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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 31.08.2016

Aus den FeuilletonsKritiker, nehmt euch in Acht!

Von Hans von Trotha

Die Schauspielerin Emma Stone wird auf dem roten Teppich von Fans umjubelt. (imago  / Xinhua)
Schauspielerin Emma Stone auf dem roten Teppich bei der Eröffnung der 73. Filmfestspiele von Venedig - so viel Jubel erleben Filmemacher und Autoren dort oft nicht. (imago / Xinhua)

Auf den gerade eröffneten Filmfestspielen in Venedig müssen sich viele Filmemacher dem harten Urteil der Kritiker stellen - und sind genervt. Auch Hans von Trotha geht die Maßlosigkeit seiner Kollegen zu weit. Die "TAZ" hat da eine Idee.

1809 schickte Jean Paul in seinem Roman "Dr. Katzenbergers Badereise" den titelgebenden Doktor auf eine Fahrt nach Maulbronn, einzig zu dem Zweck, dort einen seiner Rezensenten "beträchtlich auszuprügeln".

FAZ: Der Lido als "Laufsteg ins Licht"

"Der Kritik in die Fresse schlagen",

lautet der aktuelle Aufmacher des TAZ-Feuilletons. Sollte es Autoren oder Filmemacher geben, die diesen adrenalinfeuchten Traum noch nie gehabt haben, mögen sie die Hand heben – dass man das im Radio nicht sieht, macht nichts, wir würden es eh nicht glauben. Daran, dass es ein Filmemacher wirklich mal gemacht hat, erinnert die TAZ pünktlich zum Beginn der Filmfestspiele von Venedig, den die anderen Feuilletons wesentlich blumiger würdigen. Irgendwie macht das Spätsommerlicht am Lido die Kritiker immer ein bisschen poetisch-sentimental.

"Für viele", schwelgt etwa Andreas Kilb in der FAZ, "ist der Lido von Venedig der Laufsteg ins Licht. So groß die Angst auch sein mag, am Ende behält die Hoffnung das letzte Wort."

Hoffnung hat auch Christiane Peitz.

"Verrate deine Träume nicht",

warnt sie im TAGESSPIEGEL, fragt:

"Wo bleibt die Poesie?" und gibt sich dann der gewagten Hoffnung hin:

"Vielleicht bringt Wim Wenders sie ja mit."

Ewig verrissener Uwe Boll macht Schluss

Die TAZ hat zwar auch ihre Rubrik "Lidokino", vor allem aber bietet sie dem schlechten Film eine Bühne. Und da erwischt's die Rezensenten. Es schlägt zu: Uwe Boll. Der, schreibt Robert Hoffmann,

"gilt manchen als schlechtester Regisseur aller Zeiten."

Die Goldene Himbeere für "das schlechteste bisherige Lebenswerk" hat er schon. Die aktuelle Breaking News aber ist: Boll hört auf. "25 Jahre lang", lesen wir,

"hat er Filme gedreht, geschrieben und produziert, hat Videospiele verfilmt, aber auch den Völkermord in Darfur und den Alltag im Konzentrationslager von Auschwitz. 25 Jahre lang ist er dafür von Videospielern und Filmkritikern regelmäßig zerrissen worden. Jetzt soll damit Schluss sein."  

Wortduell mit Internetkritikern

"Es gibt ja so viel Gemetzel im Kino und so wenig Swing",

softseufzt Andreas Kilb, vom Lido weichgespült, in der FAZ. Dafür wäre Uwe Boll wohl mitverantwortlich, wenn mehr Leute seine Filme gesehen hätten. Immerhin, ein paar hunderttausend müssen es gewesen sein, denn, auch das steht in der TAZ:

"2008 forderten mehrere hunderttausend Internetnutzer in einer Onlinepetition, dass Boll das Filmemachen aufgebe."

Und:

"2006 lud er seine fünf lautesten – und wohl körperlich schwächsten – Internetkritiker zum Boxkampf und schlug sie alle. Sein Ruf war danach zwar nicht wiederhergestellt, sein nächster Film bekam dafür aber Aufmerksamkeit."

Wenn ein Kritiker sich ekelt

Will sagen: Liebe Kritikerinnen und Kritiker, die ihr da gerade am Lido rumlungert, Drinks schlürft und über Filme herzieht, nehmt Euch in Acht. Das gilt ausdrücklich auch für Caspar Shaller. Der möge bedenken, dass Uwe Boll auch Videospiele gemacht hat. Warum sollten Spielautoren auch weniger empfindlich sein? Was, lieber Caspar Shaller, wenn Sean Murray jetzt um die Ecke käme, den Dolch im Gewande, der Entwickler des Computerspiels No Man’s Sky. Der kann zwar in der ZEIT schöne Sätze lesen wie:

"Die Sterne, die man sieht, sind echte Sterne. Es sind Sonnen, die Planeten haben – und Sie können sie besuchen gehen",

muss sich dann allerdings vom Rezensenten daran erinnern lassen, dass sie von ihm selbst stammen, während der Kritikaster schreibt:

"Der Spieler merkt irgendwann, welch gigantischem Schwindel er aufgesessen ist, und wendet sich ob all der stumpfsinnigen Wiederholung voller Ekel ab. In einer psychologischen Übersprungshandlung verwandelt sich das Gefühl von Entsetzen über seine eigene Kleinheit schlicht in: Langeweile."

Goethe wollte Kritiker vernichten

Harter Tobak. Mit der Erinnerung daran, dass selbst unser Goethe einst anonym dichtete:

"Schlagt ihn tot den Hund! Er ist ein Rezensent",

geht ein besorgter Gruß an die Feuilletonredaktionen und vor allem nach Venedig. Überlegt Euch, wie viele von denen, die da am Strand flanieren, die Fäuste ballen, wenn ihr so Sachen schreibt wie Susan Vahabzadeh in der SÜDDEUTSCHEN, dass das

"ein sehr lauer Kinosommer" war. Immer schön achtgeben, mit wem man es zu tun hat, und an die TAZ denken und ihr "Der Kritik eins in die Fresse hauen" – eine Schlagzeile, die diesem alltäglichen Begriff eine ganz neue Dimension eröffnet. Anders als eine solche Warnung kann das mit dem Uwe-Boll-Porträt gerade an diesem Tag eigentlich nicht gemeint gewesen sein.

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