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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 16.02.2019

Aus den FeuilletonsGiftigkeit kennt keine Grenzen

Von Klaus Pokatzky

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Bildnummer: 53251652 Datum: 25.07.2009 Copyright: imago/imagebroker Gummi- und Kunststoffprodukte enthalten gesundheitsschädliche und geruchsaktive Substanzen (imago)
Auch eine niedliche Gummiente kann toxisch sein (imago)

Giftigkeit - neudeutsch auch Toxizität genannt - in allen Facetten bestimmt den Wochenrückblick auf die Kulturseiten der Zeitungen. Die "Zeit" schreibt gar vom Gefühl der Selbstgiftigkeit. Die Berlinale war auch Thema.

"Wir sind Sondermüll auf zwei Beinen." Das lasen wir in der Wochenzeitung DIE ZEIT. "Toxisch, was sonst. Dieses Gefühl der Selbstgiftigkeit sollte niemand unterschätzen", rief uns Hanno Rauterberg zu und fragte: "Schützt uns denn keiner vor dem Kontrollverlust?" Doch, die Kulturpresseschau, Herr Kollege. "Meine erste Berlinale", erzählte der Regisseur Axel Ranisch dem Berliner TAGESSPIEGEL, "habe ich 2005 an der Seite von Rosa von Praunheim erlebt. Ich trug Zylinder und einen goldenen Glitzeranzug, Rosa einen silbernen, überall stellte er mich als seinen Professor vor. Ich hatte einen Vibrator in der Hand, mit dem wir Prominente interviewten." Das ist nicht toxisch – das ist wahres Leben.

Kleider machen Leute

"Bei der Verleihung des Goldenen Berlinale-Bären für ihr Lebenswerk trägt sie ein schlicht raffiniertes, schwarzes Ensemble aus weiter langer Hose und asymmetrisch gefälteltem Jackett mit Satinrevers." So klärte uns die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG auf, "wie Charlotte Rampling, die europäischste der großen Filmdiven, die Ehrungen der Berlinale entgegennahm". Kleider machen Leute: ganz ungiftig.

"Ich bin eine Einzelgängerin", sagte die große Schauspielerin. "Ich bin immer ich, und dieses Ich muss ich abziehen wie eine Haut", meinte sie im Interview mit dem TAGESSPIEGEL. "Jeder Künstler hat etwas Manisch-Depressives. Wir putschen uns zu Emotionen auf, beleben eine falsche oder künstliche Welt mit unserem Herzblut, sind high, wenn wir arbeiten. Danach fühlt man sich verloren, einsam, fremd. Manche Schauspieler versuchen deshalb, immer high zu bleiben. Ich bin da anders, ich brauche Phasen ohne Stimulation." Alles andere wäre ja auch fast schon wieder toxisch.

Vom Schauspieler zum Journalist?

"Soll ich Ihnen sagen, was mir am Schauspielerberuf bis heute am besten gefällt?", fragt der Schauspieler Christian Bale in der WELT AM SONNTAG – und gibt gerne die Antwort: "Dass mir der Beruf die Möglichkeit gibt, Menschen zu erforschen. Ich kann mich zur Vorbereitung auf eine Rolle lange mit ihnen unterhalten, ihnen ernsthafte Fragen stellen. Insofern würde mich auch Journalismus interessieren. Da muss man auch Fragen stellen."

Aber nicht immer; manchmal muss man als Journalist einfach auch nur hinnehmen; gefasst Trauriges akzeptieren. "Den größten deutschsprachigen Schauspieler seiner Generation", einen "freundlichen, schmerzlich nachdenklichen, anmutigen Künstler", würdigt die FRANKFURTER ALLGEMEINE SONNTAGSZEITUNG: Bruno Ganz, der in der Nacht zum Samstag in seiner Geburtsstadt Zürich im Alter von 77 Jahren gestorben ist. "Ein Text, den Bruno Ganz hatte, konnte darum noch so schlicht, entschieden oder gar banal sein, sein schweizerisch eingefärbter Tonfall gab ihm stets", schreibt Jürgen Kaube, "ein Moment des Zögerns und einer mentalen Reserve mit, die im Gesicht des Schauspielers körperlich wurde."

Erste Filmauftritte während der Ausbildung

Ein "Weltstar" war er für den TAGESSPIEGEL – der "über ein halbes Jahrhundert die Szene geprägt" habe: "als melancholischer Schalk, als tragischer Komödiant". Zwölfmal war er in Filmen auf der Berlinale vertreten. "Als Schauspieler war er zunächst ganz ein Theaterstar", schreibt Peter von Becker. "Dass er nach dem kurz vorm Abitur abgebrochenen Gymnasium schon während seiner Ausbildung am Zürcher Bühnenstudio erste Filmauftritte hatte, ist längst vergessen."

Lange nicht vergessen wird aber, was den Schweizer mit seinem "südlichen, einem romanischen Flair" ausgezeichnet hat: "Von Gestalt und Gesicht war er schon jung nie ein Wildling, doch immer ein Spieler, der aus dem Inneren, aus dem Unscheinbaren sanft explodieren konnte oder strategisch hochbewusst ausgebrochen ist: in die dunkleren, geheimnisvollen Reiche der Grenzgänger, der Überschreiter und Traumtäter. Ein Pionier der abgründigen Psyche und des poetischen Genies."

Die großen Stars, das wissen wir Journalisten aus leidvoller Erfahrung, können ja manchmal ganz schön nervig sein. Bruno Ganz war da anders. "Persönlich war er von selbstbewusster Bescheidenheit, manchmal nicht unkokett, doch fernweg jeder Arroganz", erinnert sich Peter von Becker im TAGESSPIEGEL: "In den Augen saß immer der Schalk, auch wenn ihn wie in vielen Rollen so auch im Leben eine gewisse Melancholie umtrieb."

Wie trainiert man Arroganz ab?

Arroganz lässt sich schließlich auch abtrainieren. Die kanadische Schriftstellerin Sheila Heti etwa wurde von der "New York Times" als eine der Vordenkerinnen unserer Zeit beschrieben – was sie aber nicht stolz macht: Da ist ihr Lebenspartner vor. "Er ist ständig sauer auf mich", erzählte sie im Interview mit der SÜDDEUTSCHEN, "zum Beispiel wegen irgendetwas, das ich im Haushalt falsch mache, und fragt mich dann: ‚Warum tust du das nur?‘" Sheila Heti gab ein Lebensrezept für uns alle: "Wenn du mit jemandem zusammenlebst, ist es unmöglich, mit einer Größenfantasie von dir selbst durch die Welt zu spazieren."

Andere greifen zu Gefährlichem. "Auch Drogen sind ja bekanntlich nichts anderes als Gifte. Und ihnen zu verfallen, den toxischen Rausch zu genießen, soll nicht ganz ohne Reiz sein", erinnerte uns Hanno Rauterberg in seinem Text "Über die erstaunliche Karriere des Wörtchens toxisch" in der ZEIT. "Mein Festival-Überlebensmittel", präsentierte da lieber zur Berlinale der Schauspieler Kida Khodr Ramadan im TAGESSPIEGEL: "Ich trinke sowieso keinen Alkohol und nehme keine Drogen und Leuten, die mir nicht guttun, geh ich aus dem Weg!"

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