Am Pool", stand in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG, "döst man, lässt die Gedanken schweifen und tut so, als wäre die Zeit ein unlimitiertes Gut. Man verschwendet sie gern", schrieb Marion Löhndorf. "Im Film feiern mondäne Menschen an Beckenrändern Partys, schöne Frauen tauchen aus saphirblauem Wasser auf, Gangster machen Geschäfte." Und da soll sich der Großstadtmensch dann erholen.

Stadtleben ist manchmal wie Kiffen

"Vor einigen Jahren wurde in der Fachzeitschrift 'Nature' veröffentlicht, dass das Stadtleben auf Menschen mit einem genetischen Risiko für Schizophrenie eine ähnliche Wirkstärke hat wie Cannabiskonsum, was den Ausbruch der Erkrankung angeht." Das sagte im Gespräch mit der FRANKFURTER ALLGEMEINEN der Psychiater und Stressforscher Mazda Adli - ein Mann, der auch seine speziellen Erfahrungen mit dem Geburtsort von Heinz-Christian Strache hat. "In Ihrem Buch 'Stress and the City'", fragt Interviewerin Melanie Mühl, "erzählen Sie eine Geschichte aus Wien. Sie sind, als Sie dort lebten, einmal zur Tram-Haltestelle gerannt, was die Menschen um Sie herum sehr irritierte." Antwort von Mazda Adli: "Der schnelle Takt meiner Schritte korrespondierte nicht mit dem gemächlichen Takt der Stadt, ja, er störte ihn sogar. Wien erschien mir damals als eine eher langsame Stadt." Tempi passati, heute ist da der Teufel los.

"Straches Format reicht nur für 'Big Brother'", lesen wir in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN SONNTAGSZEITUNG. "Was das Video zeigt, zwei Männer und eine Frau, die in Freizeitkleidung in einer Sitzecke herumlümmeln, trinken, rauchen, labern, das ist leider nicht 'House of Cards'", meint Claudius Seidl - und fragt sich, wieviel Champagner und Red Bull bei dem Treffen mit der "reichen Russin" geflossen ist: "von der Frage, was Strache raucht in dem Video, und was da sonst für weißes Pulver auf dem Tisch in der Russenvilla liegt, ganz zu schweigen". Sein Artikel ist der einzige in den Sonntagsfeuilletons, der sich mit dem jetzt vielleicht nicht ganz so glücklichen Österreich beschäftigt - am Montag werden die Kulturseiten wohl davon überquellen.

Wer stellte Strache die Falle?

"Immerhin geht es da um die gelungene Verschwörung: Wir spielen reiche Russen, laden Strache zu uns ein, machen ihm ein Angebot, das er nicht ausschlagen kann, und filmen alles mit versteckten Kameras." Aber wer steckt dahinter, wer kann einen solchen Plan ausgeheckt und umgesetzt haben? "Was nur dann ein guter Plan ist, wenn man die Eitelkeit und Dummheit des potentiellen Opfers richtig einschätzt", so Claudius Seidl. "Das ist jetzt die Frage, die nicht nur Österreich bewegt: Wer kennt Strache gut genug? War es Norbert Hofer, fragt mancher auf Twitter, weil Hofer schon lange FPÖ-Chef werden wolle? Waren es westliche Geheimdienste, die die FPÖ insgesamt erledigen wollen, fragt die Zeitung 'Die Presse'. War es Jan Böhmermann?"

Der Satiriker hat sich auf jeden Fall kürzlich in einem Interview mit dem österreichischen Rundfunk heftig mit dem damaligen Vizekanzler Heinz-Christian Strache angelegt und gesagt: "Es ist kein Zustand, dass der Vizekanzler eines Landes wie Österreich sagt: 'Ich hau bei Facebook volksverhetzende Scheiße raus oder geh Journalisten an' und hinterher ist das alles Satire. Politiker machen keine Satire." Nach dem Strache-Video wissen wir es besser; so etwas wäre wohl nicht mal dem kreativsten Satiriker eingefallen.

Böhmermann als Juckpulver

"Selten hat die öffentliche Debatte jemanden wie Böhmermann so dringend gebraucht wie heute", meinte Paul Dalg. "Jan Böhmermann nimmt seinen Job ernst. Als gesellschaftlich relevantes Juckpulver. Es ist wie mit den Kanarienvögeln im Bergbau - solange sie zwitschern, ist die Luft rein", hieß es im Berliner TAGESSPIEGEL. Und: "Nur Satirikern ist der kalkulierte Grenzübertritt gestattet, nicht Politikern. Statt Böhmermann als Mini-Trump zu schmälern, sollten wir polemisierende Abgeordnete daran erinnern, sich auf die Kernaufgaben der parlamentarischen Arbeit zu besinnen."

Wenn sie nicht schon zurückgetreten sind…

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