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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 07.04.2016

Aus den FeuilletonsGuns N’ Roses und die Faszination des Widerwärtigen

Von Gregor Sander

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Axl Rose bei einem Konzert in Spanien im Juli 2012. (picture alliance / dpa / Domenech Castello)
Axl Rose bei einem Konzert in Spanien. (picture alliance / dpa / Domenech Castello)

Sänger Axl Rose und Gitarrist Slash stehen nach 23 Jahren wieder gemeinsam auf der Bühne: Die "Welt" nutzt das für eine Abrechnung mit der selbsternannten härtesten Band der Welt. Aber was ist eigentlich so schlimm an Guns N’ Roses?

"Der böse weiße Mann", schreibt Michael Pilz in der Tageszeitung DIE WELT:

"Ein Archetyp, der einem heute überall entgegenspringt, entgegengeifert und entgegengreint. Der weiße Mann, der sich zu kurz gekommen fühlt, um seine angestammte Macht fürchtet und alles anfeindet, was anders ist als er."

Wer nun denkt, es geht um den durchschnittlichen Donald-Trump-Wähler oder um den durchschnittlichen Pegida-Demonstranten, der irrt. Es geht um Axl Rose, den Sänger von Guns N' Roses, die am Freitag ihr Comeback nach 20 Jahren feiern. Bezeichnenderweise in Las Vagas.

Kein gutes Haar an Guns N’ Roses

Die ganze erste Feuilletonseite hat die WELT ihrem Autor freigeräumt, für eine Schmähschrift über die selbsternannte härteste Band der Welt.

"Es gab ein Album mit Spaghetti in Tomatensoße auf der Hülle und mit Songs, die sie nicht selbst geschrieben hatten und noch rücksichtloser ruinieren konnten als ihr eigenes Lebenswerk und ihre eigene Band. Zu 'Raw Power' von Iggy und den Stooges fiel ihnen nicht mehr ein als ein Kneipenboogie."

Es bleibt kein gutes Haar an Guns N’ Roses und zu erklären ist das eigentlich nur mit einem Satz, den Michael Pilz über seinen Artikel geschrieben hat:

"Über die Faszination des Widerwärtigen."

"Das Unerlaubte in Anführungszeichen"

Vielleicht hat die ja auch Jan Böhmermann angetrieben, bei seiner Erdogan-Satiere im ZDF, die er schon in der Sendung als etwas Verbotenes ankündigt.

"'Ich kann alles', mit dem Anspruch tritt der ZDF-Satiriker Jan Böhmermann auf, der glaubte, er könne demonstrieren, was bei uns erlaubt, aber eben auch nicht erlaubt ist, indem er das Unerlaubte, eindeutig Beleidigende in Anführungszeichen setzte und dann herunterbetete."

meint Michael Hanfeld in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG. Deutliche Anerkennung erhält Böhmermann hingegen von Christian Schlüter in der BERLINER ZEITUNG.

"'Das ZDF löscht das Gedicht aus der Mediathek, die Mainzer Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Böhmermann, die Bundeskanzlerin.' rügt die "Schmähkritik". Damit übernahmen alle exakt jene Rolle, die Böhmermann ihnen zugewiesen hatte: Sie wurden zu einem Teil eines Drehbuches, das er schon längst geschrieben und veröffentlicht hatte. Böhmermanns satirische Kunst spielte auf einer erhöhten Reflexionsstufe."

Als der Staat seine Kindheit zerstörte

Aber ist verboten nicht trotzdem verboten oder könnte man auf dieser erhöhten Reflexionsstufe dann nicht auch sagen: Ich bringe jetzt mal jemanden um, um zu zeigen wie das geht, aber eigentlich ist es verboten. Oder hört bei Mord der Spaß auf? Nicht in Italien, wie in der FAZ zu lesen ist. Da wurde der Sohn des Mafia-Paten Salvatore Riina ins staatliche Fernsehen eingeladen, wie Jörg Bremer erzählt:

"Als die Polizei 1993 seinen Vater (nach mehr als 15 Jahren im Untergrund) abholte und ins Gefängnis steckte, habe der Staat seine Kindheit zerstört. Wie hätte er mit dieser Verhaftung einverstanden sein sollen, sagte Giuseppe Riina. 'Ich verfolge nur das vierte Gebot der Bibel, wenn ich Vater weiter ehre und liebe, so wie meine Mutter und die Familie.' Kein Wort über die ungezählten anderen Familien und Kinder, denen dieser verehrte Vater das Leben zerstörte."

Den Grund für die Einladung des Sohnes eines verurteilten Massenmörders erfährt man vom populären Moderator der Rai-Uno-Show, Bruno Vespa, in der TAZ:

"Riina beschreibe das Leben der berühmtesten Mafiafamilie Italiens, das wolle man doch wissen."

Liebeserklärung an das nächtliche Venedig

Mit diesem Italienbild wollen wir hier natürlich nicht enden. Also leihen wir uns das Schlusswort bei Alain Claude Sulzer, der in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG eine Liebeserklärung an Venedig schreibt, die gilt allerdings nur nachts.

"Venedig atmet freier, wenn es still und dunkel wird. Insofern ähnelt sein Schicksal dem eines Wiedergängers. Er scheut das Tageslicht und lebt lieber nachts. Venedig tut gut daran, tagsüber die Augen zu schliessen und sich in einen Sarg zurückzuziehen, über den die Touristen hinwegtrampeln mögen, wenn die Stadt nur kurz vor Mitternacht ihr altes, müdes Haupt wieder erheben kann."

 

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