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Kulturpresseschau | Beitrag vom 05.05.2021

Aus den FeuilletonsHannah Arendt trifft auch heute noch einen Nerv

Von Ulrike Timm

Hannah Arendt, 1969 auf einem schwarz-weiß Foto mit Zigarette in der Hand.   (picture alliance / dpa / AP)
Hannah Arendt war "eine Denkerin der Befreiung und betrieb Philosophie nicht als strenge Wissenschaft, sondern als leidenschaftliche Weltdeutung", so die "Zeit". (picture alliance / dpa / AP)

Die "Zeit" widmet Hannah Arendt einen Schwerpunkt, denn die Philosophin ist verblüffend aktuell. Sie schrieb über Freiheit, Menschenrechte und die Selbstzerstörungskraft der Demokratie. Arendt treffe stets einen Nerv, schreibt die "Zeit".

"Was würde Hannah Arendt dazu sagen?", fragt die ZEIT. "Man muss mit jedem reden", zitiert der TAGESSPIEGEL Erich Fried. Und Sophie Scholl postet auf Instagram, das meldet die WELT.

Heute kann man sich in den Feuilletons der Gegenwart versichern, indem man lang Verstorbenen zuhört. Manches an aufgeregten, aber nicht immer substanzreichen täglichen Debatten taucht das in ein anderes Licht.

Präzise Analysen von Hannah Arendt

Sophie Scholl wäre dieser Tage 100 Jahre alt geworden, ebenso der Dichter Erich Fried, bei Hannah Arendt ist kein Jubiläum nötig, die ZEIT widmet ihr auch so einen Schwerpunkt. Denn die Denkerin, die sich selbst eher als politische Theoretikerin denn als Philosophin sah, ist verblüffend aktuell. Hannah Arendt schrieb über Freiheit und Menschenrechte, sie erkannte die Selbstzerstörungskräfte der Demokratie und beklagte unseren Umgang mit der Natur.

"Warum Hannah Arendt stets einen Nerv trifft, ist leicht zu erklären", meint Thomas Assheuer in der ZEIT: 

"Sie war eine Denkerin der Befreiung und betrieb Philosophie nicht als strenge Wissenschaft, sondern als leidenschaftliche Weltdeutung. Kühn spekulierte sie sich durch die Jahrtausende und stillt bis heute das Bedürfnis nach der großen Erzählung. Altmodisch ausgedrückt: Arendt beschrieb die Stellung des Menschen im Kosmos. Sie dachte und schrieb sternenklar, und ein nüchternes Pathos atmen ihre Sätze auch."

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Und auch ein T-Shirt für 19,99 Euro mit der Aufschrift "Think Arendt" hält der Ruf spielend aus. Ein Zitat aus den vielen, die in den jubiläumspflichtfreien ZEIT-Schwerpunkt Eingang gefunden haben, picken wir auf. Also, Hannah Arendt:

"Ein merkliches Abnehmen des gesunden Menschenverstandes und ein merkliches Zunehmen von Aberglauben deuten darauf hin, dass die Gemeinsamkeit der Welt abbröckelt."

Präzise Analyse für die Aufregungslagen 2021, geschrieben 1958.

Sophie Scholl auf Instagram

"Heute live auf Instagram: Sophie Scholl" titelt die WELT. Die 1943 von nationalsozialistischen Richtern hingerichtete Widerstandskämpferin soll "ihre letzten Lebensmonate posten", auf Instagram. Hintergrund ist ein groß angelegtes Projekt der ARD.

Über viele Monate sollen Hunderte von Postings von "ihr selbst" Einblick und Aufklärung zu Sophie Scholl bieten, die zwar längst zur Ikone des Widerstands gegen Hitler wurde, die aber jüngst auch in erschreckender Verzerrung die Querdenken-Demonstranten für sich vereinnahmten.

Klar, die Instagram-Postings wenden sich vorwiegend an junge Menschen, die WELT findet die Idee faszinierend, warnt aber auch vor neuerlicher Vereinnahmung.

100 Jahre Erich Fried

Viele Feuilletons erinnern an den 100. Geburtstag des Dichters Erich Fried. "Zeitweise war er eine Art Wanderprediger der Protestbewegungen; eine ganze Generation konnte seine Liebesgedichte zitieren. Jede Lesung konnte zur Kundgebung werden, jede Kundgebung zur Lesung", so die FAZ.

"Nicht jeder, der die Lyrik liebt, muss sich für die Gedichte Erich Frieds begeistern. Aber wohl niemand, der Frieds Lebenserinnerungen liest, wird von dieser Lektüre unberührt bleiben."

"Mitunter sogar Lachen" heißen die Erinnerungen des Schriftstellers, dessen Vater von der Gestapo zu Tode getreten und weitere Familienmitglieder im KZ ermordet wurden. "Man muss mit jedem reden", war trotzdem eine unerschütterliche Lebensmaxime Erich Frieds.

Caroline Fetscher zitiert sie im TAGESSPIEGEL im berührendsten Artikel unserer Auswahl – als 16-Jährige hat sie Fried kennengelernt. Sein Londoner Haus stand jungen Menschen gerne offen, mit vielen blieb er in Verbindung, neugierig zugewandt und immer interessiert daran, wie es anderen ging und was sie dachten.

Einfach mal wieder etwas lesen, jenseits der daueraufgeregten immer gleichen Diskursschleifen – einen Brief von Hannah Arendt. Ein Posting von Sophie Scholl. Oder ein Gedicht von Erich Fried.

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