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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 11.02.2019

Aus den FeuilletonsImmer weiter nach oben auf der Irrsinnsskala

Von Paul Stänner

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Jens Spahn (CDU), Bundesgesundheitsminister, steht während einer Befragung der Regierung im Plenarsaal.  (picture alliance / Fabian Sommer)
Julia Bähr befürchtet in der "FAZ", dass Gesundheitsminister Jens Spahn den derzeit gültigen Abtreibungskompromiss aus dem Jahr 1974 in Frage stellt. (picture alliance / Fabian Sommer)

Während die "taz" einen politischen Moralismus, unter dem vor allem grüne Mandatsträger leiden müssen, ausmacht, sieht die "FAZ" selbigen vor allem in Jens Spahns geplanter Studie zu den psychischen Auswirkungen von Abtreibungen am Werk.

Die Kultur, verehrte Hörerinnen und Hörer, ist zu Wochenbeginn ein Kampfplatz. Die Tageszeitung stellt dringlich die Frage: Darf Habeck fliegen? taz-Mitarbeiter Ulrich Schulte, der im Abspann bekennt, er plane eine Flugreise nach Frankreich, hat ausgemacht, dass politischer Moralismus eben wieder en vogue ist und zählt auf:

"Jamila Schäfer, der stellvertretenden Bundesvorsitzenden, wird ihr Skiurlaub in Lillehammer vorgehalten, der bayerischen Fraktionsvorsitzenden Katharina Schulze ein Aufenthalt in Kalifornien, bei dem sie ein Eis isst (mit Plastiklöffel!!). Grünen-Chef Robert Habeck wiederum wird von einem übereifrigen Twitterer am Flughafen Hamburg abgelichtet."

"Konsequente Moralapostel werden nie arbeitlos"

Der taz-Mann kommt zu dem Schluss: "Konsequente Moralapostel werden nie arbeitslos, auf der nach oben offenen Irrsinnsskala sind viele Fragen offen: Dürfen Grüne eigentlich Auto fahren, Schnitzel essen, Bild lesen, die Heizung aufdrehen, die Haare föhnen?"

In der Frankfurter Allgemeinen setzt sich Julia Bähr mit Jens Spahn auseinander, will sagen: Sie setzt dem Christdemokraten zu. Spahn hat dem Bundeshaushalt fünf Millionen abgerungen, um die psychischen Folgen von Abtreibungen untersuchen zu lassen.

Spahn: "Die 'Pille danach' ist kein Smartie"

Die Autorin erinnert daran, dass Spahn schon vor Jahren aufgefallen war mit Bemerkungen wie die, die "Pille danach" sei kein "Smartie". Sie spielt mehrere Varianten durch, welche Ergebnisse die Studie einfahren könnte und endet bei der wahrscheinlichsten: "Viertens: Viele Frauen geben an, sie litten noch heute unter der Entscheidung. Das wäre ein Anlass für Spahn, nicht nur den Kompromiss von 2019, sondern sogar den von 1974 in Frage zu stellen."

1974 – da trat die Regelung in Kraft, dass Abtreibungen "illegal, aber straffrei" bleiben. Offenbar hält die Autorin Bundesgesundheitsminister Spahn für nicht hilfreich, wenn sie schreibt: "Es gibt so vieles, das dringend in Angriff genommen werden muss. Diese Studie gehört nicht dazu."

Zwangsgebühr oder proaktive Beteiligung

"Wir nehmen jeden ernst – auch deine Oma." So lautet einer der Sätze, den eine neue Broschüre der ARD vorschlägt. In ihr geht es um das Framing, also die Benennung eines Themas mit einem Begriff von starker emotionaler Wirkung.

Während zum Beispiel die Gegner der öffentlich-rechtlichen Programme von "Zwangsgebühr" ätzen, soll die ARD von "einer proaktiven Beteiligung der Bürger am gemeinsamen Rundfunk ARD" sprechen. Man kann solche Formelbildung als legitime Selbstverteidigung der ARD ansehen, sie bekommt aber eine schlechte Presse.

Der Tagesspiegel schreibt: "Unter dem Eindruck einer Sektenschrift, eines Parteiprogramms, ja der Gehirnwäsche müssen einige Fragezeichen angefügt werden."

Die WELT, die ja auch den gleichnamigen Privatsender zu verteidigen hat, zitiert Framings, die sie offenbar als Angriff versteht, wie: "Andere wollen Geldgewinne. Wir wollen Kulturgewinn." Dagegen wendet sie sich mit einer kaum verhohlenen Mahnung - oder Drohung: "Eine sprachliche Manipulation durch die Hintertür dürfte den Gegnern der Öffentlich-Rechtlichen mehr Gründe geben, an der Abschaffung des Systems in der jetzigen Form zu arbeiten."

Wenn man nur wüsste, wofür sie kämpft, die WELT: Kultur oder Geld?

Die Kampfzonen weiten sich aus

Zum Schluss noch zwei Hinweise von unterschiedlichem Härtegrad:

Die Süddeutsche meldet, dass im New Yorker Guggenheim –Museum Künstlerinnen und Künstler gegen einen der Mäzene protestieren, von denen das Museum lebt. Es handelt sich um den Mitgründer einer Pharmafirma, die für Medikamentenabhängigkeit verantwortlich gemacht wird. Wieder der Kampf: Kultur oder Geld?

Und die FAZ hat einen Artikel darüber, dass in der #MeToo-Debatte jetzt auch einvernehmlicher, aber schlechter Sex in den Katalog männlich-chauvinistischer Unterdrückungsmaßnahmen aufgenommen wurde. Also auch diese Kampfzone weitet sich aus.

Ungeachtet aller Kämpfe wünschen wir Ihnen einen guten Start in die Woche.

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