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Kulturpresseschau | Beitrag vom 16.03.2019

Aus den FeuilletonsLebhafte Debatte um die gendergerechte Sprache

Von Tobias Wenzel

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Auf einer Ausgabe des Duden formen Buchstaben das Wort Gender mit einem Gendersternchen am Ende. (Imago Images)
Die Debatte um gendergerechte Sprache beherrschte die Feuilletons der letzten Woche. (Imago Images)

Zuerst zog ein Aufruf des Vereins Deutsche Sprache, der sich gegen die gendergerechte Sprache wandte, Kritik auf sich. Danach zogen dessen Kritiker Kritik auf sich. Die "Welt" sah sogar bei den "Diskurssheriffs" den "muffigen Wind der Unfreiheit" wehen.

Wenn moralische Urteile verboten wären, dann wären viele Artikel dieser Feuilletonwoche gar nicht erschienen. Wohin man auch blätterte, stieß man auf die Frage, was denn nun gut sei und was schlecht, was man dürfe und solle und was man dürfen solle. Die Schriftstellerin Katja Lange-Müller hat einen Aufruf des Vereins Deutsche Sprache mit dem Titel "Schluss mit dem Gender-Unfug!" unterschrieben.

Vorwürfe an die "Diskurssheriffs"

"Wollen wir unsere Sprache und deren grammatikalische Substanz nicht erst einmal richtig verstehen, ehe wir es gestatten oder erdulden, dass allzu aktivistische Streiterinnen und Streiter für die absolute und damit illusorische Gendergerechtigkeit - Politsoziologinnen und Politsoziologen, Firmenchefinnen und Firmenchefs, Amtsschimmelstuten und -hengste - sie (in wessen Sinne eigentlich?) reformieren oder eher deformieren?", fragte Lange-Müller rhetorisch im TAGESSPIEGEL und ergänzte:

"Wenn wir gerechter handeln, hat das wahrscheinlich auch bald Rückwirkungen auf unsere in ständigem Wandel begriffene Sprache; umgekehrt wird kein Schuh draus". Sie selbst und ihre Mitunterzeichner seien als "betagt" kritisiert worden. Das sei "Altersdiskriminierung", fügte sie augenzwinkernd hinzu, wohlwissend, dass die Fans des sprachlichen Genderns ja gerade vorgeben, andere vor Diskriminierung zu schützen.

Auch Thomas Schmid wunderte sich in der WELT über den Umgang mit den Unterstützern des Aufrufs und kritisierte die Feuilletonkollegen. Die "Süddeutsche Zeitung" habe geschrieben, einige respektable Persönlichkeiten hätten sich mit ihrer Unterschrift "in den Dunstkreis der AfD" begeben. "Wer einen Aufruf unterzeichnet, dem sich gewiss auch AfD-Leute angeschlossen haben, der läuft Gefahr, angesteckt, infiziert zu werden", entlarvte Thomas Schmid die verquere Logik: "Weil er in schlechter Gesellschaft daherkommt, zählen seine Argumente nicht mehr."

Bei einigen linksliberalen Journalisten habe er zwar beobachtet, dass auch ihnen Gender-Sternchen und Co. missfielen, allerdings hätten sie nicht den Mut, offen Kritik daran zu üben, und zwar, analysierte er, aus "Feigheit vor dem - angeblichen - Freund". Der es ja nur gut meint. Dabei wehe in Wirklichkeit aus dessen Richtung "ein muffiger Wind der Unfreiheit", so Schmid. "Die Diskurssheriffs selbst sind, was sie ihren Gegnern vorwerfen: nicht progressiv, sondern reaktionär."

Moralklauseln in Verträgen führen zu Selbstzensur

Meredith Haaf sprach in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG von der "Ausgeburt der Diskurshölle", meinte aber die mögliche Wirkung von sogenannten Moralklauseln. US-amerikanische Verlage bringen sie vermehrt in Verträgen mit ihren Autoren unter. Die "gestiegene Sensibilität der Öffentlichkeit gegenüber sexualisiertem Machtmissbrauch" sei Grund für solch eine Moralklausel.

"Darin behält sich der Verlag Condé Nast vor, das Verhältnis nach eigenem Ermessen zu beenden, sollte der Vertragspartner zum 'Gegenstand öffentlichen Ansehensverlustes, Abscheus oder Skandals' werden", nannte Haaf ein konkretes Beispiel. Sie erinnerte daran, dass im Filmgeschäft solche Moralklauseln im Hollywood der 20er Jahre eingeführt wurden. Das habe damals zur Selbstüberwachung geführt, die wiederum der Zensurbehörde als Arbeitsgrundlage gedient habe. Haaf fragte: "Droht also eine neue Ära politisch-moralischer Zensur auf den Schwingen einer Bewegung gegen sexualisierten Machtmissbrauch?"

Echte Flüchtlinge, die sich selbst auf der Bühne spielen

"Darf man das? Echte Flüchtlinge auf die Bühne holen, die sich selbst spielen, und ihnen einen Verdi-Schlager beibringen, zum Amüsement des Hamburger Premierenpublikums, haarscharf vorbei am Kitsch?", fragte Florian Zinnecker in der ZEIT mit Blick auf die Oper "Nabucco", die Kirill Serebrennikow trotz Hausarrest in Moskau inszeniert hatte. "Oder muss man das sogar - weil es schlicht inkonsequent und im Grunde sogar zynisch wäre, eine Flüchtlingsoper ohne Flüchtlinge zu zeigen, sondern nur mit Darstellern, die bloß so tun als ob? Kirill Serebrennikow genießt es bis zum letzten Ton, seine Zuschauer mit dieser Frage alleinzulassen." Ist aber vielleicht auch mal ganz anregend, wenn man nicht nur Empfänger von Moralisierungen ist, sondern selbst darüber nachdenken darf, was gutes und schlechtes Handeln ist.

Das Vermächtnis von Okwui Enwezor

Gut getan hat der Kunstwelt offensichtlich der nun gestorbene Kurator Okwui Enwezor. "Man kann den Einfluss von Enwezor, der 1963 als Sohn eines Bauunternehmers in Nigeria geboren wurde, auf die Kunstgeschichte und -theorie der vergangenen Jahrzehnte gar nicht hoch genug schätzen", schrieb Niklas Maak in seinem Nachruf für die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG. Er erinnerte daran, dass Enwezor der Leiter der documenta11 war und dort auch afrikanische Kunst ausstellte:

"Die Großkunstschau zeigte, wie sehr - und wie sehr zu Unrecht - sich die europäische und die amerikanische Kunstwelt auch in den neunziger Jahren noch für den globalen Goldstandard gehalten hatte, und was währenddessen anderswo herangewachsen war. Es war dabei eine der Qualitäten des Documenta-Kurators Okwui Enwezor, dass er in Kassel nicht einfach westliche Kunst durch nichtwestliche ersetzte, sondern sie in einem Spannungsverhältnis zeigte, das beide besser verstehen ließ - und oft auch zeigte, wie untrennbar sie durch die koloniale und postkoloniale Geschichte miteinander verbunden waren."

Zum Schluss, nach den vielen schwierigen moralischen Fragestellungen, noch eine ganz einfache Antwort. Der SPIEGEL hat den dänischen Koch René Redzepi gefragt: "Ist Essen eine Art Religionsersatz?" Darauf er: "Nein, das ist immer noch das iPhone."

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