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Kulturpresseschau | Beitrag vom 30.07.2019

Aus den FeuilletonsKino ist out wie Telefon mit Wählscheibe

Von Gregor Sander

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Ein Kinosaal mit leeren Sitzreihen. (imago / allOver-MEV)
Stell dir vor, es ist Kinotag und keiner geht hin (imago / allOver-MEV)

Netflix verlegt das Kinoerlebnis nach Hause. In der "Süddeutschen" sieht das die Kulturstaatsministerin optimistisch als Appetit holen für das "echte" Kino. Dabei bekommt die deutsche Filmförderung immer mehr Geld für immer weniger Zuschauer.

Dem Kino geht es nicht gut, stellt Monika Grütters im Interview mit der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG fest:

"Es gab Einbußen beim Umsatz und bei den Besucherzahlen. Zudem gehen aktuell auch nur noch knapp 37 Prozent der Deutschen mindestens einmal pro Jahr ins Kino – vor zehn Jahren waren es noch 45 Prozent."

Am Geld, da ist sich die Kulturstaatsministerin sicher, kann es nicht liegen:

"Dabei waren die Fördertöpfe für den Film nie besser gefüllt als heute: 445 Millionen Euro öffentlicher Filmförderung pro Jahr. Deshalb haben mich diese schlechten Zahlen besonders geschmerzt."

In gleich zwei Zeitungen werden die beiden neuen Leiter der Berlinale Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek zu Deutschlands wichtigstem Filmfestival und der Lage des Films allgemein befragt. Im Berliner TAGESSPIEGEL umreißt Rissenbeek das Erlebnis Kino so:

"Auf der Berlinale können Sie erleben, was es heißt, einen Film in einem dunklen Raum gemeinsam mit einem großen Publikum zu sehen."

Appetit holt man sich zuhause, gegessen wird im Kino?

Wie, man kann den Film nicht anhalten, nebenbei Pizza bestellen und auf dem Handy rumdaddeln? Das klingt für viele 20-Jährige vermutlich so verlockend wie Omas Telefon mit Wählscheibe. Deshalb zieht sich durch die drei Interviews eine Gretchenfrage: Wie hältst du es mit Netflix? Grütters antwortet darauf in der SZ:

"Diese Einladung, sich zu Hause einen brandneuen Film auf dem Sofa anzugucken, ist ja auch verführerisch. Wahrscheinlich macht das jeder gelegentlich. Aber wir haben auch die Erfahrung gemacht, dass diese Streamingangebote den Appetit auf das große Kinoerlebnis eher noch stimulieren."

Wenn diese Theorie der Kulturstaatsministerin stimmt, dann könnte man die Streaming-Dienste ja quasi als ständig verfügbare Anfütterungsmaschine für den dann folgenden Gang ins Lichtspielhaus verstehen. Dann müssten die Wenigstens-einmal-im-Jahr-Kinobesuche doch rasant wieder ansteigen und dann könnten ja auch die Filmfestivals für Netflix und Co geöffnet werden. Aber Frau Grütters bleibt hart:

"Ich persönlich meine daher, dass der Berlinale-Wettbewerb Filmen vorbehalten sein muss, die im Kino ausgewertet werden, bevor sie im Streaming gezeigt werden, bei allem Respekt dafür, was Netflix auch für eine künstlerische Klasse entwickelt hat."

Was, wenn Netflix-Produktionen nicht ins Kino kommen?

In der WELT antwortet der künstlerische Leiter der Berlinale Carlo Chatrian auf diese Frage noch ganz künstlerisch frei:

"Wir sollten die Diskussion, derer ich mir bewusst bin, nicht auf Ja oder Nein, Netflix oder Amazon verengen."

Während seine Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek ganz klar sagt:

"Die aktuell geltenden Berlinale-Regeln möchten wir aufrechterhalten. Das heißt, wenn ein Kinostart vorgesehen ist, können auch Filme von Streaming-Plattformen laufen."

Das funktioniert aber leider auch nicht, wie nun wieder Monika Grütters in der SZ zugibt. Am Beispiel des spanischen Netflixfilms "Elisa & Marcela" von der vergangenen Berlinale.

"Er sollte für ein paar Wochen im spanischen Kino verwertet werden und brachte deshalb die formale Voraussetzung mit, um im Berlinale-Wettbewerb gezeigt zu werden. Am Ende, das ist inzwischen bekannt geworden, hat das gar nicht gestimmt, er lief nicht in den spanischen Kinos."

Kann Helge Schneider helfen?

Das alles klingt eigentlich wie der Plot für eine Komödie. Viel Geld, viel guter Wille, ein altehrwürdiges Filmfestival und ein paar rotzfreche Neulinge, die sich nicht an die alten Regeln halten und dafür auch noch vom Publikum geliebt werden. Eine Lösung für diese verfahrene Festivalkino-versus-Netflix-Nummer kündigt vielleicht die SZ an. Helge Schneider wird hier zitiert:

"Ich werde mal wieder einen Film machen, habe ich mir überlegt."

Das kann man natürlich auch als Drohung verstehen, denn Helges bisherige Werke trugen Titel wie "Texas – Doc Snyder hält die Welt in Atem" oder "Praxis Dr. Hasenbein". Andererseits: Die Fördertöpfe sind voll und wenn der Film dann im Kino läuft, schafft er es vielleicht ja zur Berlinale.

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