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Kulturpresseschau | Beitrag vom 30.05.2020

Aus den FeuilletonsKurz vor dem 100. Geburtstag von Marcel Reich-Ranicki

Von Klaus Pokatzky

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Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki. (dpa / picture alliance / Erwin Elsner)
Marcel Reich-Ranicki "wartete nicht, bis ihm irgendein freundlicher Platzanweiser sein stilles Kultureckchen am Rande der Bühne angewiesen hat", schrieb Volker Weidermann im "Spiegel": "Er nahm den Platz in der Mitte." (dpa / picture alliance / Erwin Elsner)

"Marcel Reich-Ranicki war eine Instanz", lesen wir in der "Welt am Sonntag" über Deutschlands prominentesten Literaturkritiker. Von seinem Urteil konnte alles abhängen. Am kommenden Dienstag vor 100 Jahren wurde er geboren.

"Pfingsten handelt von Ekstase." So bereitete die Tageszeitung DIE WELT uns auf das verlängerte Wochenende mit dem Heiligen Geist vor. "Es ist das Fest, in dem der Zeitgeist zu sich kommt" oder eben der Heilige Geist auf uns hernieder. "Die Corona-Pandemie macht uns besonders empfänglich dafür." Und wie macht sie das?

"Das Ende eines Lebens heisst Tod", lasen wir in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG. "Ältere Semester wie ich denken in diesen Tagen intensiver über das Sterben nach", schrieb Hans Widmer, geboren 1940. "Das Ende eines Fussballspiels hat keinen Namen. Nach dem letzten Schiedsrichterpfiff wird einfach nicht weitergespielt. Die Fussballer zerstreuen sich – und das Leben?"

Auf diese Frage hat Hans Widmer mit einer kleinen Anekdote eine berührende Antwort: "Als ich meine Mutter kurz vor ihrem Tod mit 89 Jahren fragte: ‚Nun, wie war's?‘, da verzog sich ihr Mund zu einem spitzbübischen Lächeln: ‚Ich habe ja gelebt‘, und nach einer Pause: ‚Dass ich weiterlebe, weiss ich – in euch.‘"

Wolf Biermann, die Elefanten und der Tod

Noch etwas älter als Hans Widmer, nämlich 83 Jahre alt, ist einer der berühmtesten Dissidenten der alten DDR. "Mir gefällt das Gemüt der Elefanten, die sich zum Sterben in die Wildnis verkriechen", sagte der Liederdichter Wolf Biermann im Gespräch mit CHRIST UND WELT, der Beilage der Wochenzeitung DIE ZEIT. "Aber das ist auch nur ein Spruch, der im Menschenzoo nicht gelten kann. Ich denke, wer lebendig leben konnte, der schafft es auch, besser zu sterben."

Für das lebendige Leben in Corona-Zeiten gelten aber besondere Regeln. "Man hat sich in den vergangenen Monaten an vieles gewöhnt", steht in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN SONNTAGSZEITUNG. "Der Anblick von größeren Menschenmengen mit Corona-Masken ist, nach Jahren der Diskussion um Schleier, Gesichtserkennung und Vermummungsverbot, aber immer noch etwas Erstaunliches", schreibt Niklas Maak über das, was wir im Supermarkt wie in der U-Bahn empfinden dürfen.

"Man kann die Menschen, die eine Gesichtsmaske tragen, grob in zwei Gruppen unterteilen: Die einen sehen aus wie Ärzte, die anderen wie Banditen. In den Museen, die jetzt wiedereröffnen, beugen sich die Besucher über die Kunst, als wollten sie sie nicht anschauen, sondern eine Notoperation an ihr vornehmen; in der Bank hätte man angesichts der hereintretenden Vermummten noch vor vier Monaten gedacht: Mist, Überfall."

Wo sind die Expertinnen?

Was die Masken wirklich helfen, werden uns irgendwann sicherlich die Experten und Expertinnen sagen können. Die Expertinnen? "Corona ist Männersache, zumindest in den Medien", klärte uns die Tageszeitung TAZ auf. "Im Fernsehen kamen in Nachrichten und Sondersendungen auf eine Expertin vier Experten", schrieb Steffen Grimberg nach einer Studie, die sich den Geschlechteranteil bei all den klugen Corona-Sachkundigen angesehen hat – oder muss ich jetzt auch noch schreiben "Sachkundiginnen"?

"Bei den Printmedien ergibt sich ein ähnliches Bild", lasen wir bei Steffen Grimberg noch. "Hier hat das Institut Prognosis knapp 80.000 Onlineartikel aus 13 Titeln – alle überregionalen Blätter plus Stern, Spiegel, Focus und drei Regionalzeitungen – durchforstet. Insgesamt kamen in der Berichterstattung mit Corona-Bezug rund 30 Prozent Frauen und 70 Prozent Männer vor. Als Expert*innen wurden Frauen nur zu rund sieben Prozent erwähnt."  

Das Wort "Expert*innen" ist hier natürlich mit dem berühmt-berüchtigten Sternchen mittendrin geschrieben. Aber warum muss das eigentlich sein, wenn nur von Frauen die Rede ist? Ist das nicht auch schon wieder eine Diskriminierung, Kollege Grimberg?

Endlich positive Geschichten!

"Das Virus wird uns noch lange begleiten", steht im Berliner TAGESSPIEGEL vom Sonntag. "Lasst uns dennoch auch positive Geschichten erzählen", fordert Alexander Büttner, der in München eine "Entertainment-Nachrichtenagentur" betreibt, sich also gut mit dem Unterhaltenden auskennt. "Wir als Medienmacher können die Stimmung in der Gesellschaft maßgeblich beeinflussen, und das sollten wir zum Positiven nutzen." Machen wir jetzt hier – versprochen!

"Zum Beispiel war er sehr laut", stand im SPIEGEL über einen Mann, dessen rundes Geburtstagsjubiläum nun zu gedenken ist. "Zum Beispiel wartete er nicht, bis ihm irgendein freundlicher Platzanweiser sein stilles Kultureckchen am Rande der Bühne angewiesen hat", schrieb Volker Weidermann. "Er nahm den Platz in der Mitte."

Aus dem Kritiker wurde ein Schriftsteller

Da hätten wir gerne miterlebt, wie sich der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki heute im strengen Corona-Theater aufgeführt hätte, der am 2. Juni, also am kommenden Dienstag, vor einhundert Jahren geboren wurde. Und wie weit hätte er seine drei Mitkritiker im Fernsehen beim "Literarischen Quartett" platziert? Pardon: Mitkritiker-Sternchen-in.

"Marcel Reich-Ranicki war eine Instanz", lesen wir in der WELT AM SONNTAG. "Ein Kritiker, von dessen Urteil alles abhängen konnte: ob ein Roman zu einem Besteller wurde, ob ein Autor entsetzt über den Verriss in eine Schreibkrise stürzte", würdigen ihn Mara Delius und Marc Reichwein.

"Als 1999 seine eindrucksvolle Autobiografie ‚Mein Leben‘ erschien, wurde sie als ‚literarisches Meisterstück‘ gefeiert", erinnert die FRANKFURTER ALLGEMEINE SONNTAGSZEITUNG. "Mit ihr war der Kritiker selbst zum Schriftsteller geworden. Wie er seine Überlebensgeschichte im Warschauer Getto beschrieb, wurde für jene, die es lasen, unvergesslich."

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