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Kulturpresseschau | Beitrag vom 18.03.2019

Aus den FeuilletonsKein Bruderkuss für Russlands Schwule

Von Tobias Wenzel

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Mauer-Graffiti des Lithauischen Künstlers Mindaugas Bonanu eines Bruderkusses zwischen Trump und Putin am Restaurant Keule Ruke in Vilnius, Lithauen (EPA)
Homosexuelle seien in Putins Russland perfekte Opfer, meint Autorin Masha Gessen (EPA)

Laut der Publizistin Masha Gessen kennt in Russland niemand einen Schwulen persönlich. Dies erzählt die lesbische Autorin im Interview mit der "SZ". Als Rache für das Konfiszieren eines ihrer Bücher hängt jetzt ein schwuler Papier-Putin in ihrer Küche.

"Salatgurke grob geraspelt", so beschreibt die TAZ den Klang der Gitarre von Dick Dale, "dagga daggadidaggadagga." Man dürfe sich keine komplexe Klangwelt vorstellen, wenn man von seinem "Sound" spreche, urteilt die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG über das Spiel des nun gestorbenen Musikers. "Denn eigentlich besteht der Surf-Sound vor allem aus den tiefen Saiten einer extrem laut verstärkten, aber nicht verzerrten Fender-Stratocaster-E-Gitarre gespielten Singlenote-Stakkato-Läufen. Die Variationsmöglichkeit dieser Idee ist gering, aber es dengelt und bollert doch sehr fein und es klang für damalige Verhältnisse nicht nur ungewöhnlich orientalisch, sondern auch spektakulär energetisch, fast maschinengewehrhaft".

'Der Hass wird nicht gewinnen'

"Hat niemand seine böse Absicht geahnt, als er sich auf legalem Weg halb automatische Waffen beschaffte?", fragt der neuseeländische Schriftsteller Lloyd Jones in der WELT mit Blick auf den mutmaßlichen Attentäter von Christchurch. Viele Neuseeländer hätten bisher gedacht, solche Waffen seien gar nicht in ihrem Land frei verkäuflich, und hätten deshalb den USA vorgeworfen, dass "Waffen dort nicht anders konsumiert würden als Eier oder Dosenbier". Jones gefällt es nicht, dass der Mann, der wohl allein verantwortlich für die Ermordung von 50 Muslimen ist, zwei Tage nach dem Anschlag in einer Gefängniszelle war: "Was für eine Schande, dass er die Mahnwache im Stadion Basin Reserve nicht erlebt hat. Er hätte gesehen, dass er das Gegenteil dessen erreicht hat, was er wollte. Es ist ihm nicht gelungen, Hass und Angst zu säen, stattdessen hat er diese wunderbare Gesellschaft näher zusammengebracht." Es sei ihm ein großes Spektakel entgangen: "Tausende Menschen, jung und alt, die sich versammelten, wo sonst Cricket gespielt wird. Doch diesmal stand auf der Anzeigentafel: ‚Der Hass wird nicht gewinnen. Kia kaha (Deutsch: bleib stark), Christchurch.‘"

Homosexuelle in Russland unbekannt

"Im Totalitarismus tauschen Täter und Opfer ständig die Plätze. Es gibt keine Zuschauer." Mit diesen Worten zitiert Sonja Zekri die Publizistin Masha Gessen in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG. Gessen erhält am Mittwoch zum Beginn der Leipziger Buchmesse den Preis für Europäische Verständigung für ihr Buch "Die Zukunft ist Geschichte. Wie Russland die Freiheit gewann und verlor". Russland ist für Gessen eine totalitäre Gesellschaft, "die von einem Mafiastaat regiert" wird. Homosexuelle seien da perfekte Opfer, weil ihr Streben nach gleichen Rechten als vom Westen beeinflusst diskreditiert werde: "Keiner kennt einen Schwulen persönlich", sagt die lesbische Gessen.

Papier-Putin schwenkt die Regenbogenflagge

Sie erzählt in ihrer New Yorker Wohnung der SZ-Journalistin, was passiert ist, als ein befreundeter Anwalt in Russland eine englischsprachige Ausgabe ihres Buchs geordert hat: "Er wurde zum Zoll bestellt, wo er unterschreiben sollte, dass das Buch keine extremistischen Inhalte verbreitete. Daraufhin sagte er, das wisse er nicht, er habe es ja noch nicht gelesen." Der Anwalt habe die Konfiszierung des Buchs vor Gericht gebracht. Da habe er die intern vermerkte Begründung des Zollbeamten einsehen können. In den Worten von Masha Gessen: "Der Zollbeamte hatte mich im Internet gesucht, wo ich als jemand gelte, der Homosexualität propagiert. […] Das Buch wurde also nicht wegen seines Inhalts, sondern wegen der Autorin kassiert." Man könnte meinen, Gessen habe sich deshalb an Wladimir Putin gerächt, und zwar ganz persönlich und konkret in ihrer Küche. Die beschreibt Sonja Zekri so: "Holztisch, spiegelblanke Töpfe an einem Haken, am Fenster ein schwuler Putin als Papierhampelmann mit Regenbogenflagge und Blumenkranz".

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