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Kulturpresseschau | Beitrag vom 18.08.2020

Aus den FeuilletonsKonterkarierter Paukenschlag

Von Gregor Sander

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Eine junge Frau geht in der neuen Dauerausstellung «Jüdische Geschichte und Gegenwart in Deutschland» im Liebeskind-Bau des Jüdischen Museums durch den Themenraum «Tora».  (dpa-Zentralbild/dpa/Britta Pedersen)
Auftakt der Ausstellung im Jüdischen Museum ist der Themenraum "Torah". (dpa-Zentralbild/dpa/Britta Pedersen)

Das Jüdische Museum Berlin eröffnet am Sonntag seine neue Dauerausstellung. Die Feuilletons zeigen sich wohlwollend, aber längst nicht einig - die "Welt" entdeckt sogar eine Geschmacklosigkeit.

Drei Jahre wurde an der neuen Dauerausstellung im Jüdischen Museum Berlin gearbeitet. Kuratiert von der ehemaligen Programmdirektorin des Museums, Cilly Kugelmann, die damit ihre eigene erste Dauerausstellung ersetzt. Gustav Seibt zeigt sich in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG zufrieden:

"Trotz etwa tausend Objekten ist die Schau nicht überfüllt, mehr als ein Jahrtausend jüdischen Lebens auf deutschem Boden ist damit auch gewiss nicht überdokumentiert."

Wie das im Detail aussieht, beschreibt Nicola Kuhn im Berliner TAGESSPIEGEL:

"In die schöne Galerie mit kostbaren Gemälden auf gläsernen Stelen von Max Liebermann, Lesser Ury und Felix Nussbaum gelangt der Besucher über das Treppenhaus, in der sich eine kesse 'Hall of Fame' befindet mit comic-artigen Porträtzeichnungen 70 jüdischer Berühmtheiten wie Lilli Palmer, Elias Canetti oder den Marx-Brothers."

Altarähnliches Kunstwerk von Anselm Kiefer

Doch der Blick in die Feuilletons verdeutlicht auch, wie verschieden diese Ausstellung wahrgenommen werden wird. Etwa wenn Alan Posener in der Tageszeitung DIE WELT deren Auftakt ausdrücklich begrüßt:

"Sie beginnt nämlich mit einem Themenraum 'Torah', der die zentralen Aussagen des Judentums darstellt und diskutiert; daran schließt sich eine Auseinandersetzung mit dem christlichen Antijudaismus an."

Doch schon im nächsten Raum ist es vorbei mit der Posnerschen Begeisterung:

"Leider wird dieser Paukenschlag konterkariert, indem der Ausstellungsabschnitt über die Kabbala illustriert wird mit einem monumentalen, altarähnlichen Kunstwerk des Künstlers Anselm Kiefer, der auch gelegentlich den Deutschen Gruß als Kunstwerk entbietet." Eine Geschmacklosigkeit, meint Posener.

Bleierne Bücher und zersplittertes Glas

Andras Kilb, der sich in der FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG nicht so richtig begeistert zeigt von der neuen Dauerausstellung, gerät bei der Kiefer-Skulptur allerdings ins Schwärmen:

"Kiefer hat die Geheimlehren der Kabbala in einen Block aus bleiernen Büchern und zersplittertem Glas übersetzt. Über dem Weisheits-Meteoriten wölbt sich ein gläserner Sphärenhimmel, vor ihm liegen die Scherben der Welt. Man kann über Kiefers Werk denken, was man will (und über Kiefer sowieso), aber es ist ein Ding, das im Gedächtnis bleibt."

Wer sich selber ein Bild machen möchte: Ab dem 23. August ist das Jüdische Museum Berlin wieder für die Allgemeinheit geöffnet.

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Von einem erstaunlichen Brief an Hannah Arendt ist in der FAZ zu lesen. 1975 bat der heutige demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden die Philosophin um die Kopie eines Vortrages, den sie zum 200. Jubiläum der Staatsgründung gehalten hatte. Und das waren ihre Themen:

"Grober Machtmissbrauch, Aushöhlung demokratischer Institutionen, Korruption, Vetternwirtschaft, außenpolitische Feuerspiele, schamlose Lügerei, ein Krimineller im Weißen Haus und Inkompetenz an der Spitze eines Landes."

Der Kriminelle im Weißen Haus war damals Richard Nixon, der von seinem Nachfolger Gerald Ford bedingungslos begnadigt wurde. Doch die Schlussfolgerungen, die Hannah Ahrendt aus alldem zog, klingen wohl nicht nur für die FAZ-Autorin Verena Luecken erschreckend heutig:

"Die Politik war längst dazu übergegangen, Bilder zu erschaffen, die sich vor die Wirklichkeit schoben, mit der sie nichts zu tun hatten. Strategien anzuwenden, um ihre Maßnahmen zu verkaufen, die denen ähnlich waren, mit denen die Warenzirkulation am Laufen gehalten wurde."

Ob sich Joe Biden allerdings noch an diesen 45 Jahre alten Vortrag erinnert, darf bezweifelt werden.

Hunde gehen immer

Die TAZ erinnert uns an etwas so Altmodisches wie das Sommerloch, das es in der heutigen digitalen Nachrichtenflut doch gar nicht mehr geben kann.

Und doch vermutet Heiko Werning hinter der von Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner angekündigten Pflicht eines jeden Hundehalters, seine Töle mindestens zweimal am Tag und insgesamt eine ganze Stunde an die frische Luft zu verfrachten, keine Sorge um das Tierwohl, sondern eine ministeriale Sommerlochluftnummer, denn: "Hunde gehen immer. Da ist der Beifall für ein paar politische Streicheleinheiten rasch eingeheimst."

Fazit

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