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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 23.06.2018

Aus den FeuilletonsLüge und Wahrheit

Von Tobias Wenzel

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Donald Trump (picture alliance / dpa / CNP)
"Laut Washington Post hat Donald Trump seit der Vereidigung etwa 3 300 Mal gelogen oder falsche Dinge gesagt." (picture alliance / dpa / CNP)

Lüge und Wahrheit haben die Feuilletons dieser Woche bestimmt. Die "SZ" widmete sich der Frage, ob Donald Trump mit Absicht lügt, während die "FAZ" aufzeigt, wie mit korrekten Aussagen von nicht genehmen Wahrheiten abgelenkt werden kann.

"Bis vor Kurzem war der letzte öffentliche Raum, in dem man in Berlin vor Kunst sicher war, das Schwimmbad. Sie haben das geändert. Warum?", fragt Takis Würger im neuen SPIEGEL die Kuratorin Nele Heinevetter. Die hat im Berliner Sommerbad Humboldthain eine Pommesbude übernommen und dort und an anderen Orten des Freibads Kunst aufstellen lassen.

"Die Badegäste kriegen von der Kunst nichts mit, wenn sie nicht wollen", antwortet die Kuratorin. Ein Kunstwerk lässt sich aber kaum ignorieren: "auf der Terrasse steht eine Skulptur von Aurora Sander, eine übergroße Asiabox, darin sind Schwimmnudeln", verrät Heinevetter.

"Schwimmnudeln?", fragt der Journalist nach. "Ja, Poolnudeln aus Schaumstoff, da kann man mit floaten, aber die Kinder hauen sich damit manchmal auch auf den Kopf." Eine Asiabox mit Nudeln, die dann doch ungenießbar sind und sogar als Waffe dienen. Wenn der Schein trügt. Schein und Sein, Lüge und Wahrheit haben überhaupt die Feuilletons dieser Woche bestimmt.

Washington Post: Trump hat 3 300 Mal gelogen

"Laut Washington Post hat Donald Trump seit der Vereidigung etwa 3 300 Mal gelogen oder falsche Dinge gesagt. Lügt er mit Absicht oder geschieht es spontan, weil er nach Aufmerksamkeit oder Zustimmung giert?", fragte Matthias Kolb für die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG James Comey, den von Trump entlassenen FBI-Direktor, der nun in Deutschland sein Buch "Größer als das Amt" vorstellte.

Und Comey antwortete: "Es ist wohl eine Mischung. Von einigen Dingen weiß er sicher, dass sie falsch sind, und er wiederholt sie, weil er sich politischen Nutzen verspricht. Oft hat er wohl einfach keine Ahnung, doch das ist ihm egal. Hat er nicht gerade gesagt, dass die Kriminalität in Deutschland nach der Aufnahme der Flüchtlinge angeblich gestiegen sei?"

So wenige Straftaten wie seit 1992 nicht mehr?

In Wirklichkeit sind in Deutschland im Jahr 2017 so wenige Straftaten wie seit 1992 nicht mehr begangen worden. Angela Merkel hat, die neue Kriminalitätsstatistik kommentierend, von "leicht positiven Entwicklungen" gesprochen. Allerdings zeigte Michael Hanfeld in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN auf, dass man mit korrekten Aussagen von nicht genehmen Wahrheiten ablenken kann.

Die insgesamt positive Entwicklung erkläre sich nämlich vor allem damit, dass die Zahl der Wohnungseinbrüche stark zurückgegangen sei: "Mit Blick auf schwere Straftaten, und erst recht, wenn es um Gewalt gegen Frauen geht, spricht die Statistik in einer Weise, welche die Bundeskanzlerin kaum mit 'leicht positiv' charakterisieren kann", schrieb Hanfeld.

Ein Blick auf die genaue Verteilung der Straftaten

"Diese Straftaten haben in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Frauen sind im öffentlichen Raum heute weit gefährdeter als noch vor wenigen Jahren, Gewalt gegen Frauen ist Alltag, und dabei geht es nicht um ein 'Gefühl' von Unsicherheit, sondern um Fakten." Von 2015 auf 2016 haben, so Hanfeld, die Vergewaltigungen um 12,8 Prozent zugenommen.

Bei Gruppenvergewaltigungen und bei "überfallartigen" Gruppenvergewaltigungen lag die Zunahme im selben Zeitraum sogar bei 106,3 beziehungsweise 54,1 Prozent. Man dürfe "den hiesigen Trumps" zwar nicht in die Hände spielen, schrieb Hanfeld in seinem Fazit. "Mit der ignoranten Haltung 'spricht für sich' oder 'sicherer geworden' ist es allerdings auch nicht getan, will man denjenigen überzeugend entgegentreten, die Morde an jungen Mädchen, wie in Kandel und Wiesbaden geschehen, dazu nutzen, Deutschland abzuschotten."

Horst Seehofer, CSU-Vorsitzender und Bundesminister für Inneres, Heimat und Bau, läuft auf seinem Weg zu einer Pressekonferenz, die in Anschluss an die Sitzung des CSU-Vorstands stattfindet, an einem Fernseher vorbei, auf dem die Pressekonferenz von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) übertragen wird. (dpa-Bildfunk / Peter Kneffel)Streit um Seehofers Masterplan. Dazu in der "WELT": "In englischen Wörterbüchern steht master plan direkt vor master race ('Herrenrasse')." (dpa-Bildfunk / Peter Kneffel)

"Ja, mach nur einen Masterplan!", rief Matthias Heine in der WELT aus und vermengte so einen Vers von Bertolt Brecht mit Horst Seehofers bisher im Detail unveröffentlichtem 63-Punkte-Plan zum Umgang Deutschlands mit der Migration. Unter anderem will Seehofer Flüchtlinge, die zuvor in einem anderen EU-Land registriert worden sind, an der deutschen Grenze abweisen lassen. Wenn Angela Merkel bis Ende Juni keine europäische Lösung gelingt. Regierungskrise durch Masterplan. Ein Wort, das so gar nicht unmenschlich klingt."

Masterplan: Ein Anglizismus für altdeutsche Blutreinheitsziele

Vielleicht kam Seehofer der etwas schleimig maklerhafte, businessmäßige Sound des Wortes Masterplan ganz gelegen", schrieb Matthias Heine. "Einer Politik, die von der gegnerischen Seite permanent unter den Verdacht gestellt wird, altdeutsche Blutreinheitsziele anzustreben, kann man eigentlich keinen größeren Gefallen tun, als sie mit einem so ganz und gar unvölkischen Anglizismus zu etikettieren. Man darf sich nur nicht im Register vertun: In englischen Wörterbüchern steht master plan direkt vor master race (‚Herrenrasse‘)."

Hinweis: In einer vorigen Version hat sich der Autor auf einen Artikel in der FAZ bezogen, den die FAZ inzwischen richtiggestellt hat. 

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