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Kulturpresseschau | Beitrag vom 08.05.2020

Aus den FeuilletonsHerkules im Homeoffice

Von Arno Orzessek

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Ein Comic-Bodybuilder lässt seine Muskeln spielen. (imago images / Panthermedia / studiostoks)
Eine Ausstellung in Heidelberg zeigt Herkules in neuem Licht, schreibt die "FAZ". (imago images / Panthermedia / studiostoks)

Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" besucht eine Herkules-Ausstellung in Heidelberg und entdeckt unbekannte Seiten am antiken Helden. Als Sklave bei Königin Omphale habe er Wolle gesponnen statt wie sonst zu kraftmeiern. Homeoffice sozusagen.

Die Befehlsform, Grammatik-Schülern als Imperativ bekannt, tendiert naturgemäß ins Barsche. Vergleiche: Stillgestanden! Halt’s Maul! Hau ab! Aber so ein Imperativ kann auch sehr einladend wirken, wie die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG beweist.

"Seht, ein Genie!" heißt es über dem Artikel, in dem Insa Wilke den Roman "Ich erwarte die Ankunft des Teufels" und dessen Verfasserin Mary MacLane feiert. Die Kanadierin, die ihr Leben vor allem in den USA verbrachte, hat ihr 1901 veröffentlichtes Erstlingswerk bereits mit 19 Jahren geschrieben. Eine deutsche Ausgabe gibt’s nun bei Reclam.

"'Ich erwarte die Ankunft des Teufels' ist weniger politisches Pamphlet als ein aus dem Furor des Lebenshungers geschriebener Bekenntnistext", erläutert Insa Wilke. "Kein Aufschrei, aber ein Ausbruch einer ihrer selbst gewissen Person, geltungssüchtig und so behaglich schnurrend narzisstisch, dass manche Formulierungen wirken, als hätte der heutige US-Präsident bei MacLane gelernt: 'Sie dürfen das Bild vorne in diesem Buch betrachten und bewundern. Es ist das Bild eines Genies – eines Genies mit einem guten, starken, jungen Frauenkörper, – und im Inneren des abgebildeten Körpers befindet sich eine Leber, eine MacLane-Leber, von bewundernswürdiger Perfektion.'" Mary MacLane in einem SZ-Artikel von Insa Wilke, die sich sicher ist: "Diese Frau hat dem Literaturkanon noch gefehlt."

Herkules, im Bette unbesiegt

Einen guten, starken Männerkörper schreibt man der antiken Heldenfigur Herkules zu, dem Sohn des Zeus und der Alkmene. Von dem Edo Reents in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG behauptet: "Auch im Bette unbesiegt".

Anlass zu dieser These bietet Reents die Ausstellung "Herkules – Unsterblicher Held" im Kurpfälzischen Museum in Heidelberg. Sie hat dem Rezensenten offenbar viel Spaß gemacht. "Einmal hatte sogar Herkules Homeoffice. Er war, wegen irgendeiner Mordgeschichte, Sklave bei Königin Omphale und versah, statt Menschen und Tiere zu erwürgen oder mit dem Knüppel totzuschlagen, Dienste wie Wolle zu spinnen, trug statt seines Löwenfells Frauenkleider und verweichlichte auch sonst."

Edo Reents beruft sich hier auf "Herkules und Omphale" – ein Gemälde des französischen Barockmalers Laurent de La Hyre, der wie andere auch die besagte Verweichlichungsphase des Helden gemalt hat. Im Übrigen bleibt Reents bis zum Schluss gut gelaunt.

"Das zwanzigste Jahrhundert schließlich kennt Herkules vor allem als Filmmuskelprotz mit weniger zweifelhaftem Charakter. Unsere Pandemie wird er, so steht zu vermuten, gut überstehen; Vorerkrankungen sind bei dem Manne nicht bekannt."

Die Intellektuellen und das Virus

Geplant war es so nicht, Ehrenwort. Aber damit sind wir bei Corona. In der Tageszeitung DIE WELT plädiert Jan Küveler für eine "rhetorisch-virale Abrüstung", denn "im Eifer gegen die Corona-Maßnahmen gehen den Intellektuellen die Metaphern durch".

Unter dem sarkastischen Titel "Geht doch nach Hause mit eurem Ausnahmezustand!" knöpft sich Küveler etwa Giorgio Agamben und Daniel Kehlmann vor – am stärksten aber missfällt ihm Frank Castorf, der Theatermacher. "Castorf, der sich in der Virusverachtung mit dem amerikanischen Präsidenten solidarisiert, ist auch schnell beim Faschismus, wenn er als eigentliche 'Krankheit der Deutschen' das Wüten über Trump erkennt, denselben Wahn angeblich, 'der uns bis Stalingrad geführt hat und dann wieder zurück'". Der WELT-Autor Jan Küveler, den Kopf schüttelnd über Frank Castorf. 

Ohne personalisierte Attacken kommt dagegen Karen Horn in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG aus. "Wachsamkeit ist immer geboten, nicht aber ein hysterisches Beschreien von Freiheitsverlusten, die keine sind. Wer jetzt wähnt, wir beerdigten die liberale Demokratie und stünden schon mit einem Fuss im Totalitarismus, der darf sich beruhigen. Totalitär ist hier allenfalls das Virus. Es wird ihm nichts nützen. Es hat in der liberalen Demokratie einen ebenso starken wie selbstbewussten Feind."

Und das war’s. Wir hoffen, Sie haben am Wochenende die Gelegenheit, jemandem mit den Worten einer Überschrift der TAGESZEITUNG zu sagen: "An Dich denke ich sehr gern."

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(Deutschlandfunk Kultur, Buchkritik, 16.04.2020)

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(Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 28.10.2019)

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