Seit 15:30 Uhr Tonart

Montag, 24.09.2018
 
Seit 15:30 Uhr Tonart

Kulturpresseschau | Beitrag vom 13.09.2018

Aus den FeuilletonsLobrede auf einen Vermissten

Von Arno Orzessek

Beitrag hören Podcast abonnieren
Der Sänger Daniel Küblböck auf einer Party (dpa / Jens Kalaene)
Der Sänger und Schauspieler Daniel Küblböck: "Taz"-Autor Jan Feddersen verbeugt sich ziemlich tief vor ihm. (dpa / Jens Kalaene)

Die "Taz" verhilft dem vermissten Daniel Küblböck zu einer Art Nachglanz. Das Blatt holt dabei weit aus, nennt ihn einen "Freak" der zum "Fremdschämen einlud" - um ihn dann als Meister der "Kunst der Authentizität in eigener Sache" zu feiern.

Lobreden auf Lebende und Lobreden auf Tote gibt es an dieser Stelle immer wieder. Doch heute beginnen wir mit der Lobrede auf einen Vermissten, nämlich auf den Sänger und Schauspieler Daniel Küblböck, der sich kürzlich von Bord eines Kreuzfahrtschiffes gestürzt hat.

In der TAGESZEITUNG verbeugt sich Jan Feddersen unter dem Titel "Der alles gegeben hat" vor Küblböck – und zwar ziemlich tief, auch wenn es sich zunächst anders anhört. Feddersen attestiert Küblböck ein "(kulturelles) Vermögen, das, gemessen an den Ansprüchen der Hochkultur, ungefähr gegen null geht. Küblböck, das war ein Dauerscheitern an den Normen des Anstands und der kulturellen Konsumfähigkeit. Ein Außenseiter, der darum wusste, dass er zum Fremdschämen einlud. … Ein Misfit, ein Freak, ein Mann der begrenzten Überlebensfähigkeit, wie man inzwischen weiß."

Wenn die Schwächen zur Stärke werden

Doch dann tut der TAZ-Autor Feddersen, was im Pop-Diskurs oft getan wird, viel seltener in der Hochkultur: Er wechselt die Vorzeichen. Plötzlich sind die Schwächen Stärken: "Was aber Daniel Küblböck konnte, das war, die Kunst der Authentizität in eigener Sache zu zelebrieren. Und wie! Er konnte ergreifend weinen, öffentlich. Er war betroffen, worüber auch immer, ebenso öffentlich … .Daniel Küblböck war ein Echter, ein Wahrer, kein Blender. … Er war das Nichttalent, das sich trotzdem nicht in sein Geschick fügen sollte … . Küblböck war eine Popfigur, die erste moderne deutsche im Künstlertum dieses Jahrhunderts. Er hat alles gegeben vom wenigen, das ihm als Talent mitgegeben war."

Junge, Junge, Jan Feddersen! Nichts gegen Hochachtung für Außenseiter, aber wenn man den armen Küblböck als "erste moderne deutsche (Popfigur) im Künstlertum dieses Jahrhunderts" anhimmelt, was bleibt dann noch über Künstler von Format zu sagen?

Wir lassen die Frage unbeantwortet und schlagen die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG auf.

Ursula Scheer bespricht Joachim A. Langs "Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm" mit Lars Eidinger als Bertolt Brecht: "Langs Ambitionen zielen auf die ganz große Oper, folgerichtig fährt er das ganz große Besteck auf. Die Kostüme sind üppig, die Sets malerisch, das Ensemble ist beachtlich. Joachim Król gibt den Bettlerkönig Peachum und Claudia Michelsen dessen Frau, Meike Droste ist Helene Weigel und kein geringerer als Max Raabe ein Leierkastenmann. Das SWR-Symphonieorchester spielt, das SWR-Vokalensemble singt, ein Ballettkorps tanzt. Richtig so."

Statt Brecht ein wandelnder Sentenzenautomat

Die Zutaten sind also toll! Allein, das Ergebnis!

"Es fehlt an Leichtigkeit und dem Willen zur klugen Selbstbeschränkung. Dieser 'Dreigroschenfilm' erstickt an seiner Fülle. … (Es) zeigt sich, was für ein Schuss in den Ofen ein zunächst brillant scheinender Einfall war: Dass Lars Eidinger  … gezwungen war, ausschließlich in authentischen Brecht-Zitaten zu sprechen. Sein Brecht ist ein wandelnder Sentenzenautomat. Es ist ein Jammer", so FAZ-Autorin Ursula Scheer.

Kathleen Hildebrands Besprechung von Langs "Dreigroschen-Film" in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG beginnt mit dem hübschen Satz: "Wenn man im Kino auf einem Filmplakat das Prädikat 'Besonders wertvoll' liest, beginnt das Popcorn gleich ein bisschen am Gaumen zu pappen." Zwar erklärt Hildebrand, Langs Film spiele generell "kenntnisreich und klug mit Bertolt Brechts Theorien", aber wir hören heraus, dass das Popcorn im Kino recht oft an ihrem Gaumen gepappt hat.

Fassbinder in der Museums-Stickluft

Helle Freude unterdessen in der FAZ: "Frankfurt bekommt ein Fassbinder Center. Das ist, abgesehen von dem unschönen Namen, der an Eros Center oder Auto Center erinnert (was sprach gegen Zentrum?), eine großartige Nachricht", vorausgesetzt, so Verena Lueken, dass nach der Eröffnung im April 2019 "von Fassbinder, dem Radikalen, Unbequemen, Zerstörerischen, Leidenden, Liebenden und Hassenden noch etwas übrig bleibt". Offenbar befürchtet Lueken, die Museums-Stickluft könnte das Fassbinder-Erbe entschärfen. 

Nun denn. Insgesamt finden wir die Feuilletons heute etwas mau. Falls Sie auch unsere Presseschau mau fanden, bitten wir: Halten Sie uns immerhin so in Erinnerung wie die TAZ Daniel Küblböck – nämlich als einen "Der alles gegeben hat".

Fazit

weitere Beiträge

Kompressor

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur