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Kulturpresseschau | Beitrag vom 10.06.2021

Aus den FeuilletonsHummels zieht die Bundesnotbremse

Von Arno Orzessek

Zweikampf von Mats Hummels gegen Daniel Wass im Freundschafts-Länderspiel Deutschland - Dänemark am 02.06.2021 in Innsbruck kurz vor der Fußball-EM. (picture alliance / dpa / SvenSimon / Frank Hörmann)
Hummels in Aktion - wird er bei der EM auch für einen Kalauer gut sein? (picture alliance / dpa / SvenSimon / Frank Hörmann)

Bevor die Fußball-EM überhaupt begonnen hat, überrascht "Die Welt" das Publikum schon mal mit den schlechtesten Witzen und Wortspielen, die uns in den nächsten Wochen erheitern werden. Auf geht's, die "Biontechniker im Mittelfeld" kommen.

An diesem Freitag beginnt, noch stark von der Corona-Pandemie umwittert, die Fußball-Europameisterschaft. Und das motiviert die Tageszeitung DIE WELT, "schon einmal alle schlechten Witze, Kalauer und Wortspiele […], die in den nächsten Wochen zu hören sein werden", dem Publikum zu präsentieren – quasi im Vorabdruck. Und wirklich wahr: Es sind besonders miese Witze und Wortspiele!

Was umgekehrt heißt: Unerschütterliche Liebhaber von Quatsch und blankem Unfug kommen voll auf ihre Kosten. Zu den gehobenen Sprüchen aus der untersten Schublade gehört der hier: "Nach dreißig Sekunden schon der Schnelltest für Manuel Neuer. Und das Ergebnis ist sofort da: Leider negativ."

Und vielleicht auch dieser hier: "Konter über Mbappé – da muss Hummels die Bundesnotbremse ziehen: Platzverweis." Und in der untersten Schublade ganz unten? Da findet man Plemplem von der Sorte "Was haben wir im Mittelfeld für feine Biontechniker!" Oder "Toni, du bist unser Querpassdenker". Oder "Werners herrliches Tor per Fallzahlrückzieher". Kompromisslos albern: DIE WELT.

Der Bundestag in Oranienburg

Und nicht weniger: die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG, in der die Lyrikerin Juliane Liebert eingedenk dessen, dass das Tempelhofer Feld in Berlin während der schlimmsten Covid-Krise vielen eine Zuflucht unter freiem Himmel geboten hat, radikale Konsequenzen fordert:

"Ich plädiere dringend dafür, das Tempelhofer Feld nach der Pandemie nicht zu verkleinern, sondern zu vergrößern. Am besten, bis Berlin weg ist. Beziehungsweise nur noch Feld. Dann, und nur dann, könnte man für eine behutsame Randbebauung des dann neu benannten Berliner Feldes plädieren. Der Bundestag könnte nach Oranienburg. Das Außenministerium nach Eberswalde. Ein paar Kulturstandorte und Gründerzeithäuser könnten als Kulturdenkmäler auf dem Feld erhalten werden. Die Ringbahn wird zum Radweg. Die Stadtautobahn zur naturbelassenen Wildbrücke, damit Wölfe und Rehe das Berliner Feld in Ruhe durchwandern können."

Eklatanter Fußball-Nonsens also in der WELT, frivole Auslöschungspläne für Berlin in der SZ.

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Da liegt die Frage nahe, die der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG als Überschrift dient: "Wer kann uns noch retten?" Und schon wieder sind wir in Tempelhof, nun im Flughafen-Gebäude, in dem gerade 400 Kunstwerke aus ganz Europa ausgestellt werden.

"Diversity United" heißt die Ausstellung, die den FAZ-Autor Stefan Trinks begeistert. Denn sie zeigt "äußerst heterogene, in fast durchweg überzeugende künstlerische Form gebrachte Antwortversuche auf drängende Fragen der Gegenwart wie Öko- und Migrations-Krise, auf politischen Vertrauensverlust insbesondere in Russland und der Türkei sowie auf die europäische Vergangenheit und Zukunft, die nur länderübergreifend angegangen werden können". In unseren Ohren klingt Stefan Trinks Lob - "Antwortversuche auf drängende Fragen" - ein klein wenig abgedroschen.

Nachrufe auf "Gottes Betonbaumeister"

Gleiches würden wir von den Nachrufen auf den Architekten Gottfried Böhm nicht sagen. Für die SZ war Böhm immerhin "Gottes Betonbaumeister". Um die überirdische Berufsbezeichnung zu legitimieren, druckt die SZ ein Foto vom Innenraum des weltberühmten Mariendoms von Neviges.

Die FAZ schätzt Böhms Werk ähnlich ein und titelt mit weihnachtlichem Unterton: "Der Himmel kam auf die Erde."

Die WELT bleibt dagegen mit beiden Beinen auf dem Boden. Sie lobt Böhms Sensibilität für die Räume, die seine spektakulären Architekturen umgeben, mit den Worten: "Er hatte die ganze Stadt im Blick."

"Es sind sonderbare, unvergleichliche Bauwerke, die dieser Baukünstler hinterlässt", führt Dankwart Guratzsch aus. "Viele von ihnen haben bei oberflächlicher Betrachtung etwas Zwitterhaftes. Modernste Materialien – Beton, Stahl, Glas – sind in verblüffend 'barocke' Formen gebracht. Böhm scheut sich nicht, Säulen und Türme auszuformen, die Fassaden dekorativ durchzubilden, Arkaden, Giebel und Dachtonnen zu entwickeln – alles Dinge, die für strikt an der 'Moderne' orientierte Kollegen bis heute tabu sind."

Okay. Das war’s. Was nun das Wochenende angeht, hoffen wir, dass Sie weit mehr erwartet als nur das, was die SZ per Überschrift anpreist, nämlich: "Ein Hauch von Party".

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