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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 16.07.2015

Aus den FeuilletonsHexenverbrennung im Internet

Von Arno Orzessek

Bundeskanzlerin Merkel im Gespräch mit Schülern in der Paul-Friedrich-Scheel-Schule in Rostock (dpa / picture alliance / Bernd Wüstneck)
Auslöser für einen Shitstorm: Bundeskanzlerin Merkel im Gespräch mit Schülern in der Paul-Friedrich-Scheel-Schule in Rostock (dpa / picture alliance / Bernd Wüstneck)

Der Shitstorm, der nach einem Gespräch mit einem Flüchtlingsmädchen in Rostock über Bundeskanzlerin Angela Merkel hereinbrach, sorgt in den Feuilletons für Entrüstung. Kabarettist Dieter Nuhr geißelt in der "FAZ" die Anonymität des Internets.

"Noch Lust auf das Thema Griechenland? Aber ja!", posaunt Harald Jähner in der BERLINER ZEITUNG.

Jähner hat nämlich im Fernsehen die griechische Parlamentsdebatte über das Sparpaket verfolgt.

Und was er dabei erlebte – "geistigen Existenzkampf" -, hat ihn so hingerissen, dass er konstatiert: "Da kommt kein anderes Schauspiel mit."

"Eine Abgeordnete […] hielt ihre achtminütige Rede vollständig frei als anschwellende Entladung des Zorns […]. Sie bellte, griff an, verabscheute, forderte, überwand sich. […] Eine antike Tragödin, die mit donnernder Stimme aus einem Gestrüpp von Niederlagen und Demütigungen heraussteigt."

In puncto Inhalt musste sich Jähner zwar auf die Übersetzung verlassen – trotzdem resümiert er Hellas-freundlich: "Reden können sie, die Griechen."

Aber auch sparen? – könnte man nun witzeln...

Würde sich damit aber wohl den Tadel des Griechenland-Verstehers Alan Posener zuziehen.

Exempel an Griechenland statuiert?

In der Tageszeitung DIE WELT behauptet Posener, Griechenland werde als bloßer "Sündenbock" für die Missetaten der Euro-Zone abgestraft.

"Was wird den Griechen denn vorgeworfen? Allgemein, dass sie über ihre Verhältnisse leben, auf Pump nämlich, dass sie also das Erbe künftiger Generationen verfrühstückt haben. Willkommen in der Realität der Euro-Zone. Dass sie kein tragfähiges Wachstumsmodell hätten, um aus der Schuldenkrise herauszukommen. Willkommen in der Realität der Euro-Zone. Dass bei ihnen die Mittelschicht alle Lasten des Sozialstaats trüge. Willkommen – na, Sie wissen schon. Vor allem aber, dass sie permanent die Regeln brechen würden."

Und an dieser Stelle kommt dem WELT-Autor die Galle hoch:

"Legal – illegal – scheißegal, nach diesem Motto funktionierte die Euro-Zone schon immer, und gerade deshalb musste an Griechenland ein Exempel statuiert werden."

Uns scheint, dass Posener manches Ungleiche gleichsetzt… Aber sei’s drum! Blicken wir mit der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG nach Afrika.

Im Gespräch mit Jochen Hieber prophezeit der äthiopisch-deutsche Autor Asfa-Wossen Asserate, demnächst würden Millionen Afrikaner nach Europa drängen…

Und Europa sei dafür mitverantwortlich, weil es Geschäfte mit skrupellosen Diktatoren mache, die ihre Bevölkerung durch Auslöschung jeder Perspektive zur Flucht zwängen.

"Um in Afrika glaubwürdig zu bleiben, müssen die europäischen Staaten auf allen Kanälen, politischen wie wirtschaftlichen, versuchen, auf die afrikanischen Diktatoren einzuwirken. Zusammen mit den UN-Gremien muss es ihr Ziel sein, dass in Afrika zumindest gewisse Grundstandards im Zusammenleben von Menschen eingehalten werden und dass Rechtsstaatlichkeit die conditio sine qua non für eine Kooperation wird."

Angela Merkel bringt libanesisches Mädchen zum Weinen

Nicht aus Afrika, aus dem Libanon kommt Reem, ein von Abschiebung bedrohtes, auf ein gutes Leben erpichtes Mädchen… Dem Bundeskanzlerin Merkel laut FAZ jüngst in einer Rostocker Schule zu verstehen gab, was man als Deutscher nicht einfach so sagen könne – nämlich:

"'Ihr könnt alle kommen, und ihr könnt alle aus Afrika kommen, und ihr könnt alle kommen.' Das können wir […] nicht schaffen. […] Es werden auch manche wieder zurückgehen müssen."

Woraufhin Reem in Tränen ausbrach.

Trotzdem lobt der FAZ-Autor Michael Hanfeld die Bundeskanzlerin: "Sie sagt, was niemand hören will, aber stimmt."

Die TAGESZEITUNG kommentiert selbige Unterredung gewohnt sarkastisch: "Gut leben, aber bitte nicht alle."

Anti-Shitstorm-Essay

Beide Blätter regen sich indessen über den Shitstorm auf, der nach der Schulszene – sie war im NDR-Fernsehen zu sehen - über Merkel hereinbrach.

Der mehrfach ge-shitstormte Kabarettist Dieter Nuhr schreibt – wiederum in der FAZ – sogar einen echten Anti-Shitstorm-Essay. Kernthese:

"Die Anonymität des Internets bedeutet […] einen zivilisatorischen Rückschritt in Richtung Faschismus, Mittelalter, Pogrom und Hexenverbrennung."

Bleibt uns nur, angesichts der Gesamt-Malaise die Worte zu seufzen, die in der TAZ Überschrift wurden:

"Herr im Himmel!"

Mehr zum Thema:

Griechenland - EZB gewährt neuerliche Notfallhilfe
(Deutschlandradio Kultur, Studio 9, 16.07.2015)

Bürgerdialog mit der Kanzlerin - Ein Palästinensermädchen bringt Merkel aus dem Konzept
(Deutschlandradio Kultur, Studio 9, 16.07.2015)

Kontroverse um Angela Merkel - Die Kanzlerin und das Flüchtlingskind
(Deutschlandfunk, Aktuell, 16.07.2015)

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