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Kulturpresseschau | Beitrag vom 15.04.2018

Aus den FeuilletonsMcMurphy wartet sicher auf Miloš Forman

Von Ulrike Timm

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Der US-amerikanische Schauspieler Jack Nicholson (M) in einer Szene des Milos-Forman-Films "Einer flog über das Kuckucksnest" aus dem Jahr 1979. Nicholson spielt den Strafgefangenen McMurphy, der - um einem Arbeitslager zu entgehen - "verrückt" spielt und sich in eine Nervenheilanstalt einweisen läßt. Zunächst kann er Spaß und Abwechslung in den monotonen und oft unmenschlichen Alltag der Heiminsassen bringen, doch schließlich scheitert er und wird durch eine Gehirnoperation seiner Persönlichkeit beraubt. Der Film, entstanden nach dem Bestseller-Roman von Ken Kesey, wurde 1976 mit vier Oscars ausgezeichnet (Regie, bester Film, beste/r Hauptdarsteller/in). | (United_Artists)
Der Schauspieler Jack Nicholson (BIldmitte) als McMurphy in "Einer flog über das Kuckucksnest" von Milos Forman. (United_Artists)

Wenn ein großer Regisseur wie Miloš Forman stirbt, beschäftigt das die Feuilletons. Vor allem wenn er Meisterwerke wie "Einer flog über das Kuckucksnest" und "Amadeus" geschaffen hat. Seine Filme wurzelten tief in der tschechischen Kultur, schreibt etwa die "NZZ".

"Das einsame Plakat im Schaukasten vor der Berliner Volksbühne passt zur Stimmung in den Tagen nach dem abrupten Ende der Kurzzeit-Intendanz Chris Dercons: Ein großes Fragezeichen, der Punkt ist eine Bombe mit glühender Lunte. Die größte Frage vor dem Fragezeichen dürfte lauten: wie geht es weiter? Wird dem Theater das Desaster, das der Sieben-Monate-Intendant Dercon hinterlassen hat, wie ein gezündeter Sprengsatz um die Ohren fliegen?" fragt die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG und stößt bei ihren Nachforschungen in der Berliner Volksbühne auf eine erstaunlich entspannte Stimmung bei der Belegschaft. Vielleicht könnte man es auch Galgenhumor nennen.

Klaus Dörr soll jetzt als Interimschef retten, was zu retten ist. Er selbst bezieht den Feuerwehrwehreinsatz nicht nur auf die Spielzeit, sondern auf das ganze Theater, das man wieder zu einem "produzierenden, spielfähigen" machen müsse. Er muss also quasi aus dem Kaltstart heraus bei unter Null anfangen, gleich mehrfach fällt das Wort "repertoiretaugliche Produktionen", die es zu entwickeln gelte, und dafür hofft Dörr nicht zuletzt auf die Solidarität befreundeter Theaterleute frei nach dem Motto: "Hast Du mal ein Gastspiel?". Toitoitoi…

Das grausamste aller Psychiatriedramen

"Das Hohelied des Eigensinns" sang laut FAZ Filmregisseur Miloš Forman, dem alle Feuilletons ausführliche Nachrufe widmen. Forman, für Andreas Kilb Schöpfer des "grausamsten und zärtlichsten" aller Psychiatriedramen, "Einer flog über das Kuckucksnest", fünf Oscars, und der turbulenten Acht-Oscar-Tragikomödie "Amadeus", die ganz nebenbei ein Millionenpublikum an Mozarts Musik andockte,  Miloš Forman ist im Alter von 86 Jahren gestorben. Im Jenseits oder wo auch immer wird "der Chief sicher auf ihn warten" meint die WELT in Anspielung auf eine von Formans Hauptfiguren im berühmten Kuckucksnest.

"Seine Filme verfügen über eine starke satirische Dimension", meint etwas staatstragend die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG (NZZ) und fährt fort: "Unter der komischen Oberfläche verbirgt sich aber immer eine Tragödie. Dieser ambivalente Formwille wurzelt tief in der tschechischen Kultur: einerseits im Kabarett der Zwischenkriegszeit, andererseits in der Lyrik des Poetismus."

Forman, der als Kind erlebte, wie seine Eltern nach Auschwitz deportiert wurden, der seine tschechische Heimat nach dem Ende des Prager Frühlings verließ und in Amerika anfangs von Dosen – Chili und einem Bier - am Tag leben musste, habe sich schon als Kind geschworen, "es in irgendeiner Sache zur Meisterschaft zu bringen – egal in welcher", erzählt uns die FAZ. Das hat er mit seinen Filmen geschafft.

Kurt Cobain hatte eine ordentliche Handschrift

"Die Hand der Götter" betrachtet die WELT. Auf einer Webseite konnte man sich kurzfristig die Schriften toter Rockstars auf den Computer laden. Und wer "wilde Ornamente" oder "unleserliches Gekrakel" erwartet hatte, war sicherlich erstaunt über die manierlichen und gut leserlichen Schriftbilder von Kurt Cobain, John Lennon oder David Bowie. Ist aber schon wieder Schluss mit dem Spaß – die Erben wittern Profit, und Bildschirmschoner-Bowie-Brief, das klappt nicht mehr.

In schwieriger Lage ist Thomas Hafke.  30 Jahre war er beim Bremer Fanprojekt tätig, jetzt wurde ihm nach Querelen gekündigt. Trotzdem würde er als studierter Soziologe sein Berufsleben nochmal den Fußballfans widmen. Wo hätte er sonst so viel erleben können? Bei einem Länderspiel in Holland zum Beispiel stand er erst mit zahnlosen und randalierenden Skinheads aus dem Osten in der Kurve, erzählt Hafke der TAZ, "nur um anschließend vom niederländischen Fußballverband in die Königliche Loge eingeladen zu werden, wo ich den holländischen Kronprinzen mit einem Bediensteten verwechselte und ihn nach dem Weg fragte. Diese Spannweite zeigt sehr schön, was meinen Beruf ausgemacht hat."

Ihnen eine ebenso inspirierende neue Woche! 

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