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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 21.08.2015

Aus den FeuilletonsKampf mit der Riesenwelle

Von Ulrike Timm

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Eine Kopie des berühmten Holzschnitts "Die große Welle vor Kanagawa" des Japaners Katsushika Hokusai, die der Berliner Künstler Semjon Posin zum Verkauf anbietet. (dpa / picture alliance / Britta Pedersen)
Eine Kopie des berühmten Holzschnitts "Die große Welle vor Kanagawa" des Japaners Katsushika Hokusai, die der Berliner Künstler Semjon Posin zum Verkauf anbietet. (dpa / picture alliance / Britta Pedersen)

Über das Meer und seine Überquerung in Nussschalen gelangt die "Welt" zum didaktischen Aufdröseln des Begriffs "Refugees". Handfester mag es Til Schweiger, der beim Bau eines Flüchtlingsheims nicht zurückrudern, aber auch nicht selbst den Bagger fahren möchte.

"Die große Welle vor Kanagawa" schwappt übers Feuilleton der WELT. Und man schaut tatsächlich anders auf dieses Motiv in diesen Tagen, sieht viel intensiver auf die winzig kleinen Fischerboote, die mit der Riesenwelle kämpfen. Und doch ist der berühmte Holzschnitt des Japaners Hokusai so wohlgeordnet, innerlich so durchorganisiert, dass sich ein Vergleich mit den Flüchtlingen verbietet, die versuchen, in Nussschalen übers Mittelmeer zu kommen. "Die Welt als Welle und Vorstellung" heißt der Artikel, und man nimmt sie ... semantisch. Von Refugees spricht man in linken und Künstlerkreisen, meint die WELT, nicht mehr von Flüchtlingen, und dann wird der Begriff aufgedröselt, aufschlussreich, aber auch ein wenig antiseptisch-didaktisch-befremdlich:

"Linguistische Operationen fanden in der Flüchtlingsdebatte nicht nur beim Begriff Asylkritiker statt. Den verbannt seit kurzem bekanntlich die Deutsche Presse-Agentur  aus ihren Artikeln. Der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch hat nachgewiesen, wie jenes Wort ...zunächst von Rechten als verharmlosende Eigenbezeichnung genutzt wurde, bevor es dann mit der  Berichterstattung über die Pegida-Demonstrationen in den Medienwortschatz einsickerte."

Mit der Semantik der Flüchtlingsdebatte hält sich Til Schweiger, der populärste deutsche Kinoregisseur, nicht auf, und das ist bestimmt gut so. Schweiger muss sich derzeit auf alles gefasst machen, wenn er auf seine Facebook-Seite geht, da schlägt ihm jede Menge unverhohlener Hass entgegen. Er hat eine Stiftung gegründet, die Flüchtlingen helfen will, und seitdem muss er sich nach allen Seiten wehren. Dumpfbacken meinen, für so was gibt man doch kein Geld aus, intellektuelle Dumpfbacken unterstellen, es gehe ihm ausschließlich um PR. Tatsache ist, dass der Mann 100.000 eigenes Geld in dieses Vorhaben steckt, und dass er der BERLINER ZEITUNG sagen kann, warum er das tut – ganz ohne semantisch-linguistische Verschraubungen. "Ich rudere nicht zurück. Mit Freunden will ich eine Kaserne umbauen. Dass damit nicht gemeint ist, dass ich den Bagger fahre, ist wohl logisch", sagt Til Schweiger.

Ganz ohne WellenStrömeSchwämme kommt die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG aus, sie sieht aber die Wippe auf der Kippe. Das geplante Einheitsdenkmal, eine riesige Schale, die sich heben und senken kann, je mehr Menschen drauf stehen und gehen, wird sich zum Rohrkrepierer entwickeln, meint die FAZ. Finanziell, ideell und metaphorisch:

"Der Wippeffekt ist symbolpolitisch nicht über alle Zweifel erhaben, und kann schnell wie ein Witz auf Kosten der Demonstranten von 1989 wirken: Was passiert, wenn in Deutschland zu viele Leute in eine Richtung marschieren? Es geht bergab!"

Sie merken schon, ein bisschen schwurbelt es auch in den Feuilletons dieser Spätsommertage, deshalb gehen wir noch zur klaren, todtraurigen und ergreifend schlicht geschriebenen Würdigung, die der Archäologe Andreas Schmidt-Colinet seinem Freund und Kollegen Khaled Asaad widmet. Khaled Asaad, viele Jahre Antikendirektor der syrischen Oasenstadt Palmyra, wurde von IS-Schergen geköpft, sein Leichnam öffentlich ausgestellt. Der kluge, international hochgeschätzte Asaad hatte wie nebenbei so viel Praktisches getan, dafür gesorgt, dass bei Ausgrabungen genug Trinkwasser für alle da war, Arbeiter angelernt, die Logistik organisiert. Andreas Schmidt-Colinet schreibt in der FAZ:

"Ohne ihn ging nichts, mit ihm ging alles. Diese Offenheit und die Verteidigung seines und unseres kulturellen Erbes hat er nun mit seinem Leben bezahlt."

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