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Kulturpresseschau | Beitrag vom 28.08.2018

Aus den FeuilletonsLegitimation der Jagdstimmung

Von Adelheid Wedel

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Ein Mann gestikuliert aggressiv (imago stock&people)
Die "Pro Chemnitz"-Demo vom 27.8.2018. (imago stock&people)

Der Sozialpsychologe Klaus Ottomeyer meint in einem "taz"-Interview, dass sich aus den Vorwürfen Horst Seehofers über Merkels "Herrschaft des Unrechts" letztlich eine "Legitimation" für einen "Durchbruch der Jagdstimmung" ableiten lasse.

"Durchbruch der Jagdstimmung?" Die Tageszeitung TAZ ruft einen Sozialpsychologen zu Hilfe, der die offenkundige "Enthemmung bei Protesten in Chemnitz" erklären soll. Klaus Ottomeyer, "Vorstand des Vereins Aspis, der sich der Behandlung von Flüchtlingen widmet", antwortet auf die Fragen von Ambros Waibel: "Es ist wahrscheinlich so, dass es in vielen Menschen, auch in Ihnen und in mir, einen Teil gibt, der lustvoll-sadistisch bereit ist, andere Menschen zu quälen".

Pauschalbeschuldigungen gegenüber Flüchtlingen

Waibel fragt nach "der Rolle von Bundesinnenminister Horst Seehofer, der die Flüchtlingspolitik Merkels als Herrschaft des Unrechts bezeichnet hat". Ottomeyer stuft das als "eine wichtige Legitimation" ein. "Die halbzivilisierten Pauschalbeschuldigungen gegenüber Flüchtlingen und auch die Fantasie, dass man Opfer eines Unrechts geworden ist", führen zu dem Satz: "Uns geschieht Unrecht. Das macht den Durchbruch der Jagdstimmung auf breiter Front leichter."

Ebenfalls in der TAZ meldet sich Steffen Grimberg zu Wort und beschreibt, wie aus seiner Sicht "die Ausschreitungen in Chemnitz falsch zugespitzt werden." Ihn stört: "In vielen Berichten geht es plötzlich wieder um eine Auseinandersetzung von 'Rechten' und 'Linken'." Und das erinnere fatal an das, was schon früher "der gern bemühte Abwehrreflex einer saturierten Gesellschaft auf diesen lästigen Demonstrierpöbel" war.

Grimberg appelliert: "Der Protest gegen die Rechten ist nicht nur Sache der Linken, sondern der gesamten Zivilgesellschaft. Wenn in der medialen Berichterstattung simplizistisch von Rechten und Linken die Rede ist", so die TAZ, "ist das keine Zuspitzung mehr, sondern schlicht falsch."

Hausgemachte Krise in der Bildungspolitik

Könnte die unheilige Aufspaltung der Staatsbürger in so verschiedene Gruppen wie Wutbürger, Hutbürger, Protestbürger, besorgte und verunsicherte Bürger vielleicht auch das Ergebnis jahrzehntelanger verfehlter Schulpolitik in unserem Land sein?

Der Autor Christian Füller macht sich in der Tageszeitung DIE WELT Sorgen und schreibt: "Die Kultusminister haben über viele Jahre Zehntausende Lehrer zu wenig eingestellt. Das ist ein Riesenskandal. Wie soll die Lücke gefüllt werden", fragt er und fürchtet: "Schule wird durch Seiteneinsteiger endgültig zum Laientheater."

Der Autor konstatiert: "Diese Krise ist hausgemacht." Jeder Vorstandsvorsitzende oder Handwerksmeister, der die Hälfte seiner Belegschaft verliert, ohne für guten Nachwuchs zu sorgen, würde mit Pleite oder Entlassung bestraft. Nicht so die Kultusminister. Sie genießen Kündigungs- und Haftungsschutz, denn schuld seien immer die Vorvorgänger.

Und dann folgt noch eine Erklärung: "Das deutsche Bildungssystem hat eine Eigenschaft, die der Soziologe Ulrich Beck mit struktureller Verantwortungslosigkeit brandmarkte. Nur ist", und das bedauert nicht nur Füller, "mit sophistischen Formeln dem Schulsystem nicht geholfen."

Anspruchsvolles Humorfernsehen aus Deutschland

Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG bewirbt eine neue Serie, die ab Freitag im Telekom-Angebot Entertain-TV läuft. In den Hauptrollen: Martina Gedeck und Jan Josef Liefers. Kathrin Hollmer lobt in der SZ: "Mit 'Arthurs Gesetz' ist ein weiterer Beweis gelungen, dass es anspruchsvolles Humorfernsehen aus Deutschland geben kann. Autor Benjamin Gutsche erzählt in sechs Folgen ein großes Familiendrama mit den Mitteln der Groteske."

In der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG führt Jörg Seewald ein Interview mit Martina Gedeck, die sich freut, "in der schrägen Serie" mitzuspielen. Sie erzählt: "Die Abgründe der Figuren sind bahnbrechend und wahnwitzig. Es kommen Dinge vor, die können nicht wahr sein. Es sind Figuren, die sich wehren, die aus Eifersucht und Konkurrenzgefühl heraus agieren und sich befreien." Die Schauspielerin verrät, bei Serienfiguren sei sie ihr Leben lang in Deckung gegangen, habe sie abgelehnt. Sie meint, Politikserien seien immer gefloppt in Deutschland, "weil sie meist oberflächlich gemacht wurden." Hingegen, "sobald etwas mit der Wirklichkeit, mit dem Leben zu tun hat, wird es interessant." Und sie setzt noch einen drauf: "Je weniger verlogen, umso anziehender."

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