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Kulturpresseschau | Beitrag vom 15.09.2018

Aus den FeuilletonsLüge, Täuschung und die Macht der Vergebung

Von Klaus Pokatzky

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Hans-Georg Maaßen, Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, nach der Sondersitzung des Innenausschusses im Bundestag.  (dpa-Bildfunk / Bernd von Jutrczenka)
Hans-Georg Maaßen, Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, sieht sich mit immer stärkeren Forderungen nach seinem Rücktritt konfrontiert. (dpa-Bildfunk / Bernd von Jutrczenka)

Verfassungsschutzpräsident Maaßen ist wegen seiner Aussagen zu den Vorfällen in Chemnitz Ziel von Spott in der "Zeit" und in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Die "Welt" und die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" warnen derweil vor "Sachsen-Bashing".

"Welche Menschen brauchen am dringlichsten eine blühende Einbildungskraft?", fragte die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG. "Die Philosophen für ihre utopischen oder auch nicht utopischen Entwürfe des Daseins", meinte Iso Camartin. "Und vielleicht würden auch Psychiater ohne imaginative Begabung das Verdrängte und Verschobene ihrer Patienten nie ans Licht des Bewusstseins bringen." Mancher Jurist würde auch gut in diese Aufzählung passen.

Über die heilsame Wirkung der Phantasie

"Sein bereits geflügeltes Wort von den 'Belegen', die für die Authentizität eines Sachverhalts 'nicht vorliegen', gehört fraglos in den Zitatenschatz des deutschen Volkes." So empfahl die Wochenzeitung DIE ZEIT den Präsidenten des Bundesverfassungsschutzes Hans-Georg Maaßen für höchste sprachliche Weihen. "Man denke, wofür überall und ständig die Belege fehlen beziehungsweise dem Verfassungsschutz nicht vorliegen – für das Eintreffen des Busses, die Treue des Ehepartners, das zuverlässige Walten der Schwerkraft." Oder wie Iso Camartin in der NEUEN ZÜRCHER die heilsame Wirkung der Phantasie beschrieb: "Unsere Einbildungskraft ist die Lichtquelle im Kopf, die uns dazu bringt, die Gegebenheiten nicht dunkel und willenlos hinzunehmen."

Maaßen provoziert Zweifel an seiner Loyalität

Die FRANKFURTER ALLGEMEINE SONNTAGSZEITUNG nimmt Doktorarbeiten nicht willenlos hin. "Indem Maaßen der Informationspolitik der Bundesregierung in einer Frage von Wahrheit und Unwahrheit entgegentrat, provozierte er den Zweifel an seiner Loyalität", schreibt Patrick Bahners. "Eigentlich also kein Wunder, dass Maaßen schon in seiner in Köln angenommenen juristischen Doktorarbeit den Sinn für den Sinn formaler Verfahren vermissen ließ." Verfasst hat sie der heutige oberste Verfassungsschützer 1997 zum Thema "Die Rechtsstellung des Asylbewerbers im Völkerrecht".

Genüsslich zitiert Patrick Bahners, was Gertrude Lübbe-Wolff, einst Richterin am Bundesverfassungsgericht, in einer Fachzeitschrift dazu schrieb: "Argumentative Gründlichkeit und Sorgfalt in der Präsentation und Auswertung von Quellen und Literatur investiert der Verfasser des Öfteren recht selektiv."

Trost in allen Lebenslagen bietet "Christ und Welt" – die Beilage der ZEIT. "Die Beichte ist ein sehr heilsames Mittel", sagte der katholische Unternehmer Claus Hipp im "Gespräch über Lüge, Täuschung und die Macht der Vergebung". Geht ganz einfach: "Früher hatte ich einen Mitbewerber, mit dem habe ich ausgemacht, dass wir uns nie anlügen werden. Und wenn wir mal in eine Situation gekommen sind, in der wir uns hätten anlügen müssen, dann haben wir einfach nur gesagt: 'Kein Kommentar'." Das kostet in der Beichte auch nur drei "Vater unser". Höchstens.

Erfahrungen eigener Diskriminierung werden übertragen

"Ich habe letztes Jahr in Chemnitz beim Mozartfest gespielt, es war ein wunderbares Publikum." Das sagte der aus dem Iran stammende Cembalist Mahan Esfahani. "Traurige Dinge wie in Chemnitz passieren leider gegenwärtig an vielen Stellen in Europa", meinte er im Interview mit der Tageszeitung DIE WELT.

"Sachsen ist ein kultiviertes und kulturell hochstehendes Land, von hier aus ist die DDR gekippt worden. Die Zeitungen müssen aufpassen, sich nicht in Sachsen-Bashing zu ergehen", war wiederum in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG zu lesen. "Wir sollten noch einmal darüber sprechen, wie die Vereinigung eigentlich abgelaufen ist", sagte Frédéric Bußmann, Generaldirektor der Kunstsammlungen Chemnitz. "Wie hat sich der Westen verhalten? War das richtig: Rückgabe vor Entschädigung? Hatte die Treuhand das Recht, alles plattzumachen? Chemnitz hat nach der Wende fast 60 000 junge Einwohner verloren, das sind die Leute, die heute fehlen." Und: "Es gibt die Theorie, dass die Erfahrungen eigener Diskriminierung auf Ausländer übertragen werden."

Im Internat als minderwertig abgestempelt

Das gilt auf jeden Fall nicht für eine unserer bedeutendsten Filmregisseurinnen, die nach dem Krieg in Deutschland als Staatenlose aufwuchs. "Im Internat wurde ich als etwas Minderwertiges abgestempelt, weil ich nicht nur staatenlos, sondern auch ein uneheliches Kind war", erzählt Margarethe von Trotta. Nach den Silvester-Übergriffen in Köln war sie "tief gespalten", ist in der WELT AM SONNTAG zu lesen: "Je mehr man angesichts der Probleme herumdruckst, umso stärker macht man die Rechtsextremen." Und dann spricht die gerade mit dem Theodor-W.-Adorno-Preis Geehrte ein deutliches "Dennoch: Dass man als Reaktion auf diese Ereignisse Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken lässt, ist nicht akzeptabel."

Und die Flüchtlinge, die es zu uns geschafft haben? "Einwanderer haben 'zwei Herzen' in ihrer Brust", stand in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG. "Nicht alle Einwanderer haben dasselbe Verhältnis zum Land ihrer Herkunft und zu dem Land, in dem sie leben," stellte Sonja Zekri fest – und wies zugleich darauf hin, dass der Migrant "Zugang nicht nur zu einer, sondern vielleicht zu zwei oder drei Kulturen hat, dass er womöglich verschiedene Sprachen sehr gut spricht, dass er auf natürliche Weise ein Verständnis für eine andere Gesellschaft besitzt, wie es sich andere - Wissenschaftler, Journalisten, Politiker - mühsam aneignen müssen."

Das erinnert dann schon wieder an die Regisseurin Margarethe von Trotta, die sich als abgestempeltes Kind ihrer Haut zu wehren wusste, wie in der WELT AM SONNTAG zu lesen ist: "Nun war ich Gott sei Dank die Beste in der Klasse. Ich habe immer alle abschreiben lassen. So hatte ich einen Status, der mir half, mich zu behaupten, mich zu wehren."

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